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Lifestyle | 11.11.2020

Kann Musik heilen?

Die Musiktherapie besticht durch ihre vielseitigen Möglichkeiten der Kommunikation. Am Josef Ressel Zentrum an der IMC Fachhochschule Krems forscht die Wissenschaftlerin Astrid Heine an einem ganz besonderen Projekt. Wir fragten nach ...

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Die Kraft der Musik. Astrid Heine wusste schon früh, dass sie Musiktherapeutin werden will. (© IMC Fachhochschule Krems)

Die Verbindung von Medizin und Musik lässt sich bis in die Frühzeit der Menschheit zurückverfolgen. In vielen Kulturen folgte die Musiktherapie einer dreitausend Jahre alten Tradition, welche die Heilkraft der Musik sowie ihren Einfluss auf Körper und Psyche erkannte. Bis 1550 gehörte die Musik sogar zum Fächerkanon eines Medizinstudiums. Seit 2008 zählt die Musiktherapie in Österreich zu den gesetzlich geregelten Gesundheitsberufen. Das Josef Ressel Zentrum an der IMC Fachhochschule Krems widmet sich der Schaffung evidenzbasierter wissenschaftlicher Grundlagen für eine personalisierte Musiktherapie in ausgewählten Feldern der neurologischen Rehabilitation.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Frau Heine, warum haben Sie sich für ein Studium der Musiktherapie entschieden? 
Astrid Heine: Musik hat mich in meiner Familie von Anfang an umgeben und ich habe früh gespürt, wie sie in verschiedenen Situationen meine Stimmung verändern kann. Ich war auch immer schon fasziniert davon, wie die Musik in meiner steirischen Heimat „die Leut zambringt“ und für diesen Moment des musikalischen Miteinanders die Alltagssorgen vergessen werden oder auch plötzlich gar nicht mehr so schwer erscheinen. Als ich mit 14 Jahren zum ersten Mal den Begriff „Musiktherapie“ gehört habe, wusste ich sofort: DAS IST ES. Mir war vom ersten Moment an klar, dass ich Musiktherapeutin werden möchte. Von da an habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekommen habe und schon meine Ferialpraktika in der Musiktherapie verbracht. 2009 durfte ich genau an meinem Geburtstag mit dem Musiktherapiestudium beginnen – ein sehr besonderes Geburtstagsgeschenk! 

 


Astrid Heine, BSc, MSc hat den Bachelor- und Masterstudiengang für Musiktherapie an der IMC Fachhochschule Krems absolviert und arbeitet am Josef Ressel Zentrum zur Grundlegung einer personalisierten Musiktherapie als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Sie absolviert derzeit ein PhD-Studium an der Anglia Ruskin University in Cambridge (UK). Für ihre Masterarbeit wurde sie 2015 mit dem Würdigungspreis des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft ausgezeichnet. 

 


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Working Mum. Die zweifache Mama ist in Mödling als Eigenverantwortliche Musiktherapeutin tätig. Infos: musiktherapie-moedling.at (© IMC Fachhochschule Krems)

Was sind die Ziele einer personalisierten Musiktherapie?

Hier steht der Mensch als individuelle Person im Mittelpunkt. Es geht nicht nur um seine Erkrankung, sondern darum die gesunden Anteile und die ganz persönlichen Ressourcen zu erkennen und zu fördern. Wir sehen Menschen in ihrer biopsychosozialen Gesamtheit und die Musiktherapie bietet vielseitigste Möglichkeiten, um auf die verschiedenen Bereiche und Themen einzugehen. So zeigt sich in der ersten Einheit oft, dass Menschen mit sehr ähnlichen Störungsbildern – nehmen wir zum Beispiel den Schlaganfall – ganz Unterschiedliches brauchen, um gesund zu werden oder sich gesünder zu fühlen. Ein Patient kann sehr belastet und traumatisiert sein vom plötzlichen Schicksalsschlag und braucht jemanden, der für ihn da ist, seine Ängste und Sorgen abfängt und ihn stärkt sowie Sicherheit vermittelt. In der Musiktherapie kann er diese Stärke mitunter durch das kreative Miteinander in sich selbst finden und aufbauen. Ein anderer Patient ist gar nicht so schockiert über das Erlebnis, möchte aber unbedingt sofort wieder funktionsfähig sein und macht sich einen großen Druck, der jedoch motorische Fähigkeiten blockiert. Bei ihm geht es in erster Linie darum, diesen Stress abzubauen, in der Musik durchzuschnaufen und zu entspannen, bevor man dann funktionale Übungen auf den Instrumenten macht, die durch die vorherige Entspannung aber mit Freude anstatt mit Druck besetzt sind. Hier ganz individuell vorzugehen, sich in die Patienten einzuspüren und sie auf ihrem persönlichen, einzigartigen Weg zu begleiten, das ist personalisierte Musiktherapie. 

Im Rahmen des Right Moment Projektes forschen Sie über den Zusammenhang zwischen bedeutsamen Momenten, benannt als Moments of Interest (MOI), in der Interaktion zwischen Therapeuten und Patienten. Wie kann man sich das vorstellen?

