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Lifestyle | 13.11.2017

„Wir haben die Nase vorn!“

... und zwar nicht nur in Sachen archäologischer Schätze im Vergleich zu London oder Berlin, wie St. Pöltens Bürgermeister Matthias Stadler erklärt. Warum „seine“ Stadt das Zeug zur Kulturhauptstadt Europas hat, verrät er im Interview.

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(© www.fotoprofis.at / Gerald Lechner)

Wenn gleich St. Pölten das Stadtrecht seit 1159 besitzt, als Landeshauptstadt ist die Stadt mit knackigen 31 Jahren die Jüngste in Österreich. Dem facettenreichen Newcomer könnte ein schillerndes Kapitel in seiner Geschichte blühen. Die Stadt, eine SP-Hochburg, und das VP-regierte Land ziehen über Parteigrenzen hinaus an einem Strang: St. Pölten soll 2024 – nach Graz (2003) und Linz (2009) – „Europäische Kulturhauptstadt“ werden. Was für die Kandidatur bereits passiert ist und was noch passieren soll, erfahren wir von Stadtchef Matthias Stadler.


NIEDERÖSTERREICHERIN: St. Pölten bewirbt sich um den begehrten Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2024“ – wie und wann entstand die Idee dazu?
Bürgermeister Matthias Stadler: Die gibt es, seit es das Thema „Europäische Kulturhauptstadt“ überhaupt gibt! St. Pölten hat den europäischen Gedanken immer hochgehalten und wurde dafür auch vielfach ausgezeichnet. Schon Anfang der 1990er-Jahre hatten wir eine große Europa-Ausstellung zum EU-Beitritt, wir engagieren uns mit Städtepartnerschaften, gründeten 1995 das Kooperationsnetzwerk Europäische Mittelstädte. Damals waren wir acht Städte, heute sind es 34. Als sich Graz und Linz beworben hatten, waren wir noch zu sehr mit der Landeshauptstadt-Entwicklung beschäftigt. Seither haben wir viel geschaffen, unsere Chancen stehen sehr gut.


... und St. Pölten hat heute das „Zeug“ dazu?
Ja! Wir sind im zentralen Raum Niederösterreichs, haben die Bundeshauptstadt und den Flughafen vor der Tür; es hat sich die Situation auf Straße und Schiene verbessert: Man ist in 23 Minuten am Wiener Hauptbahnhof, in 50 Minuten am Flughafen, via Railjet ist auch Linz nur noch einen Katzensprung entfernt – ebenso Salzburg, München, Passau.
Herausragend sind unsere historischen Ausgrabungen: Mit mehr als einer Million Bodenfunden matchen wir uns bereits mit Ausgrabungsstätten wie London oder Berlin – und wir haben die Nase vorn! Um einen namhaften Vergleich zu nennen: Mit Ötzi können wir bei den Funden locker mithalten.
Auch kulturell hat sich in der Hauptstadtentwicklung sehr viel getan. Wir haben uns das im Detail angeschaut: Es gibt keine zweite Stadt dieser Größenordnung, die drei Theater hat. Auch rund um Festspielhaus, Bühne im Hof und Landestheater tut sich viel; es entstand eine Szene mit kleineren Bühnen und Theatergruppen, die regelmäßig spielen. Wir haben außerdem das VAZ (Veranstaltungszentrum, Anm.), große Säle in der Niederösterreichischen Versicherung, in der Wirtschafts- und in der Arbeiterkammer... Ebenso gibt es in der Innenstadt wunderschöne barocke Räume, Kirchenräume, die Jugendstil-Synagoge, für die sich Stadt, Land und Bund darauf verständigten, sie ganz toll zu revitalisieren. Wenn ich mir ansehe, dass wir jetzt schon 15.000 Veranstaltungen im Jahr haben, dann brauchen wir unser Licht nicht unter den Scheffel stellen.

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OFFEN FÜR KREATIVE IDEEN. Nicht nur Fachleute, auch die rund 900 Vereine und überhaupt alle St. Pöltenerinnen und St. Pöltner will Bürgermeister Stadler einladen, sich in das Projekt „Kulturhauptstadt 2024“ zu involvieren. (© Michael Vorstandlechner)

Wo muss St. Pölten die Ärmeln hochkrempeln?
Wir haben mit dem Land Niederösterreich etwas Wichtiges ausgemacht: Wir werden uns jetzt nicht gegenseitig die Projekte ausrichten, die wir gerne realisiert hätten (lacht). Wir arbeiten gemeinsam an einem Kulturentwicklungsplan, der alle Schwerpunkte, die wir verfolgen wollen, aufzeigen wird. Wenn die Programmierung und die Bewerbung zur Kulturhauptstadt stehen, werden wir wissen, was wir uns noch leisten wollen. Es liegen aber natürlich auch Themen auf dem Tisch, die unabhängig von der Bewerbung sind. Einer der zentralen Punkte ist der Domplatz, für dessen Neugestaltung wir mit Jabornegg und Palffy ein tolles Architektenteam haben. Und es gibt auch kleinere Plätze, wo noch Infrastruktur geschaffen werden soll – mit oder ohne „Kulturhauptstadt“.
Mit Sicherheit werden wir das VAZ aufwerten und mindestens sieben Millionen Euro in die Attraktivierung stecken; das Land hat uns da auch schon Mittel zugesagt. Mit vielen Dingen warten wir natürlich nicht bis 2024.

