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Lifestyle | 27.06.2018

Familienbande

Was 1890 als kleine Fleischerei begann, ist zu einem Unternehmen mit 550 Mitarbeitern gewachsen. Ein Besuch bei Berger Schinken in Sieghartskirchen.

Text: Evelyn Bäck

„Mit Halbheiten haben wir uns noch nie zufrieden gegeben“, wird Claudia Berger auf der Firmenwebsite zitiert. Das trifft den Nagel auf den Kopf, denn nicht umsonst ist mit Rudolf Berger als Geschäftsführer, seiner Ehefrau Claudia als Verantwortliche für Einkauf und Filialen sowie seiner Schwester Gaby Kritsch im Bereich Marketing und Verkauf bereits die vierte Generation der Unternehmerfamilie am Ruder. Auch Mutter Herta arbeitet nach wie vor in der Produktentwicklung mit. Halb ist hier also wirklich gar nichts. Die fünfte Generation ist gerade mit Schule und Studium beschäftigt. Ob sich hier jemand finden wird, der auch Schinken machen möchte? Das stehe in den Sternen, lachen die drei – wenn die Kinder einmal andere Berufe ergreifen wollen, dann werden sie eben diese mit Leidenschaft machen, genauso wie ihre Eltern jetzt für ihre Produkte brennen: „Ich kann Schinken immer sehen“, stellt Gaby Kritsch mit Nachdruck fest. Diese Liebe kommt nicht von ungefähr, schließlich produziert Berger 60 Schinkenvariationen. Dazu kommen noch einmal so viele andere Produkte wie Frankfurter, Extrawurst oder Pasteten.

Nachhaltigkeit ist bei uns nicht nur tiefgreifend, sondern auch lückenlos nachvollziehbar.

- Rudolf Berger

Neue Ideen mit Tradition. Dabei gilt es, stets den Spagat zwischen Althergebrachtem und Neuem im Auge zu behalten. Die Rezepte und Herstellungsweisen im Hause Berger sind sehr traditionell verhaftet. Nach wie vor werden die Schweinsschlögel händisch zerlegt, das Fleisch mit Spezialhandgriffen zugeschnitten und von Hand in die Schinkenform gelegt. Eine so umfassende Produktpalette kann aber nur durch Innovationskraft entstehen. Wo neue Ideen herkommen, ist dabei ganz unterschiedlich: „Bei uns ist jeder angehalten, sich einzubringen“, erklärt Gaby Kritsch. „Das können natürlich Produktionsmitarbeiter sein oder früher war es häufig unsere Mutter, die am Naschmarkt neue Gewürze und Kräuter aufgestöbert hat. Ideen können auch am Wirtshaustisch geboren werden, da sind wir wirklich offen.“ Mit 60 Schinkenvarianten sei nun aber ohnehin eine Obergrenze erreicht: „Natürlich gibt es noch immer neue Einfälle, aber die Regale unserer Kunden sind ja nicht aus Gummi. Wenn eine Handelskette zum Beispiel schon zwölf unserer Schinken gelistet hat, dann ist für die 13. Sorte eben kein Platz mehr.“ Selbstverständlich bleibt es nicht aus, dass bei soviel Erfindergeist auch Nachahmer auf den Plan gerufen werden, die sich an den eigenen, sorgfältig entwickelten Ideen bedienen. Diesem Phänomen begegnet Kritsch ohne Bitterkeit: „Da weiß man dann, dass man etwas richtig gemacht hat. Es spornt auch an, noch mehr zu tun, noch innovativer, noch schneller und noch besser zu sein.“

Regional ist optimal. Eine zentrale Rolle im Unternehmen spielt das Thema Regionalität, betont Rudolf Berger: „Für uns macht es Sinn, dass Nahrungsmittel in einem bestimmten Radius verkauft und gegessen werden. Wir exportieren daher nicht nach Dubai oder Japan – unsere Ware geht außerhalb von Österreich nur in unsere Nachbarländer Deutschland, Ungarn, Tschechien und die Slowakei. Das ist für uns stimmig.“ Aber nicht erst das fertige Produkt legt möglichst kurze Wege zurück. Unter dem Titel „Regional – optimal“ hat Berger gemeinsam mit Mästern aus der Umgebung eigene Regionalitätsrichtlinien erarbeitet, die schon zu einem viel früheren Zeitpunkt ansetzen: „Die Schweine, deren Fleisch wir verarbeiten, wachsen in einem Umkreis von 50 Kilometern Luftlinie um Sieghartskirchen auf. Sie bekommen Futtermittel, die aus dem Donauraum stammen und nicht aus Lateinamerika – dadurch sind sie auch gentechnikfrei. Dann werden die Tiere am eigenen Schlachthof geschlachtet.“ Alle Eingänge von Tieren, Ausgänge von fertigen Produkten und andere zentrale Abläufe sind in einem eigenen Datenbanksystem dokumentiert. „Nachhaltigkeit ist bei uns nicht nur tiefgreifend, sondern auch lückenlos nachvollziehbar“, erläutert der Geschäftsführer. Dass es in Zusammenarbeit mit der Universität für Bodenkultur außerdem ein Programm zur Förderung des Tierwohls gibt und geleaste Bienenvölker den Honig für die Kruste des Römerschinkens direkt am Firmengelände produzieren, klingt aus dem Mund des Firmenchefs wie eine Selbstverständlichkeit.

