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Lifestyle | 29.05.2017

Analog ist in!

Platte, Papier und Omas Service feiern ein fulminantes Comeback. Die Heimat ist wieder in, Stress zu haben zunehmend out – was geht, was kommt, weiß Zukunftsforscherin Christiane Varga.

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(© Shutterstock)

Da stehe ich nun in Salzburg, 345 Kilometer von Kindern und Ehemann entfernt – und das Smartphone streikt. Zwölf Stunden komplettes Handy-Detox. Unfreiwillig, sehr ungemütlich. Keine Anrufe, keine SMS, kein Facebook, kein WhatsApp, keine Musik, kein schnelles
Zwischendurchrecherchieren. Was für ein Glück: Ich habe einen Papierkalender! Ja, warum eigentlich?

„Die Leute wissen: Was sie in Händen halten, kann ihnen nicht weggenommen werden. Ausnahmen sind Feuer, Naturkatastrophen oder Diebstahl. Sonst kann ein Notizbuch bis in alle Ewigkeit existieren. Damit schlägt es sämtliche Back-ups jeder digitalen Datei“, zitiert der kanadische Journalist David Sax ausgerechnet einen US-Computerfachmann. Erst im März erschien in deutscher Übersetzung sein aktuelles Werk: „Die Rache des Analogen. Warum wir uns nach realen Dingen sehnen“.

Der Jahresbericht der Österreichischen Musikwirtschaft (IFPI) untermauert Sax’ Beobachtungen auch hierzulande: Parallel zum Streaming-Boom, stiegen die Vinyl-Verkäufe mit einem Umsatzplus von 25 Prozent auf stolze 7,1 Millionen Euro. Und: Nein, das sind nicht nur die Nostalgiker. „Der Saturn Vinyl-Report zeigt, dass bereits 4 von 10 Österreicher Schallplatten besitzen. Davon ist mehr als jeder 4. Vinyl-Hörer zwischen 14 und 19 Jahre alt.“

 

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(© Shutterstock)

Was steckt hinter diesem Trend, der sich mit Notizbuch, Gartenlust und „Mensch ärgere dich nicht“ in unsere Herzen schleicht? Wir trafen Zukunftsforscherin Christiane Varga zum Interview.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Welche Lebensbereiche betrifft der Retro-Trend?
Christiane Varga: Fast alle! Wir sprechen von Neo-Biedermeier, dem Rückzug aufs eigene Nest, es werden alte Gemüsesorten gezogen, Omas Rezepte ausgegraben, das alte Rennrad ist wieder in, es werden wieder Schallplatten gehört, Kalligrafie auf schönem Papier erlebt ein Comeback...

Warum gefällt uns all das wieder?
Retro an sich ist retro – diesen Trend gab es auch in der Vergangenheit immer wieder. So präsent erscheint uns das heute deswegen, weil der Kontrast zur digitalen, vernetzten Welt so stark ist. Prinzipiell gilt: Jeder Trend hat auch einen Gegentrend. 
So stehen der Digitalisierung etwa die Sehnsucht nach multisensorischem Erleben gegenüber, der Globalisierung der Wunsch nach Verankerung: Man kehrt zu den Wurzeln zurück, das hat etwas Identitätsstiftendes im digitalen, unendlichen Raum. Ein großes Thema ist „do it yourself“ in einer neuen Arbeitswelt, in der wir immer „nie fertig“ sind. Viele entscheiden sich im zweiten Bildungsweg bewusst für Berufe wie Tischler, um dann etwas Fertiges in Händen halten zu können.

Warum stehen wir auf Omas abgeschlagenes Blümchenservice?
Mit Omas Service habe ich ein Stück individuelle Geschichte – Storytelling versus Ikeaisierung. Der Zugang zu solchen Themen spiegelt auch immer die jeweilige wirtschaftliche Entwicklung wieder. Ein wichtiges Schlagwort dabei ist für uns auch die Nachhaltigkeit. In der einen Hand das neueste Smartphone, in der anderen das abgegriffene Notizbuch. Das ist doch widersprüchlich... Das ist nur vermeintlich schizophren – und eigentlich kein Widerspruch. Das Netzwerkprinzip breitet sich aus, wir haben Facebook und Instagram, lassen aber gleichzeitig Fotobücher drucken, um wieder etwas in der Hand zu haben. Es wurden auch schon Hybride entwickelt: Notizbücher, auf deren Blättern die Informationen digital erfasst werden. Doch ich glaube weniger, dass sich das durchsetzen wird. Wir wollen beides, das Analoge und das Digitale – und zwar parallel.

