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Lifestyle | 08.10.2020

"Wir können auch lachen!"

Selbsthilfegruppe reloaded: Die „Pinke Löwin St. Pölten“ unterstützt Betroffene nach der Diagnose und auf Wunsch ein Leben lang. Wie wichtig der Austausch untereinander ist, beschreiben zwei Frauen, die den Brustkrebs besiegten und sich für den Verein engagieren.

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Lebensfreude. Powerfrau Alexandra Bollwein (© Josef Bollwein)

Die Assistenzärztin hatte rote Stressflecken im Gesicht, als sie die wartende Patientin hereinbat. „Sie müssen eine Chemotherapie machen“, sagte sie ihr ohne Umschweife, da wusste Alexandra Bollwein noch nicht einmal, dass sie Krebs hatte.
„Es wäre so wichtig, dass schon Studierende lernen, wie man solche Diagnosen überbringt; es fehlt oft das Bewusstsein dafür, welche Wucht Worte haben können“, betont die 45-Jährige. Es mache nämlich einen großen Unterschied, ob eine Ärztin oder ein Arzt sagt: „Die nächsten drei Jahre sind kritisch“ oder „wir werden sie engmaschig kontrollieren“.

Das ist eines der zahlreichen Themen, über die Alexandra Bollwein und Doris Liedl leidenschaftlich  diskutieren, als wir die beiden im „Café Opfestrudl“ in St. Pölten treffen. Das charmante Lokal wurde nicht ohne Grund für das Interview gewählt, aber dazu später.
Beide Frauen besiegten den Brustkrebs, nicht zuletzt mit Rückenstärkung der 1984 von Elfriede Schnabel gegründeten „Frauenselbsthilfe nach Krebs – Verein St. Pölten und Umgebung“. Dabei entstanden enge Freundschaften, die beiden besuchen die Treffen weiterhin. Mehr noch: Sie engagieren sich mit Gleichgesinnten dafür, das etwas verstaubte Image der Gruppe aufzupolieren.

„Der Name passte nicht mehr“, sagt Alexandra Bollwein. „Schließlich sind bei uns Frauen nicht erst ,nach Krebs‘, sondern bereits ab der Diagnose willkommen.“ Zudem herrsche in vielen Köpfen das Bild vor, „dass in einer Selbsthilfegruppe ausschließlich Damen sitzen, die sich gegenseitig bemitleiden“, weiß Bollwein. „Dabei lachen wir unglaublich viel miteinander“, ergänzt Doris Liedl.

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Pinke Löwinnen. Vorsitzende Doris Liedl (l.) und Schriftführerin Alexandra Bollwein im „Café Opfestrudl“ (© Viktória Kery-Erdélyi)

Neuer Name, neues Format. Der Lockdown beflügelte ihre Kreativität, erzählen sie. Die Selbsthilfegruppe hört nunmehr auf den neuen, kraftvollen Namen „Pinke Löwin“. Um auch jungen Frauen die Scheu zu nehmen hinzugehen, tüftelt man an frischen Formaten. Großen Zuspruch fand sogleich das erste „Pinke Frühstück“ und zwar im eingangs erwähnten „Café Opfestrudl“. „Die Frauen sind aus ganz Niederösterreich gekommen, wir haben gleich bis halb eins gefrühstückt“, lacht Alexandra Bollwein. Nach der erfolgreichen Premiere wird es weitere Termine geben, jeweils an einem Samstag, um Müttern und Berufstätigen entgegen zu kommen.
Warum aber nun eine Selbsthilfegruppe besuchen? „Fast alle sagen zunächst: Ich brauch‘ so etwas nicht“, weiß Doris Liedl. Ihr ging es damals nicht anders, als sie mit 40 als eine der Jüngsten dazukam. Bis zuletzt haderte sie damit hinzugehen. Eine Freundin redete ihr zu: „Probier‘s! Wenn‘s dir nicht gefällt, brauchst nicht mehr hingehen.“ Doch dann fühlte sie sich unter Frauen, die ihre Probleme und Sorgen teilten, auf Anhieb wohl. „Am Schluss haben sie mich gefragt, ob ich noch mal komme – und ich hab‘ gesagt: Sicher, ich hab‘ noch so viele Fragen“, erinnert sich Doris Liedl schmunzelnd.