 

„Wir wollen eine Top Einreichung über die Bühne bringen.“

- Bürgermeister Matthias Stadler

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HISTORISCHE LOCATION. Gespräch im Bürgermeisterzimmer – mit Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi und NIEDERÖSTERREICHERIN-Medienberaterin Doris Wieder (© Michael Vorstandlechner)

Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und Sie reichen einander die Hand – die Kosten für die Bewerbung von rund 2,4 Millionen Euro sollen zu gleichen Teilen von Land und Stadt getragen werden. Wieso funktioniert hier die Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg?
Weil es um eine gute Sache geht, von der alle Beteiligten profitieren werden. Bei solchen Themen hat Parteipolitik nichts verloren. Wir haben diesen Schulterschluss in der Vergangenheit erfolgreich geübt; ohne diesen wäre die Landeshauptstadt-Entwicklung nicht möglich gewesen.


Wie werden die 2,4 Millionen Euro in der Bewerbungsphase eingesetzt?
Es folgt jetzt die Knochenarbeit, ein sehr intensives Jahr mit vielen administrativen Vorbereitungen, die man nicht den Strukturen umhängen kann, die durch Theater, Museen und mehr ohnehin ausgelastet sind. Wir wollen eine Top-Einreichung über die Bühne bringen, da braucht es eine Gesellschaft, eine Geschäftsführung, Fachleute, Studien, ein Büro …
Unser Vorteil ist, dass wir schon jetzt über umfassende Planungen für die nächsten Jahre verfügen: Wir haben das Grünraum- und das Generalverkehrskonzept auf die Beine gestellt, letztes Jahr den Stadtentwicklungsplan abgeschlossen, der die Weichen für die nächsten 10 bis 15 Jahre stellt.


Wie werden die St. Pöltenerinnen und St. Pöltner in das Projekt „Kulturhauptstadt 2024“ eingebunden?
Möglichst breit. Die St. Pöltenerinnen und St. Pöltener werden Gastgeber sein und sollen sich auch so fühlen. Das beste Kulturprogramm nützt nichts, wenn der Taxler oder die Serviererin im Café nicht überzeugt sind. Darum laden wir auch alle ein, nachzudenken. Originelle Ideen kommen ja nicht nur aus dem Fachleute-Bereich. Auch die Kreativität unserer rund 900 Vereine ist gefragt.
Sehr schön fand ich es in Linz, als zur „Kulturhauptstadt“-Eröffnung kein großes Buffet organisiert wurde, sondern hunderte Familien zu Gastgebern wurden und sämtliche Gäste, selbst der Bundespräsident, „privat“ empfangen wurden; es gaben sich alle Mühe und sogar die Kinder halfen mit. Für uns gilt es, nicht Dinge abzukupfern, sondern Ideen begeistert aufzunehmen und nachzudenken.


Eine fiktive Zeitreise: Wir schreiben das Jahr 2025 und blicken zurück auf St. Pölten als Kulturhauptstadt 2024. Was hat sich verändert?
Tolle Veranstaltungen, eine in jeder Hinsicht herausgeputzte Stadt – und die nachhaltige Positionierung von
St. Pölten als Kulturstätte und als lebenswerte Stadt mit enormen Qualitäten sowie als Ausgangspunkt zum Erreichen weiterer attraktiver Regionen. Ein Beispiel: das Weltkulturerbe Wachau. Erst kürzlich haben wir bei einer Reise in unsere Schwesternstadt in Japan wieder festgestellt, wie begrenzt man doch bei uns noch immer denkt. Wenn es dort dann heißt: St. Pölten liegt an der Donau, protestieren viele. Aber was sind schon 25 oder 30 Kilometer? Gerade als Kulturhauptstadt müssen wir diese engen Räume sprengen!


Die Bewerbung zur Kulturhauptstadt bringt viel Arbeit mit sich und ist dennoch nur einer der vielen Schwerpunkte in Ihrem Job als Bürgermeister. Wie gelingt es Ihnen, auch mal abzuschalten?
Mein Glück ist, dass ich viele meiner privaten Hobbys mit meiner Funktion bündeln kann: Ich gehe gerne in Konzerte, das Theater oder zu Lesungen. Und natürlich lernt man, die wenigen Stunden Freizeit noch intensiver zu erleben; man freut sich über Dinge, die man früher kaum wahrgenommen hat. Das sind Kleinigkeiten: Zeit in meinem Garten, mit meinen drei Katzen – wenn ich einen Kaffee unter meinem Kirschbaum genießen kann.

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(© NLK Filzwieser)

Nachgefragt:

NIEDERÖSTERREICHERIN: Das Land beteiligt sich unter anderem mit der Hälfte der Bewerbungskosten – warum? Wie profitiert die Region rund um St. Pölten von der Kandidatur bzw. vom „Titel“ Kulturhauptstadt?
Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner: Niederösterreich hat sich in den letzten Jahrzehnten von einem Agrarland zu einem zukunftsorientierten Kunst- und Kulturland entwickelt. Sowohl in der Landeshauptstadt mit dem Kulturbezirk und dem Landestheater Niederösterreich als auch in der umliegenden Region sind mit Grafenegg, der Kunstmeile Krems oder der Schallaburg vorzeigbare Kultureinrichtungen vorhanden.
Auf den wesentlichen Verkehrs–achsen und im Zentrum Niederösterreichs gelegen, ist St. Pölten mit seinem florierenden Kulturleben prädestiniert für eine Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas 2024. Mit dieser Bewerbung wollen wir in partnerschaftlicher Zusammenarbeit die Erfolgsgeschichte des Landes Niederösterreich und der Landeshauptstadt St. Pölten fortschreiben und auf eine europäische Dimension heben.
Die Bewerbung zur Kulturhauptstadt soll Kraft und Dynamik freilegen: für die Landeshauptstadt als auch für das gesamte Umland, das im Rahmen eines Kulturentwicklungsplanes miteinbezogen werden soll.