Wenn man kopiert wird, hat man etwas richtig gemacht.

- Gaby Kritsch

 

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Schon bald 130 Jahre reicht die Firmengeschichte zurück. Man schrieb das 30. Regierungsjahr Kaiser Franz Josephs, als der erst 16-jährige Michael Berger sich von Sieghartskirchen mit ein paar Kühen zum Schlachthof St. Marx im heutigen dritten Wiener Gemeindebezirk aufmachte. Zurück nach Hause kam er mit einigen Kälbern und Schweinen – der erste geschäftliche Erfolg war errungen. 1890 war es dann so weit: Rudolf Bergers und Gaby Kritschs Urgroßvater konnte seinen Fleischereibetrieb im Ortszentrum von Sieghartskirchen eröffnen. Noch heute wird dieses Stammhaus als Filiale geführt. „Darauf sind wir stolz“, sagt Claudia Berger, auch wenn es für jedes Fachgeschäft heute eine Herausforderung sei, sich gegen die wachsende Anzahl an Supermärkten zu behaupten. „Wir begreifen unsere Filialen und ganz besonders unser Stammhaus aber auch als Orte der Kommunikation.“ Nirgends bekomme man auf so kurzem Wege direkte Rückmeldungen der Kunden zu den Produkten. Und auch die Bindung der Ortsbevölkerung zum Unternehmen werde dadurch gestärkt: „Im Geschäft trifft man sich, kann sich unterhalten, das gehört für mich unbedingt dazu. Der Kunde steht immer im Mittelpunkt, denn dass er zu uns ins Fachgeschäft kommt, ist heute, wie gesagt, nicht mehr selbstverständlich.“

Mittendrin statt nur dabei. Innovativ und persönlich, so lässt sich auch der Führungsstil im Unternehmen zusammenfassen, bestätigt Claudia Berger: „Wir drei sind Teil des Teams. Die Mitarbeiter wissen genau, dass sie von uns Antworten auf ihre Fragen kriegen. Wir sind gern mittendrin und es weiß jeder, dass er direkt zu uns kommen kann – das ist wirklich das Um und Auf für uns.“
So rund wie heute lief es nicht immer. Politische Umstände und Schicksalsschläge hielten mitunter große Her­ausforderungen für das Unternehmen bereit. Karl und Anna Berger, die zweite Generation, hatten die Firma gerade durch die kargen Zwischenkriegsjahre gebracht, als Karl Berger bei einem Autounfall tödlich verunglückte – das war 1939. Aufgeben war für seine Witwe Anna kein Thema. Dank ihr überstand das Geschäft auch den Zweiten Weltkrieg. „Die Oma muss eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein, unser Vater hat ihre Rolle immer sehr hervorgestrichen“, erzählt Rudolf Berger. „Einerseits war sie sehr hilfsbereit und sozial, andererseits musste sie sich behaupten, was für eine Frau in ihrer Zeit nicht selbstverständlich war. Während des Nazi-Regimes soll ein Geschäftsführer versucht haben, sie zu erpressen: Entweder sie heiratet ihn oder er lässt sie mit dem Unternehmen stehen. So weit kam es nicht, sie hat ihn hinausgeschmissen.“

Früh übt sich. Rudolf Bergers und Gaby Kritschs Eltern waren es schließlich, die die Marke Berger österreichweit etabliert haben. 1958 übernahm Rudolf Berger sen. als jüngster Fleischermeister Österreichs den Betrieb und leitete mit seiner Frau Herta den steilen Aufstieg des Unternehmens ein. Ein kompromissloses Qualitätsverständnis und ein untrügliches Gespür für die Bedürfnisse des Marktes zeichneten Rudolf Berger sen. aus. „Auch wir waren schon als Kinder eingebunden“, sagt Gaby Kritsch. „In den Ferien habe ich im Geschäft gearbeitet. Als ich lernen musste, Koteletts zu hacken, hat mir der Meister immer ganz kleine Schweinshaxerl gegeben, damit ich ihm nicht das schönste Fleisch zerhacke. Managementtechnisch betrachtet, haben inhabergeführte Unternehmen eine Menge Vorteile, findet Rudolf Berger: „Die Entscheidungswege sind kurz. Wenn wir eine Idee haben, können wir sie umsetzen. Es ist nicht nötig, zuvor Anteilseigner nach ihrer Meinung zu fragen oder eine Aufsichtsratssitzung einzuberufen. Über uns stehen nur unsere Kunden.“

Natürlich verbringt man in einem Familienbetrieb automatisch viel Zeit miteinander, jedoch: „Wir sehen uns auch in unserer Freizeit häufig, das ist ein Zeichen, dass wir in der Firma etwas richtig machen“, meint Gaby Kritsch. „Selbstverständlich redet man dann auch übers Geschäft“, wirft Rudolf Berger ein, woraufhin Ehefrau und Schwester energisch widersprechen – nur punktuell kämen zu Hause auch Firmenthemen auf den Tisch. Wer da nun recht haben mag, ist nicht festzustellen – vielleicht aber auch gar nicht so wichtig, wenn alle Beteiligten soviel Freude an ihrem täglichen Tun haben wie diese drei.