Das ist 14 Jahre her. Zum Gesundwerden war es auch wichtig, bewusst auf sich zu schauen, „einen gesunden Egoismus zu entwickeln“, sagt sie. Die Treffen taten ihr gut; die Termine wurden zum Fixpunkt in ihrem Kalender, das verstand ihre Familie von Beginn an. „Dort verlierst du schnell deine Scheu, wen sonst kann man fragen, wie sich ein Brustaufbau anfühlt?“

Keine Angst. Besonders viel Kraft gaben Alexandra Bollwein von Anfang an jene Frauen, die den Krebs besiegt hatten. Schon der erste Kontakt mit einer ehemals Betroffenen sei für sie wegweisend gewesen: „Sie saß mir gegenüber und sagte klar: ,Jeder Tag, an dem du Angst hast, ist ein verlorener Tag.‘ Der Krebs war bei ihr 35 Jahre her, der Rat war so wertvoll für mich, ich hab‘ meine Angst abgelegt“, beschreibt sie.

Speziell junge Betroffene schließen sich heute gerne geschlossenen Facebook-Gruppen an, um sich schnell und unkompliziert austauschen zu können. Eine solche Gruppe gründete auch die „Pinke Löwin St. Pölten“. „Das Tolle ist, dass du in Echtzeit, also oft innerhalb von Minuten, Antworten von der jeweiligen Community auf deine Fragen kriegst“, weiß Alexandra Bollwein. Allerdings fände man dort seltener Frauen, bei denen der Krebs schon länger her ist; hier sind die analogen „Pinken Löwinnen“ eine ideale Ergänzung. „Langzeitüberlebende sind eine wahnsinnig große Motivation.“

 

 

 

MUTMACHERINNEN

Das Buch „Mutmacherinnen“ wird von Schriftstellerin Julya Rabinowich, Starfotografin Sabine Haus-
wirth und Uschi Pöttler-Fellner zugunsten der Österreichischen Krebshilfe im echo medienhaus herausgegeben. Im Mittelpunkt stehen zwölf Frauen, die – stellvertretend für Tausende Frauen – ihre Geschichte und ihre Erfahrung mit der Erkrankung erzählen.

Erhältlich ab 1. Oktober im gut sortierten Buchhandel. Der Reinerlös geht an die Österreichische Krebshilfe zur direkten Hilfe und Unterstützung von Brustkrebspatientinnen.

 

 

Aufruf. Jeweils am ersten Mittwoch im Monat trifft sich die Gruppe, zudem organisiert sie Ausflüge und Vorträge, aber auch Unterhaltendes. Aktuell kämpfen die „Pinken Löwinnen“ aber mit einem coronabedingten Handicap: Die Treffen dürfen nicht wie gewohnt im Universitätsklinikum St. Pölten stattfinden, die Gruppe ist auf der Suche nach einer (bahnhofsnahen) Location. Über ein Budget für eine Saalmiete verfügen die Ehrenamtlichen freilich nicht, „aber wenn uns beispielsweise ein Lokal einen Seminarraum zur Verfügung stellt, revanchieren wir uns mit dem Konsumieren von Getränken“, sagt Doris Liedl.
Die beiden blieben übrigens nicht nur dabei, weil sie viele Freundinnen fanden. „Wir wollen das Beste geben, damit der Verein erhalten bleibt“, sagt Alexandra Bollwein, „weil wir wissen, wie wichtig er für uns war“, fügt Doris Liedl hinzu.

Verein Brustkrebs „Pinke Löwin“ St. Pölten /Umgebung: [email protected],

0664/26 14 128 (Doris Liedl), 0680/23 18 925 (Alexandra Bollwein)

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Start. Uta Weber-Grüner (Lichtblick), Brustkrebs­aktivistin Claudia Altmann-Pospischek, Leiterin Sonja Maras, Vizebürgermeister Rainer Spenger, Eva Hornof (Leiterin), Sabine Bugnar und Sissy Wallner (Gesundheitsausschuss)

Krebs Klub Wiener Neustadt

Neugründung. Seit ihrer Diagnose 2013 war es der Herzenswunsch von Brustkrebsaktivistin Claudia Altmann-Pospischek: die Gründung einer Selbsthilfegruppe in ihrer Heimatstadt Wiener Neustadt. Mit Gleichgesinnten und der Unterstützung von Vizebürgermeister Rainer Spenger wurde die Vision nun Realität. Sonja Maras, metastasierte Brustkrebspatientin, und Psychoonkologin Eva Hornof leiten den „Krebs Klub“, der in den Räumlichkeiten des Vereins Lichtblick ein Zuhause fand (Europahaus, Kaiser Maximilian-Promenade 1, Wr. Neustadt). Ebendort werden jeweils am ersten und dritten Dienstag im Monat Treffen stattfinden. Die Selbsthilfegruppe ist ebenso auf Facebook vertreten: www.facebook.com/krebsklub.
Infos und Anmeldung: 02622/26 222 bzw. [email protected]