Was hat es mit der Neo-Biedermeier-Heimkehr auf sich?
Je neuer, je komplexer die Welt wird, desto mehr Unsicherheit kann sich breitmachen, desto größer der Wunsch nach Verwurzelung. Wir nennen das nunmehr Glokalisierung. Heute hat man scheinbar alle Optionen, wo auf der Welt man studieren, arbeiten, leben will. Viele nützen das auch, kommen aber wieder, bringen das Gelernte aus der Welt in ihre Heimatregion.

 

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Christiane Varga, 31... arbeitet seit 2012 am Wiener Zukunftsinstitut, ist Trendforscherin, Referentin und Redakteurin. Die Schwerpunkte der studierten Germanistin und Soziologin: New Living, New Work und Geschlechterrollen. Die gebürtige Deutsche kam vor rund acht Jahren der Liebe wegen nach Österreich; kommenden Sommer läuten die Hochzeitsglocken. (© Marvin Pelny)

Selbst heute hört man immer wieder Politiker, die sich Frauen ausschließlich zurück an den Herd wünschen – ein Rückschritt?
Ich sehe das als ein letztes Aufbäumen; man kennt das auch aus der Kommunikations- und Streitpsychologie: Wer im Unrecht ist, poltert oft am lautesten. Parallel dazu erleben wir auch die „neuen Männer“ noch als überfordert. Beim sogenannten „Gender Shift“ handelt es sich um einen Megatrend, der einfach Zeit braucht; während neue Strukturen entstehen, alte Rollenbilder aufgeweicht werden, rumpelt es in der Kiste. Ich nenne das gerne Wachstumsschmerzen.

Es geht also um mehr als um die Veränderung der Rolle der Frau?
Die Lebensplanung von Frau und Mann, die Bilder von Job, Karriere und Familie sind im Wandel. Männer wollen nun auch sehen, wie ihr Kind aufwächst, und eine Beziehung zu ihm aufbauen. Geld verdienen steht nicht mehr so im Mittelpunkt. Die neue Währung heißt Zeit. Ebenfalls wichtig: Selbstverwirklichung und Achtsamkeit. Vor lauter Arbeit nur noch vier Stunden zu schlafen, dauernd Stress zu haben, sind allmählich out. Schweden ist uns in dieser Entwicklung voraus: Ein Familienvater, der nach 17 Uhr noch im Büro ist, gilt dort schon als uncool.
Wir befinden uns in einer Ausprobierphase, ist doch das Internet noch gar nicht so alt. In der Pioniersarbeit gilt es immer, viele Herausforderungen zu bewältigen – aber: Dafür haben wir den Luxus, uns nun jene Strukturen zu schaffen, die wir brauchen.

Sie haben mit KollegInnen kürzlich die Trendstudie „50 Insights. Zukunft des Wohnens“ herausgegeben. Die größte Überraschung dabei?
Die Menschen hatten früher im Bezug auf das Wohnen ganz futuristische Zukunftsbilder im Kopf. Es passiert fast das Gegenteil. Der technologische Fortschritt ist enorm, aber es wird nicht alles digital. Zentral ist die Frage: Was ist lebenswert in der Stadt? Die Antwort darauf liefern etwa Projekte wie das Urban Gardening; öffentliche Räume, die zu Gärten avancieren. Spannend ist auch die Gretzlbildung in Großstädten; die Sehnsucht, die Anonymität zu verlassen, um Gemeinschaften zu bilden. Und während die Stadt dörfliche Strukturen annimmt, holt das Land auf, erfindet sich neu, wird kreativ.

Wir werden älter „und wir bleiben vor allem länger jung“, schreiben Sie. Was bedeutet das?
Von der Vergreisung der Gesellschaft kann keine Rede sein: Wir bleiben länger fit, dank des medizinischen Fortschritts wird auch die Phase der Pflegebedürftigkeit kürzer. Daraus leiten sich neue Konzepte für das Miteinanderleben ab. Eine pragmatische Lösung: das Co-Housing, bei dem auch mehrere Generationen zusammen wohnen können. So kann eine junge Familie von der älteren Nachbarin profitieren und auch umgekehrt, wenn die eigene Oma woanders lebt. Es werden sich weitere Netzwerkstrukturen entwickeln, das Zusammenleben wird diverser.