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Lifestyle | 26.11.2020

Homecoming auf vielen Ebenen

Mozart ließ sich gerne von ihm inspirieren, Michael Haydn war in vielerlei Hinsicht ein Pionier. So feiern Eva Maria Stöckler und ihr Team das niederösterreichische Genie.

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Die Mission: Eva Maria Stöckler will Michael Haydn mit neuem Buch „heimbringen“ (© W. Skokanitsch)

Woher die Mär auch stammt, dass Joseph und Michael Haydn aus einem armen Bauernhaus zu Genies avancierten, stimmt nicht. Ihre ehrgeizigen und musikliebenden Eltern waren ihnen inspirierende Vorbilder: Der Vater Mathias war Schmied, Wagnermeister, Landwirt und Marktrichter (vergleichbar mit einem heutigen Bürgermeister, Anm.). Die Mutter Anna Maria eignete sich durch das Kochen für den Grafen Harrach „eine moderne, für Frauen ihres Standes außergewöhnliche Weltgewandtheit“ an, erfährt man aus dem brandneuen Buch „… dauert ewig schön und unveraltet …“ („Johann Michael Haydn – kein vergessener Meister!“, Hollitzer Verlag), das kürzlich Eva Maria Stöckler – sie ist Leiterin des Zentrums für Angewandte Musikforschung der Donau-Universität Krems – und Kunsthistorikerin Agnes Brandtner herausgaben.

Ihr profundes Wissen über Michael Haydn verpackten mehrere Expertinnen und Experten in fesselnde Geschichten, deren Lektüre keine wissenschaftliche Expertise voraussetzt; den auf vielen Ebenen brillanten Komponisten aus Rohrau einem möglichst breiten Publikum näher zu bringen, war Eva Maria Stöckler ein Herzensanliegen. 

NIEDERÖSTERREICHERIN: Wie war Ihre erste Begegnung mit Michael Haydn?

Eva Maria Stöckler: Ich habe in Salzburg am Institut für Musikwissenschaft studiert. Einer meiner damaligen Lehrer, Gerhard Walterskirchen – von ihm sind auch Texte im Buch enthalten –, hat uns mit Michael Haydns Musik bekannt gemacht. Wir sollten handgeschriebene Notentexte in eine moderne Notenschrift übertragen. Ich hatte als Studentin unendlichen Respekt vor dem historischen Notenmaterial. Man taucht sehr tief in die Person ein, wenn man seine Handschrift zu entschlüsseln versucht; es war ein bisserl wie Detektivarbeit, das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht.

 

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Geburtshaus: Rohrau um 1800 (© Landessamlungen NÖ)

Was fasziniert Sie an Michael Haydn, sodass Sie sogar ein Buch herausgaben?

Ich muss gestehen, er spielte nach dem Studium lang keine Rolle in meinem Leben; ich habe mich mit Musik des 20. Jahrhunderts beschäftigt bzw. mit der Perspektive der Rezeption. Dann ist die „Haydnregion Niederösterreich“ rund um das Geburtshaus der Brüder in Rohrau entstanden. Nun ist Joseph Haydn sehr mit dem Burgenland verbunden: Er hatte eine Anstellung bei Esterházy, dazu wurde sehr viel geforscht. Zu Michael Haydn hingegen viel weniger, noch dazu eher in Salzburg. Das hat mich fasziniert: Wie kann man den „Salzburger Haydn“ zurück in seine Region, wo er aufgewachsen ist, und ins Bewusstsein der Menschen dort bringen?

Was ist das Besondere an ihm?

Michael Haydn hat sehr früh schon im Freundeskreis vierstimmige Lieder gesungen und für Chöre komponiert; er war sicher einer der Pioniere in diesem Bereich. Zum anderen war er angestellter Kirchenmusiker und hatte ein sehr gutes Gespür dafür, was man einer Singstimme zumuten kann, wie melodiös ein Lied sein muss, damit die Leute in der Kirche mitsingen können. Diese Kirchenmusik war sehr beliebt; wir haben in fast jedem Kloster zwischen Salzburg und Wien Michael Haydn-Abschriften gefunden. Er ist einer der bekanntesten Kirchenmusik-Komponisten des 19. Jahrhunderts.

Wieso wissen das die wenigsten?

Kirchenmusik kommt in der Form kaum noch vor; meistens hat man gerade noch einen Organisten und das war‘s. Damit ist der Platz für diese Musik verschwunden. Michael Haydns Bedeutung für Niederösterreich lässt sich in den Klösterarchiven etwa von Göttweig, Klosterneuburg und Melk ablesen. Seine Werke wurden händisch abgeschrieben und von Kloster zu Kloster weitergegeben. Auch gibt es eine lustige Geschichte, die mit Mozart zu tun hat. Michael Haydn hat 20 Jahre vor (!) dem berühmten Mozartrequiem ein Requiem geschrieben, das wahnsinnig ähnlich klingt. Wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, Mozart hat von ihm abgeschrieben. Haydns Requiem ist ein großartiges Stück, es ist nur noch nicht so bekannt wie jenes von Mozart.

 

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Michael Haydn. Porträt aus dem druckfrischen Buch – nach Franz Xaver Hornöck, Felix Pischinger, 1805 (© Landessamlungen NÖ)

Es ist Ihnen gelungen, für das Buch  mehr als zehn Autorinnen und Autoren zu gewinnen. Was war Ihr Antrieb?

Die Überzeugung, dass es wichtig ist, und auch die Unterstützung seitens der Haydnregion Niederösterreich war ganz stark. Die Autorinnen und Autoren haben sich in den letzten Jahren immer wieder mit Michael Haydn beschäftigt; ihre Bereitschaft war sehr groß, an einem Projekt mitzuarbeiten, das über den Tellerrand hinausblickt und ein Buch für alle Interessierten sein soll. Wichtig war mir auch, eine Mitherausgeberin zu haben, die nicht Musikwissenschaftlerin ist. Agnes Brandtner ist Kunsthistorikerin und Ausstellungskuratorin und war maßgeblich an der Neuaufstellung im Geburtshaus in Rohrau beteiligt; sie hat die Verbindung zwischen Geburtshaus und dieser Publikation hergestellt.

Sie sind sozusagen in der Theorie zu Hause. Spielen Sie auch und wie kamen Sie als Kind mit Musik in Berührung?

Ich bin musikalisch in einer ganz anderen Welt zu Hause: Ich bin Jazz­gitarristin. Man braucht auch mal etwas ganz anderes, wenn man sich so viel mit historischer Musik beschäftigt (lacht). Ich habe mit zehn Jahren begonnen, Gitarre zu spielen und später beim Studium beschlossen, nicht Musikerin zu werden, sondern eher hinter die Kulissen schauen zu wollen. Ich war immer fasziniert davon, was Musik auslösen kann, wie wichtig Musik für Menschen als Ausdrucksform ist, gerade wenn man keine Sprache für etwas hat.

www.haydnregion-noe.at

 

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Buchpräsentation. Mit Autorin Elisabeth Hilscher (sitzend, v. l.), Herausgeberinnen Eva Maria Stöckler und Agnes Brandtner, Autoren Günter Stummvoll, Sepp Gmasz und Anton Voigt sowie Michael Linsbauer (Künstlerischer Leiter Haydnregion Niederösterreich) (© Niklas Schnaubelt)