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Lifestyle | 21.12.2018

Stille Nacht reloaded

2,5 Milliarden Menschen in über 300 Sprachen singen zu Weihnachten „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Ein Lied, welches eine Friedensbotschaft in die Welt trägt und heuer seinen 200. Geburtstag feiert. Was aber bedeutet uns diese Botschaft im Jahr 2018?

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Ein erhabener Moment. „Stille Nacht“ aus der Geburtskirche in Bethlehem (© Shutterstock)

Man bräuchte wohl ein millionenschweres Marketingkonzept, um einen Hit wie dieses Weihnachtslied zu platzieren, welches sich zudem in einer paradox erscheinenden Schnelligkeit über die ganze Welt verbreitet hat. Die einfache Geschichte: Am 24. Dezember 1818, nach der Christmette, stimmen der Arnsdorfer Dorfschullehrer und Organist Franz Xaver Gruber und der Hilfspfarrer Joseph Mohr in der Schifferkirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg das Weihnachtslied erstmals an. Einer romantischen Überlieferung nach, sollten Text und Musik erst Stunden davor entstanden sein. Aber das stimmt nicht. Joseph Mohr verfasst das Gedicht „Stille Nacht, Heilige Nacht“ bereits im Jahr 1816 ...

Das Jahr ohne Sommer. Im April 1815 bricht auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora aus. Etwa 400 Milliarden Tonnen an Gesteinsmassen, Staub und Asche wurden in die Atmosphäre geschleudert und legten sich wie ein Schleier über den ganzen Erdball. 117.000 Menschen sterben an den unmittelbaren Folgen, doch das ist erst der Anfang, denn die Eruption löst einen globalen Klimawandel aus. Der Sommer 1816 in Europa, Nordamerika und China ist dunkel, verregnet, eiskalt, immer wieder schneit es, während in Indien und Südafrika die Erde vertrocknet. Nach dramatischen Missernten verhungern Hunderttausende oder fallen entkräftet Krankheiten zum Opfer. In der Hoffnung auf ein besseres Leben machen sich viele auf den Weg in die USA – die erste große Auswanderungswelle des 19. Jahrhunderts hatte somit begonnen. Der britische Arzt James Jameson berichtet in Indien über eine Krankheit, die sich erstmals rasant ausbreitet: eine weltweite Cholera-Pandemie, die Millionen Opfer fordert. Österreich, von den Napoleonischen Kriegen ausgeblutet und vom Wiener Kongress in den Staatsbankrott getrieben, trifft es ebenso schwer. Um der Armut zu begegnen, wird in Wien der Grundstein für die „Erste österreichische Spar-Casse“ gelegt. Im Inn- und Hausruckviertel gründet der Ampflwanger Kooperator Thomas Pöschl die Sekte der „Pöschlianer“.  Deren Anhänger erwarteten für den 30. März 1817 das Ende der Welt und glaubten, dieses durch Menschenopfer abwenden zu können. Am verregneten Genfer See schreibt derweilen die Aristokratin Mary Woll­stonecraft Godwin ihren Roman Frankensteins Monster – und in Mariapfarr im Lungau verfasst Joseph Mohr in diesem „Jahr ohne Sommer“ den tröstlichen Text von Stille Nacht.  „Christ, der Retter ist da“ – ein Sehnsuchtsgedicht, aus größter Not und Angst geboren – zum Heiligen Abend 1818 vertont von Franz Xaver Gruber.

 

 

Zur Einstimmung auf den Heiligen Abend:

Zauberhafte Weihnacht im Land der Stillen Nacht
23. Dezember 2018, 20:15 Uhr, ORF und BR

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Christmas-Talk in Flachau. Angelica Pral-Haidbauer mit den Moderatoren der „Zauberhaften Weihnacht“ Sonja Weissensteiner und Harald Krassnitzer (© Krivograd / Ipmedia)

"Bethlehem ist die Geburtsstätte eines der ältesten Solidaritätsgedanken."

 

Schauspieler Harald Krassnitzer

Die Intifada in Bethlehem. Für die mehr als dreistündige Produktion „Zauberhafte Weihnacht“ folgt Harald Krassnitzer sozusagen als „Außenreporter“ der spannenden Geschichte über die Verbreitung des Liedes – von Fügen im Zillertal, über Leipzig, London, New York, Paris und St. Petersburg nach Bethlehem. Und gerät dort prompt in ein Epizentrum der Auseinandersetzung der Intifada. 

