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Lifestyle | 04.10.2018

"Ich wollte funktionieren"

Ein stechender Schmerz. Vielleicht Michelles „Glück“, weil der Krebs so schnell erkannt werden konnte. „Eine Zeit wie im Nebel“, sagt Manuela. Diagnose Brustkrebs. Zwei Niederösterreicherinnen erzählen.

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(© Shutterstock)
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"Ich wollte nicht, dass jemand traurig ist wegen mir", sagt Manuela Krämer, 43

Manuela, 43

In der Nacht wurden die Gedanken unerträglich laut: Sie kreisten etwa um das Sparbuch für die Tochter oder um fehlende Unterschriften … „Ich wollte sicherheitshalber ,alles‘ erledigt haben“, sagt Manuela Krämer. Die App ihrer Sportuhr, die sie zuvor vorrangig zum Laufen verwendete, zeigte ihr deutlich: zu wenig Schlafstunden, zu viele Wachphasen. „Unter dem Schlafmangel habe ich sehr gelitten. Auch heute bin ich viel mehr müde, als vor der Diagnose.“Seit Jahren schon hatte die Mutter zweier erwachsener Töchter kleine Knoten in der Brust. Sie sollten regelmäßig kontrolliert werden, hieß es. Kein Anlass zur Sorge. Bis zum vergangenen Jahr. Da wölbte sich einer der Knoten plötzlich spürbar nach außen. Es folgten mehrere Untersuchungen, mit jeweils uneindeutigen Ergebnissen. Sie bleibt lange zuversichtlich. „Selbst die Ärzte gingen eher davon aus, dass nichts Schlimmes rauskommt“, erinnert sie sich. Erst nach der operativen Entfernung der Knoten kommt die klare Diagnose: Krebs.

„Wenn ich heute zurückdenke, liegt über diesen Momenten eine Art Nebel“, beschreibt sie. „Aber doch ein guter?“, habe sie im Affekt gefragt. „Es gibt keinen guten Krebs“, antwortete der Arzt. Die künstlich herbeigeführte Menopause, die Operation, die Medikamente, die Strahlen- und die Antihormontherapie, die elendslange Liste an Nebenwirkungen – all das wollte Manuela Krämer erhobenen Hauptes ertragen. „Manchmal hatte ich bei Minusgraden das Gefühl zu verglühen“, sagt sie. Sie wollte alles wegstecken. Auch die Abende, in denen sie sich in den Schlaf geweint hat, die Nächte, die wieder keine Erholung brachten.Ihre Familie habe sie unterstützt, Kolleginnen und Kollegen zeigten Feingefühl. Über die Krankheit konnte sie offen reden. Wie es in ihr drinnen aussah, hielt sie verborgen. „Ich wollte nicht, dass jemand traurig ist wegen mir“, sagt sie. „Ich habe lange weitergearbeitet, ich wollte funktionieren.“ Da waren Schmerzen, die quälende Müdigkeit; ist ihr ein Fehler unterlaufen, richtete sie ihre Wut gegen sich. Bis zur Reha. Erst dort ließ sie sich das erste Mal nach Monaten richtig fallen. „Schon die erste psychologische Sitzung war ein einziges Heulkonzert“, sagt sie.

Mit Menschen zusammenzusein, die ein ähnliches Schicksal teilen, habe geholfen. „Ich habe in diesen Wochen sehr viel mit meinem Mann telefoniert; endlich konnten wir über den Krebs, unsere Gefühle reden.“ Seit 20 Jahren sind sie ein Paar; ihre Beziehung sei heute enger als zuvor.Der Krebs könnte wiederkommen, hieß es. Angst will Manuela Krämer dennoch nicht haben. Die Prioritäten habe sie allerdings ordentlich umge­krempelt. Sie nahm die sogenannte Wiedereingliederungsteilzeit in Anspruch, macht derzeit 20 Wochenstunden. Die ehrgeizige Bilanzbuchhalterin und Controllerin setzt außerdem ihr vor der Diagnose begonnenes Studium fort und will langsam mit der Masterarbeit für ihren MBA starten. „Schritt für Schritt. Ich lebe mein Leben heute anders“, betont sie. „Ich mache wieder Sport und brauche keinen perfekten Haushalt. Wenn mir etwas nicht passt, spreche ich es aus. Ich will keine schlechte Stimmung um mich herum.“ Warum sie sich für dieses Interview bereit erklärte? „Man findet so viele Informationen im Internet und doch sind wir so unwissend. Brustkrebs ist in vielen Fällen gut heilbar, wenn er rechtzeitig entdeckt wird. Geht regelmäßig zur Kontrolle!“, appelliert sie und fügt hinzu: „Aber Brustkrebs ist eben nicht nichts.“ Es ändere sich alles; sie wünschte, sie hätte sich das früher eingestehen getraut …

 

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"Meine Kinder geben mir Kraft, damit ich mich jeden Tag aufraffe", sagt Michelle Rigby, 36 (© Viktória Kery-Erdélyi)

Michelle, 36

„Oh, auf dem Foto sieht man es schlimm“, sagt Michelle Rigby, als sie das Display sieht. Sie zieht sich ihre Haube zurecht, schluckt und lächelt wieder. „Ist nicht zu ändern. Das ist jetzt eben so.“ Da war plötzlich ein stechender, wiederkehrender Schmerz. „Ihr ,Glück’ vielleicht“, sagte ihre Ärztin. Der Krebs, ein stark verwachsener Tumor, hatte plötzlich auf einen Nerv gedrückt, so wurde er entdeckt. Vergangenen Februar, mit 35 Jahren, als Mama eines Volksschul- und eines Kindergartenkindes. Michelle Rigby hatte Pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin gelernt, mochte ihren Job, aber wollte mehr. In der Karenz machte sie die Matura nach, sie begann mit einem Jus-Fernstudium. „Es gibt so viele Frauen, die eine gute Scheidungsanwältin gebrauchen können“, sagt sie. Ihre beruflichen Visionen müssen pausieren.

