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Fashion | 24.11.2021

"Schlag den Ball, wenn er da ist"

Die Story hinter Beware of Mainstream: Mišo Ćurčić de Jong erlebt eine idyllische Jugend im Mostviertel, sein migrantischer Background wird erst später relevant. Ausbremsen lässt er sich nicht, parallel zur Managerkarriere startet er mit nachhaltiger Mode durch.

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(© Andreas H. Bitesnich)

Hätte er das Konzept am Reißbrett entworfen, „wäre das nie so aufgegangen“, lacht Mišo Curcic de Jong und lässt auch im Gespräch durchaus Demut vor den besonderen Fügungen zuletzt durchblitzen. Wenngleich seine Bio einige Managementpositionen beinhaltet, sei er ein „chaotischer Bauchmensch“, sagt er, der aber weiß, wann der Ball zu schlagen sei. Das tut er, als er die Kostümdesignerin Ulrike Janich kennenlernt und ebenso als er die Chance hat, mit dem Starfotografen Andreas H. Bitesnich zu shooten. Nun ist das Baby – sein Label „Beware of Mainstream“ – geboren. Woher kam es? Wohin geht es? Und wie verträgt sich ein nachhaltiges Modekonzept mit einem Job in der Ölindustrie? Wir hatten einen ganz schön bunten Fragenkatalog dabei, als wir den Neo-Labelgründer in Perchtoldsdorf trafen.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Wie war deine Kindheit im Mostviertel?
Mišo Ćurčić de Jong: Eine rosarote Welt. Mein Vater ist 1968 als Gastarbeiter nach Österreich gekommen, er hat in großen Fabriken gearbeitet. Ich bin in Golling aufgewachsen, dort klappte es, wie es sich gehört: Wir haben versucht, uns zu integrieren, ohne unsere Wurzeln zu verlieren.

Wieso hast du die HTL St. Pölten gewählt?
Viele meiner Freunde haben schon gearbeitet, hatten Geld und Mopeds, ich wollte eigentlich eine Lehre machen. Aber mein Vater war auf die HTL-Matura erpicht. Er war überzeugt, dass man seinen Status nur mit Bildung verändern kann. Meine Eltern waren Arbeiter, keine Schwerverdiener; ich bin ihnen dankbar für alle Möglichkeiten, die ich hatte. Darum wollte ich nie, dass sie wegen mir zum Elternsprechtag müssen. Fleißig war ich zwar nicht, aber mein Motto war: Vier gewinnt (lacht). Ich hätte lauter Einser haben können, aber ich hab‘ früh gekneist, wie es funktioniert: Schlag den Ball, wenn er da ist!

… sofern man dich lässt. Das war nach dem Kolleg-Abschluss nicht der Fall.
Auf Jobsuche in Wien musste ich das erste Mal die Erfahrung machen, welche Bedeutung ein ausländischer Name haben kann. Noch dazu mein serbischer Ćurčić, wo „wir“ wegen des Kriegs in Ex-Jugoslawien als „die Bösen“ galten. Ich hatte an die 150 erfolglose Bewerbungen.

Wie hast du da reagiert?
In Wien wehte ein anderer Wind, das ist heute hoffentlich nicht mehr so arg. Damals hat es mich gekränkt. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte, dass ich plötzlich wegen meiner Herkunft schlechter gestellt wurde. Was heißt Herkunft?! Ich bin ja in Melk geboren. Man hat mir immer gesagt, dass ich mit Bildung alles schaffen kann, aber so war es nicht. Also bin ich zuerst nach Pöchlarn zurück und hab‘ auf Baustellen gearbeitet; ich wollte Geld verdienen. Bis mich ein Freund anruft: „Mischa, trampen wir durch Europa.“

Und ihr habt euch in den Zug gesetzt.
Insgesamt war ich mehr als zwei Jahre unterwegs; allein in Griechenland haben wir mehr als ein Jahr verbracht und uns das Leben mit Gelegenheitsjobs finanziert. Wieder in Österreich habe ich mich als Customer Serviceleiter beworben und den Job gekriegt, weil der Verantwortliche meinte: „Wer mehr als zwei Jahre ohne Geld Europa bereist, der findet sich zurecht.“ (lacht) Das war mein Einstieg ins Berufsleben. Später wechselte ich in die Telekommunikationsbranche und als ich das Gefühl hatte, dass ich anstehe, habe ich noch ein Wirtschaftsstudium gemacht.