Wir sehen in der Praxis, dass sich die Wirkung der Musiktherapie oft in einem Moment zeigt, in dem es bei Patienten „klick“ macht oder sie einen „Aha-Moment“ erleben. Wie es zu solchen Momenten kommt und was da genau – auch im Gehirn – passiert, erforschen wir am Josef Ressel Zentrum Krems. Dafür begleiten wir Musiktherapeuten in Einrichtungen für Neurorehabilitation und zeichnen die Musiktherapie-Einheiten mit Schlaganfallpatienten auf Video auf. Zudem werden EEG und EKG von den Therapeuten und den Patienten aufgezeichnet, um einen Einblick auf das physiologische Geschehen während dieser Momente zu bekommen. Nach der Therapie wählen Patienten und Therapeuten aus dem Video besonders interessante Momente aus, zu denen sie befragt werden. Im interdisziplinären Team analysieren wir die quantitativen und qualitativen Daten, um zu erkennen, welche Momente gewählt wurden und was in diesen Momenten passiert. 

Welche Patienten werden von den Forschungsergebnissen des Projektes profitieren?

In erster Linie werden Musiktherapeuten im Feld der Neurorehabilitation von unserer Forschung profitieren und die Ergebnisse in ihre Arbeit mit Patienten einfließen lassen. Die Bedeutung besonderer Momente zieht sich jedoch über alle Behandlungsbereiche und wir hoffen, in weiteren Forschungsprojekten einen breiteren Bogen auf andere Felder spannen zu können. 

 

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(© IMC Fachhochschule Krems)

Sie werden Ihr PhD-Studium in Cambridge absolvieren. Wie ist es dazu gekommen?

Schon nach dem Masterstudium an der IMC Fachhochschule Krems habe ich nach Möglichkeiten gesucht, mich weiter in die Forschung zu vertiefen und ein Doktoratsstudium zu beginnen. Durch die Kooperation mit der Anglia Ruskin University Cambridge und dem dort angesiedelten Cambridge Institute of Music Therapy Research wurde mir angeboten, mein PhD dort zu absolvieren. Diese Möglichkeit habe ich dankend angenommen, da die Kollegen dort zu den international angesehensten Wissenschaftlern im Feld der Musiktherapie zählen. Ich kann sehr viel von ihnen lernen und schätze den Austausch und die Zusammenarbeit mit so erfahrenen und passionierten Forschern.

Was ist das Forschungsziel Ihrer Dissertation?

Meine Dissertation befasst sich mit der qualitativen Analyse der Interview- und Videodaten. Ich analysiere, welche Momente von den Patienten und Therapeuten als besonders interessant genannt wurden und welche Bedeutung diese für sie haben. Zudem schaue ich mir in den Videos an, was in diesen Momenten passiert, um einen tieferes Verständnis über die Wirkprozesse der Musiktherapie zu erlangen.  

Welche Rolle spielt Musik in Ihrem Privatleben?

In all ihren Facetten eine sehr große. Ich habe privat viel musiziert und gesungen. In den letzten Jahren hat sich aber der Schwerpunkt von Pop, Jazz, Soul zu Kinderliedern und wilden, freien Improvisationen auf allen möglichen Instrumenten mit meinen Kindern verlagert (lacht). Bei uns erklingt ständig irgendwo ein Klang, ein Geräusch oder eine Stimme. So laut und chaotisch die Musik derzeit ist, so sehr erfüllt sie aber auch mein Herz – mit den eigenen Kindern zu musizieren und ihre unverstellten, echten Stimmen zu hören, ist für mich der schönste Klang! 

Sie sind mit einem Musiktherapeuten verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Wie lässt sich Ihr Studium mit der jungen Familie vereinbaren?

Mein Studium kann ich großteils über Onlinekurse und -meetings absolvieren. Wenn ich doch mal nach Cambridge muss, kommt die Familie auch manchmal mit – unsere Vierjährige ist begeistert von den Doppeldeckerbussen. Aber – und das ist mir sehr wichtig – all meine Forschungsarbeit könnte ich nicht ohne die großartige Unterstützung meines Mannes machen. Wir haben uns die Karenz bei beiden Kindern aufgeteilt und wir schupfen auch Haus und Garten gemeinsam. Leider sind noch immer viel zu wenig Männer bereit, sich selbst einen Schritt zurückzunehmen und gemeinsam mit ihren Frauen das Familienleben zu gestalten – nur so kann es meiner Meinung nach gelingen, dass Männer wie Frauen Karriere, Kinder und ihre Beziehung zueinander gut verbinden können.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Musiktherapie?

Ich wünsche mir, dass das vielseitige Potenzial der Musiktherapie erkannt wird und vor allem Ärzte, Krankenkassen und Entscheidungsträger ihre Ohren und Augen öffnen und erkennen, dass Musiktherapie auf einer guten und ständig wachsenden wissenschaftlichen Basis steht. Wir Musiktherapeuten haben drei bis fünf Jahre Studium hinter uns und viel Know-how über den Einsatz der Musiktherapie. Ich wünsche mir, dass uns dafür mehr Vertrauen und Anerkennung geschenkt wird.