Wieder gesund werden, das ist nun ihr vorrangiges Ziel. Derzeit bekommt die junge Frau wöchentlich eine Chemo, im November steht eine große Operation an. Mehr als zehn Stunden soll sie dauern. „Ich bin Genträgerin. Wie Angelina Jolie. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit sehr, sehr groß ist, dass auch bald die zweite Brust betroffen wäre.“ Auch Michelle Rigby sollen beide Brüste entfernt werden; geplant ist gleich im Anschluss ein Brustaufbau aus Eigengewebe. Für den komplexen Eingriff soll sie all ihre Kräfte bündeln, haben ihr die Ärzte geraten. Das sei mit ein Grund, warum sie sich psychologische Unterstützung bei der Krebshilfe in Wiener Neustadt holt. „Denn eigentlich bin ich mental schon jetzt am Ende.“ Nur ab und an erlaubt sie sich einen solchen Moment des Resignierens. Dann setzt sie sich wieder gerade hin und betont: „Meine Kinder geben mir Kraft, mich jeden Tag aufzuraffen.“

Sie hatte es irgendwie befürchtet, nicht die Diagnose selbst hatte sie geschockt, sagt sie. „Aber der Gedanke an meine zwei kleinen Kinder.“ Aufgrund einer erblichen Vorbelastung und eines dichten Brustgewebes geht sie schon seit Jahren regelmäßig zur Mammografie. Arbeiten könnte sie derzeit unmöglich, das Warten auf ein entsprechendes Pflegegeld, finanzielle Sorgen machen die junge Frau außerdem mürbe. Noch dazu, wo ihr Mann ein Engländer und sprachlich noch nicht so fit ist. „Ich muss viele behördliche Sachen regeln. Auch das kostet viel Kraft. Ich wünschte, wenn man ohnehin schon schwer krank ist, würde all das einfacher gehen.“

Besonders schlimm empfand sie es, ihre langen braunen Haare zu verlieren. „Jetzt ist mein Gesicht auch noch so aufgebläht. Und mein Mann ist ein Sportler und schaut wahnsinnig gut aus.“ Wenn er sich auch schwer täte, seine Gedanken über die Krankheit in Worte zu fassen: Im vergangenen Sommer gaben sie einander das Ja-Wort. „Er wollte mir zeigen, dass er mich liebt – egal, was ist.“Wenn sie die Kassiererin im Supermarkt fragt, ob sie krank sei, kommt Michelle Rigby damit gut klar. „Ich mag keine stummen, mitleidigen Blicke. Da denke ich mir immer: Fragt mich doch!“ Sensibel und harmoniebedürftig sei sie immer schon gewesen, aber zu wenig darauf bedacht, was ihr selbst gut tut. „Ich versuche, mich heute mit Menschen zu umgeben, die mir gut tun. Ich bin ehrlicher geworden, mit allen dazu gehörenden Konsequenzen“, lacht sie.


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My Aid-Award. Stolze Preisträgerinnen beim Dancer against Cancer-Ball im Casino Baden

Die Österreichische Krebshilfe Niederösterreich hat – neben ihrer Zentrale in Wiener Neustadt – im ganzen Land Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige. Das Angebot ist dabei breit gefächert und reicht von der Information und Aufklärung zur Früherkennung und Vorsorge über kostenlose psychologische Beratung bis hin zur Unterstützung bei finanziellen Fragen. Der Großteil des professionellen Engagements wird über Spenden finanziert.

Im Herbst steigen in Niederösterreich mehrere Benefiz-Events im Zeichen des „Pink Ribbon“; mit den Einnahmen hilft man von Brustkrebs Betroffenen und ihren Familien. Am 6. Oktober 2018 setzt die Perchtoldsdorfer Wirtschaft unter der Organisation von Elisabeth Dorner ein Zeichen in Pink: Ab 18 Uhr (Einlass: 17 Uhr) startet in der Burg ein spektakuläres Abendprogramm mit Modenschau, Show Acts, Vorsorgeinfos und einer After Show-Party.

Am 24. November 2018 findet zum dritten Mal der „Dancer Against Cancer“-Ball im Casino Baden statt. Das von Yvonne Rueff und Matthias Urisk initiierte Event steht unter dem Motto „Für eine Welt ohne Krebs“. Nach einer fulminanten Eröffnung folgen Show­einlagen, die Modenschau „Fashion against Cancer“ und die Überreichung des „MyAid Awards“. Im Anschluss steigt eine Party mit DJs.

www.krebshilfe-noe.at
baden.danceragainstcancer.com