Du hast dann hohe Positionen durchlaufen und ihr habt eine Familie gegründet. Hast du den Namen von deiner Frau?
Genau, sie ist Holländerin. Als wir geheiratet haben, wollte ich ihr nicht meinen Namen antun, also habe ich ihren an meinen gehängt: Ćurčić de Jong – das klingt cool und fancy (lacht).

Heute bist du in einem russischen Ölkonzern Marketingdirektor für den europäischen Markt. Wie verträgt sich das mit einem nachhaltigen Modelabel?
Das war die erste Frage, die meine Söhne (acht und 16 Jahre, Anm.) mir gestellt haben. Ich habe auch ihnen erklärt, dass ich zwei Sachen machen kann: bei mir selbst anfangen (mit dem Klimaschutz, Anm.), was ich ohnehin mache, und in die Höhle des Löwen gehen, um von innen heraus Dinge zu verändern.

 

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Top-Leute.
Model Runa Ruckstuhl, geshootet von Andreas H. Bitesnich – in und für das Upcycling Fashion Label „Beware of Mainstream“

 

(c) Andreas H. Bitesnich

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Mischa goes Model.
Für die erste „#fishgetseasick“-Kollektion stand der Labelgründer selbst vor der Kamera des Starfotografen – mit Topmodel Runa Ruckstuhl.

 

(c) Andreas H. Bitesnich

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Jugendfreund*innen aus Pöchlarn. Schauspielerin Ursula Strauss gehört zur Fangemeinde von Mischas Label „Beware of Mainstream“.

Hattest du je Zweifel dabei?
Nein. Ich wusste, ich muss mich komplett neu erfinden, dann kann ich was bewirken. Nachhaltigkeit ist ein großes Thema in der Ölbranche; mit Schmierstoff beliefern wir zum Großteil die Industrie, die Konsumgüter herstellt. Geschmiert muss überall werden, selbst wenn man mit dem Zug fährt, braucht auch der Schmierstoff.
Es passiert aber immer mehr: Wir haben es in zwei Jahren geschafft, dass unser Strom am Standort Wien CO2-frei wurde, wir haben Bienenstöcke und produzieren Honig, haben Schafe, statt Rasen zu mähen und pflanzen 120 Bäume … Ich zeige meinen Kindern, dass selbst in einem Ölkonzern mit kreativer Denkweise viel verändert werden kann.

Apropos kreativ: Dein Labelname entstammt einer Idee für eine Kampagne, die eigentlich „durchgefallen“ ist …
Ich hab‘ „Beware of Mainstream“ (hüte dich vor dem Üblichen, Anm.) vor mehr als zehn Jahren mit Werbeagentur Blink-Chef Michi Braun für ein Smartphone entwickelt; der Konzern war hellauf begeistert, aber es hieß: Das ist zu kühn, das passt nicht zu uns. Damals war ich enttäuscht und die Idee ist in meiner Schublade verschwunden.
Als Instagram kam und weil ich leidenschaftlich gerne fotografiere, hab‘ ich das Logo für mein Profil verwendet. Irgendwann fragt mich ein Follower, ob er einen „Beware of Mainstream“-Sticker haben darf und das hat was ausgelöst. Ich hab‘ begonnen, zig Sticker in die Welt zu verschicken, einfach so. Die Leute hatten so eine Freude, sie haben mir von überall Fotos geschickt: aus Montevideo, von der chinesischen Mauer, von den Demonstrationen in Barcelona. Ungeplant passierte das, was man sich nur wünschen kann: Ich hatte plötzlich „user generated content“. Später begann ich, Shirts zu bedrucken. Ich bin damit nicht reich geworden, aber es war ein Spaß zu sehen, wie etwas ins Rollen kam.

