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Fashion | 22.04.2022

Die Spinnerin

„Du spinnst!“, das hörte Sabine Wagenhofer des Öfteren, als sie ihr Burn-out gegen ein Spinnrad eintauschte. Ihre Mission? Slow Fashion aus dem, was Tiere und Pflanzen der Region geben, zum Wohle der Menschen und zum Schutz unseres Planeten.

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"Das Spinnen war die beste Therapie gegen meine innere Unruhe", sagt Sabine Wagenhofer

Fotos: Chris Rogl, Angelica Pral-Haidbauer

Meine Freundin aus Hörersdorf bat mich, die Adresse einer Frau ausfindig zu machen, die Hundehaare zu Wolle spinnt, denn sie hat noch zweieinhalb Kilo Haare ihrer geliebten Yorkies zu Hause. Der Name ist schnell recherchiert, das Telefonat mit Sabine Wagenhofer dauert dafür umso länger – und ich bin mittendrin in der Faszination einer alten Handwerkstechnik und einer beeindruckenden Frau. Also: Termin ausmachen, hinfahren.
Das Haus in Nußdorf am Haunsberg ist umgeben von Wiesen. Man kommt zur Ruhe. „In diesem Haus war sogar des Öfteren Herbert von Karajan zu Gast, wenn er der Oichten entlang spazieren ging. Der Nachbar war nämlich ein Kriegskamerad des berühmten Dirigenten“, erzählt Sabine Wagenhofer, als sie mich zu ihrer Werkstatt führt. Wolle, soweit das Auge reicht.

Zum Spinnen kam sie durch ein Burn-out. Als ihr plötzlich am Steuer ihres Autos die Sinne versagen, als plötzlich nichts mehr ist, wie es war. Der Arzt vermutet ein Blutgerinnsel, was sich nicht bestätigt, in der Klinik dann die Diagnose: Fatigue-Syndrom, ein kompletter Erschöpfungszustand. Ihr Körper präsentiert der unter Dauer­stress Stehenden die Rechnung für die Jahre in einem Job im Logistikbereich. Heulkrämpfe, Panikattacken, abgestellt im mentalen Nichts. Aber da ist ein Spinnrad. „Es war zwar nicht mehr das meiner Uroma, aber ich hatte immer ein Spinnrad im Wohnzimmer. Wenn dann wieder der Holzwurm zugeschlagen hatte, holte ich mir am Flohmarkt das nächste, was meinen Mann zur Verzweiflung brachte.“ In dieser Zeit im Out kommt die Faszination zurück, die sie verspürte, wenn sie als Kind neben ihrer spinnenden Uroma saß. „Ich war etwa fünf Jahre alt, als sie mir das Spinnen lehrte. Und nun hatte ich Zeit. Ich holte mir also ein halbwegs noch funktionierendes Spinnrad, ein neues wäre zu teuer gewesen. Wie von Zauberhand geleitet, hatte ich innerhalb von drei Wochen das Spinnen wieder in den Fingern.“ Ausschlaggebend für den Ankauf eines neuen Spinnrads war ihr Mann Hannes, der bereits spürte, „dass das mit dem Spinnen eine längere Geschichte wird“. Und er behielt recht. „Ich wusste, das will ich machen! Eine ehrliche, gesunde Arbeit, das muss funktionieren!“ Bald entstanden die ersten Pullis, und obwohl sie in die Firma zurückkehren hätte können, zog sie einen endgültigen Schlussstrich. Cut. Den Weg zum AMS tritt sie mit einer gerade angefertigten Weste an, die den Berater überzeugt. Sabine Wagenhofer erhält Unterstützung bis zum Start ihres Gewerbes. Einzige Schwierigkeit: Für das alte Handwerk Spinnen gibt es keine Sparte, also landete sie in der Sparte Erzeugung von Strick- und Wirkwaren. Stimmt zwar nicht, aber immerhin ...


Spinnen …
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Vor sechs Jahren

Sabine beginnt mit Schafwolle, am besten aus der Region. Tatsächlich kommt zu dieser Zeit die Schafwolle aus Südafrika oder Australien, aber nicht aus Österreich. „Mein Mann ist aus Perwang und ich wusste, im Ort steht ein Schild mit ‚Schafwolle pur‘, also bin ich hingefahren. Von der Angela bekomme ich auch heute noch meine Wolle. Später kam auf Kundenwunsch die Alpakawolle dazu, was aber gar nicht so meins ist, weil die Alpakas eigentlich nicht aus  unserer Region sind. Aber einige Alpakas gibt es ja doch in meiner Umgebung.“ Anfangs hat sie auch auf Angora verzichtet, „weil die Tiere gerupft werden“. Von einer Freundin bekommt sie dann aber die Wolle ihrer Angorahasen, weil diese „die Wolle bürstet“. Mit der Mohairwolle aus Bad Gastein wird das Angebot weiter ausgedehnt – die Produktion läuft auf vollen Touren. Nach Wolle suchen muss sie bald nicht mehr, denn seit sich herumgesprochen hat, dass es am Haunsberg eine Spinnerin gibt, bringen die Leute der Umgebung, vor allem auch viele Niederösterreicher, das Schergut zu ihr. Spinnen, färben, stricken, häkeln. „Es war genau heute vor einem Jahr, als ich an einen Punkt kam, wo ich aufhören wollte. Für das Spinnen von 100 Gramm bereits kardierter Wolle brauche ich zweieinhalb Stunden, für 100 Gramm Hundewolle dreieinhalb bis sechs Stunden. Dann kommt erst das Verarbeiten. Viele, viele Stunden und kaum Einnahmen.“ Die geliebte Arbeit ein wirtschaftliches Nullsummenspiel? Ein kurzer Weg noch durch den Garten, Gedanken ordnen beim Sträucher schneiden, bevor sie die Kammer anruft und das Gewerbe abmeldet.

