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Lifestyle | 18.06.2020

Ohne Hautkontakt

Neue Wege: Warum wir das Umarmen vermissen und trotzdem ohne Händeschütteln auskommen und warum nach Videokonferenzen oft der Schädel brummt.

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(© Priscilla Du Preez on Unsplash) Hauthungrig. Dass wir uns gerne berühren, liegt in der Natur des Menschen. Das fehlt auf Distanz – vielen sehr, anderen weniger.

Er ist renommierter Verhaltensforscher, Universitätsprofessor, Mitbegründer des Wolf Science Centers Ernstbrunn und mehrfacher Buchautor. Wir trafen Professor Kurt Kotrschal via Skype zum Interview.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Wir hörten oft von Zusammenhalt und Solidarität. Konnten die Begriffe mit Leben erfüllt werden?
Kurt Kotrschal: Dass die Menschen in der Krise zusammenrücken, liegt in unserer Natur. Eine weitere grundlegende Eigenschaft ist, dass wir gern Teil einer kohäsiven Gruppe sind; wir sind nicht gern Außenseiter. Und wenn es die Gelegenheit ergibt, sammeln sich die Menschen im positiven Sinn gerne hinter einer guten Leadership. Besonders am Anfang einer Krise.

Wie sehr beeinträchtigt die Mund-Nasen-Schutz-Maske unsere Kommunikation?
Sie wird nicht viel anrichten. Noch dazu, wo wir bemerken, dass wir uns nicht gern daran gewöhnen und die Leute sie, wenn es irgendwie geht, abnehmen und lieber Distanz halten. Bei kleinen Kindern ist das anders. Sie sind angewiesen auf die Mimik und noch nicht fähig, kognitiv zu filtern. Wenn der Onkel in ein Krampuskostüm steigt, dann ist er der Krampus und Punkt (lacht). Kleine Kinder sollten also nicht von Maskenträgern umgeben sein. Besonders irritierend ist es auch für Menschen, die mit einem Fuß schon in der Demenz stehen, wenn ihre Betreuer nur noch mit Maske unterwegs sind.

Sollten wir unser Verhalten beim Tragen der Maske anpassen?
Man sollte sich um eine betont freundliche Kommunikation bemühen und alles, was in Richtung Missverständnisse gehen könnte, Ironie beispielsweise, eher vermeiden.

Wie kamen die Menschen mit der sozialen Isolation klar?
Das kann man nicht pauschal beantworten. Es stimmt für alle Menschen, dass das angemessene soziale Netzwerk der wichtigste Faktor für ein zufriedenes Leben in ausgeglichener Emotionalität ist. Das begünstigt ein langes, gesundes Leben. Menschen sind radikal soziale Wesen; das fängt damit an, dass wir uns nicht optimal entwickeln, wenn es am Anfang des Lebens mit der sozialen Fürsorge hapert. Aber: Wir sind unterschiedlich sozial bedürftig. Manche brauchen jeden Tag 20 Freunde um sich, andere sind froh, wenn sie eine Woche lang niemanden sehen. Dann kommt es auch noch darauf an, mit welcher Einstellung man in die Isolation gegangen ist.
Auf Populationsniveau wird sich sicher etwas tun; Sozialwissenschaftler werden sich die Bilanz anschauen. Die einen haben sozusagen extra Lebenszeit bekommen, anderen haben die Maßnahmen Lebenszeit gekostet. Wir werden Monate und Jahre brauchen, um zu sehen, wo mentale Probleme nach oben gehen, welche Erhöhung es etwa bei Depressionen gibt. Das ist langzeitlich zu sehen.

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(© Brandstätter Verlag) Biologe Kurt Kotrschal. Nach „Mensch“ (2019, Brandstätter Verlag) veröffentlicht er kürzlich „Sind wir Menschen noch zu retten?“ (2020, Residenz Verlag).

Wie erleben Sie die digitale Kommunikation?
Ich selbst bemerke, dass Videokonferenzen anders müde machen. Einer der Gründe scheint zu sein, dass die Menschen nicht präsent sind. Wir sind darauf eingestellt, über mehrere Kanäle soziale Informationen zu kriegen. Die Nuancen, die Zwischentöne kriegt man schlecht mit. Trotzdem möchte ich die Entwicklungen vorrangig positiv sehen. Diese Situation wäre in meiner Kindheit, zu Zeiten des Vierteltelefons, eine Katastrophe gewesen (lacht). Heute bin ich täglich mit meinen Enkeln in Wien und in Holland in Verbindung. Digitale Kommunikation ermöglicht uns, etwa Schule breiter aufzustellen, krisensicherer zu machen. Voraussetzung müsste aber sein, dass der technologische Hintergrund bei allen Kindern gleich ist.

Müssen wir uns vom Händeschütteln verabschieden?
Wie soziale Nähe gelebt wird, ob man einander umarmt, küsst oder sich die Hand gibt, ist kulturabhängig. Das Händeschütteln wird eine Zeit lang zurückgehen, viele Jüngere tun es sowieso nicht mehr. Was allen Leuten kultur­unabhängig gemeinsam ist: Wir sind hauthungrig; wir sind Säugetiere und wollen berührt werden. Nicht von jedem, nicht immer, aber Menschen, zu denen wir eine soziale Nähe haben, wollen wir gelegentlich die Hand auf die Schulter legen. Das fehlt auf Distanz. Aber wir können ordentlich kompensieren und auch hier gilt: Alle kommen unterschiedlich klar damit.

Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Sind wir Menschen noch zu retten?“ Was steckt dahinter?
Ich bin kein Prophet, ich bin Biologe. Aber ich sehe es als unsere Aufgabe, unseren Kindern und Enkelkindern eine Welt zu hinterlassen, die sie noch leben können und wollen. Das Buch ist ein Plädoyer für die liberale Demokratie. Seit dem Sesshaftwerden rangeln autoritäre und patriarchale Herrschaften mit relativ partizipativen Gesellschaftsmodellen. Beides liegt in der Natur des Menschen, aber man muss sich fragen: Dient Politik dazu, eine dünne Oberschicht reich, glücklich und mächtig zu halten und die anderen als arbeitende Ameisen zu missbrauchen? Oder dient Politik dazu, möglichst viele partizipieren zu lassen, an den Rechten und Pflichten und den positiven Auswirkungen von Politik?
Der Klimawandel ist wesentlich gefährlicher als Covid-19. Die Menschen sollten aufhören, wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren und Lösungen finden. Die liberale Demokratie, wo man sich zwar mühsam einigen muss, ist die einzige Gesellschaftsform, die dafür auch genügend Men- und Frauenpower integriert.

Sie verweisen mehrmals darauf, dass die Gleichstellung essenziell ist …
Wichtig zu wissen ist: Wir haben bei keinem unserer nächsten Verwandten unter den Menschenaffen eine derartige Flexibilität bei der Beziehung der Geschlechter eingebaut, wie sie bei Menschen möglich ist. Eine stark partizipative Gesellschaft mit strikter Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ist die optimale Lösung, weil sie alle Potenziale am besten einbindet.