Ist das dein Erfolgsgeheimnis?
Das ist mein Naturell. Ich bin kein Planungsgenie, aber wenn es notwendig ist, kann ich es gut und ich hab‘ ein gutes Gespür. Über Instagram hab‘ ich die deutsche Kostümdesignerin Ulrike Janich kennengelernt und gesehen, dass sie mit dem Stoff alter Militärseesäcke arbeitet. Ich hab‘ sie gefragt, ob sie mir nach meinen Vorstellungen einen Parka schneidern kann. Wenn ich dann damit unterwegs war, haben mich viele darauf angesprochen. Bis ein Freund gesagt hat: „Du hast da eine mega Marke und ein apartes Produkt, mach‘ was draus.“ Da ist der Groschen gefallen.

 

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(c) Andreas H. Bitesnich

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Praktisch unkaputtbar.
Die Modelle werden aus robusten Militärseesäcken geschneidert. Die Kollektion ist zeitlos und soll stets nur um einzelne Stücke erweitert werden. Produziert wird on demand.

 

(c) Thomas Schäkel

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Praktisch unkaputtbar.
Die Modelle werden aus robusten Militärseesäcken geschneidert. Die Kollektion ist zeitlos und soll stets nur um einzelne Stücke erweitert werden. Produziert wird on demand.

 

(c) Thomas Schäkel

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Praktisch unkaputtbar.
Die Modelle werden aus robusten Militärseesäcken geschneidert. Die Kollektion ist zeitlos und soll stets nur um einzelne Stücke erweitert werden. Produziert wird on demand.

 

(c) Thomas Schäkel

Daraufhin hast du mit Ulrike Janich die Kollektion #fischgetseasick kreiert, die Starfotograf Andreas H. Bitesnich mit Topmodel Runa Ruckstuhl shootete. Das erste große Investment?
Ich hätte mir das nicht leisten können, wenn nicht Michi Braun (Agentur  Blink, Anm.) Andreas die Kollektion gezeigt hätte. Er war begeistert vom Label, auch Runa Ruckstuhl selbst. So wurde das ein überschaubares Investment. Dann sagte Andi noch: „Wir brauchen ein männliches Model, Mischa, da stellst dich gleich selbst hin, hässlich bist nicht und das ist authentisch.“ (lacht)

Wie soll es weitergehen?
Ich wünsche mir, dass Menschen unsere Teile tragen, die Freude daran haben und nicht, weil sie in sind und man sie haben muss. Was mich besonders freut: Ab 1. Dezember präsentiere ich erstmals die „Beware of Mainstream“-Modelle im Studio der Designerin Nin Prantner in Wien (Breite Gasse 19).

***

Eine schöne Metapher für Mišos Credo (siehe Titel): Die Kollektion wird bald um eine Tennistasche erweitert.

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Interview in Perchtoldsdorf. Mišo Ćurčić de Jong im Gespräch mit Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi

KURZBIO

Mišo Ćurčić de Jong wuchs in Golling an der Erlauf als Jüngster von drei Brüdern auf. Er absolvierte ein College für Nachrichtentechnik und technische Informatik, später berufsbegleitend ein Studium für europäische Wirtschaft und Unternehmensführung. Er arbeitete 20 Jahre in der Telekommunikationsbranche, vor gut zehn Jahren entwickelt er mit dem befreundeten Werbeagentur Blink-Chef Michi Braun die Marke „Beware of Mainstream“; zunächst verwendet er das Logo aus Spaß für Instaprofil und Sticker. Kürzlich kreiert er mit Kostümdesignerin Ulrike Janich die erste Kollektion aus alten Militärstoffen: der Start für das Label „Beware of Mainstream“. Ćurčić de Jong lebt mit seiner Familie in Perchtoldsdorf. bewareofmainstream.com