In dieser Minute poppt eine Nachricht am Handy auf. Der ORF. Man hat gehört, sie verarbeite Hundewolle. „Die wollten eine Reportage bei mir machen – und ja, da kann ich doch nicht aufhören, das war ein Zeichen“, lacht sie und erzählt von den nachfolgenden Sendungen mit ihr in „ORF aktuell“ oder bei der „Guten Morgen Österreich“-Sendung, als man bereits um halb sechs Uhr früh einen Live-Einstieg drehte. Im Sommer dann der Auftritt bei Barbara Karlich zum Thema „Altes Wissen, neu entdeckt“. Der Aufhänger war jeweils die Hundewolle. Spätestens seit sie in der Silvester-Ausgabe einer großen Tageszeitung vorgestellt wird, „explodiert die Arbeit“. „Oft haben die Leute zu mir gesagt, ‚du verspinnst eh deine Hunde auch‘, aber das war nie der Fall“, obwohl die beiden Familienhunde, der Neufundländer „Mister Higgins“ als auch der Komondor, ein ungarischer Hirtenhund namens „Lenny“, ein ziemlich dickes Fell haben ...

Wie das Spinnen der Hundewolle begann? „Auf Facebook bin ich in einer Neufundländer-Gruppe. Eine Frau aus Deutschland hatte noch die gesamte Hundewolle ihres verstorbenen Hundes und wollte versuchen, diese zu filzen. Und ich schreib drunter, ‚wenn du das nicht schaffst, dann schick sie mir, ich spinne sie dir‘.“ Beinahe selbst erschrocken über ihre großen Worte, kam die Wolle – und siehe: Das Spinnen funktionierte! Ein weiterer Post mit der gesponnenen Hundewolle – und die Medien gaben sich die Türklinke in die Hand. Nervös ist sie dabei nie. Einmal sitzt ein Moderator in ihrer Werkstatt und sagt: „Du faszinierst mich. Denn du bist mit so wenig so glücklich.“ Eine Aussage, welche die nun in sich ruhende Frohnatur der Spinnerin auf den Punkt bringt.

Heute liegt die Wolle ein dreiviertel Jahr, bis sie überhaupt gesichtet werden kann. Zu lange ist der Weg vom Kardieren bis zum Verspinnen und Verzwirnen. So stecken zum Beispiel im Pullover aus der Wolle eines Weißen Schäfers mindestens 100 Stunden Arbeit. Berechnete Sabine Wagenhofer anfangs zehn Euro pro Stunde, so musste sie den Betrag nun auf 15 Euro anheben. Mit der Coronazeit kam die „Lust auf Farbe“. Gefärbt wird ausschließlich mit natürlichen Farbstoffen wie Zwiebelschale, Brennnessel, Hollunder, Goldrute, Lavendelblüten und für das intensive Rot mit Rubia, der Wurzel des Färberkrapps. Je nach gewünschter Farbintensität wird die gesponnene und gebeizte Wolle für einige Stunden bis zu mehreren Tagen in den Pflanzensud gelegt, bevor sie dann fixiert und mit der Kraft der Sonne getrocknet wird. Danach werden die Modelle nach Wünschen der Kunden gefertigt. Mit der Geburt des Enkelsohnes kam noch die Babymode dazu. „Für unseren Kilian habe ich gefühlt alle zwei Monate einen neuen Pulli gestrickt. Gerade bei den Kindern ist es so wichtig, dass sie keine Chemie im Gewand haben, sie jedoch leistbar für alle sein soll. Das brachte mich auf die Idee des mitwachsenden Kinderpullis. Das Startmodell aus Schafwolle beginnt mit 55 Euro und kann immer wieder gegen einen größeren mit geringem Aufpreis eingetauscht werden.“ Sabine Wagenhofer ist eine Einzelspielerin, ihre Mission begeistert jedoch einen immer größer werdenden Kreis von Menschen, die ganz bewusst Nachhaltigkeit leben wollen. Ganz nach der Prämisse der Eco-Fashion-Pioniere VIN + OMI, die Sabine ihr Motto mit Freude und Vertrauen zur Verfügung gestellt haben: Stop Fucking The Planet!

Mehr über Sabine Wagenhofer erfahren Sie auf www.sawa-ecofashion.at.
Auch über einen Anruf unter der Nummer 0676/342 51 16 freut sich die
Spinnerin.

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© Chris Rogl