„Du fährst in deiner Identität als freier Europäer nach Palästina und du weißt, Bethlehem ist die Geburtsstätte eines der ältesten Solidaritätsgedanken, den es auf dieser Welt gibt, und der da lautet: Was du dem geringsten meiner Brüder tust, das tust du mir“, erzählt mir Harald Krassnitzer in Flachau, offenbar noch immer zutiefst beeindruckt von dieser Begebenheit, als ihn israelische Wachposten noch vor seinem Hotel stoppten. „Du gehst also, und das erste, was du dort siehst, sind die Wasserschläuche, welche die Überreste einer gerade stattgefundenen Straßenschlacht entfernen. Du riechst den beißenden Geruch des Tränengases und verbrannter Autoreifen, hörst Detonationen, siehst Autos, die mit einem Höllentempo auf die Kinder zufahren, die wiederum mit Steinen werfen. All das spielt sich 500 Meter vor der Grenze zu Bethlehem ab. Und dann, jenseits dieser Mauer, tauchst du plötzlich in ein völlig normales Leben ab. Da spürst du vorher die völlig absurde Paradoxie von Krieg, Auseinandersetzung und Provokationen, um dann auf der anderen Seite die Friedensbotschaft dieses Liedes umso mehr zu erkennen. Es war mein erhabenster Moment, als wir vom Dach des Rathauses von Bethlehem runtergeschaut haben auf die Geburtskirche Jesu – wo gerade von einem jungen Bariton ‚Stille Nacht‘ gesungen wurde. Dieses Erlebnis hat mich nachhaltig beeindruckt.“ Tags darauf in Tel Aviv tauchte er mit seinem Team dann in eine andere Welt ein, in eine durchmischte Gesellschaft. „Dort findet das Leben, die Zukunft statt,“ sagt er.

 

 

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Mohr-Fenster. In der Stille-Nacht-Gedächtniskapelle (c) Stille Nacht Gesellschaft/Tourismusverband Oberndorf

Frieden ist immer etwas Aktives. Wie wird der Friedensgedanken dieses Liedes eigentlich heute aufgenommen? „Vorerst mal dankbar sein, dass wir in Frieden leben können, und zum anderen macht es uns auch klar, dass Frieden nicht mehr in einem losgelösten Kontext zur Welt steht. Wir sind ein Teil dieser Welt, ein Planet, eine Menschheit. Wenn wir diese Friedensbotschaft zelebrieren, dann gilt es, alle Probleme miteinander zu lösen, die Frage der Fairness, der Umverteilung. Wenn da unten ein Konflikt stattfindet, dann hat er etwas mit uns zu tun, und wir tragen eine hohe Verantwortung, diese Botschaft gegen den Rest der Welt umso stärker hinaus zu senden, ernst zu nehmen und umzusetzen. Es ist letztlich ein unglaublich starker europäischer Gedanke, der sich aus diesem Friedensgedanken heraus manifestiert, und das wollen wir auch in unserer Weihnachtssendung zeigen.“

Herbergssuche 2018. Hatte 1816 die erste große Auswanderungswelle des vorigen Jahrhunderts begonnen, so haben wir es auch heute mit Immigration zu tun. Sozusagen eine Herbergssuche 2018. Gehen wir mit dieser Herausforderung richtig um? „Für mich ist Souveränität immer gepaart mit Humanität. Das, was wir momentan machen, empfinde ich deswegen nicht wirklich souverän, weil wir jede Form von Humanität und Rationalität ausschließen. Wenn Menschen über Jahre versuchen, die Kriterien, die man ihnen auferlegt hat, zu erfüllen, Deutsch gelernt haben, sie bereit waren, einen Teil zu unserer Gesellschaft beizutragen und gezeigt haben, dass sie willens sind, in den Familien unsere Kultur zu leben, in den Gemeinden mitzuarbeiten und Freunde zu gewinnen – diese Menschen dann sang und klanglos abzuschieben, halte ich für nicht humanitär. Gerade die Lehrlinge, die wir im Migrationssektor haben, haben uns gezeigt, dass sie hochanständige, kräftige und willige Menschen sind, für solche Menschen wurde das humanitäre Bleiberecht erarbeitet. Jene aber, die das nicht tun, unter Umständen sogar straffällig werden, da hat keiner ein Problem, diese abzuschieben. Es geht einfach um die Sorgfaltspflicht, dass wir uns die Zeit nehmen, genau zu untersuchen, wer ist wirklich bedroht und wer braucht Schutz. Es ist ja nicht so, dass wir jetzt vor der Türe Millionen von Menschen stehen hätten.“

 

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Sunday Times. Cover vom 23. September 2018 „Stille Nacht – das Wunder, das für einen Tag des Ersten Weltkrieg stoppte.“