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Lifestyle | 16.06.2020

Nüchtern neugierig – der gesunde Trend

Alkohol ist in Österreich allgegenwärtig. Ein netter Abend mit Freunden, eine Familienfeier oder ein Treffen nach der Arbeit – fast überall spielt Alkohol eine Rolle. Seit 2016 gibt es jedoch einen Gegentrend aus New York: Er nennt sich Sober Curious. Feiern und Freizeit ohne Alkohol – warum eigentlich nicht?

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A girl‘s night out? Ohne Alkohol mindestens genauso schön. © pixabay.com/StockSnap (CCO Creative Commons)

Am Institut für Höhere Studien in Wien kommt eine ökonomische Studie zu den volkswirtschaftlichen Effekten der Alkoholkrankheit zu dem Schluss, dass der überhöhte Alkoholkonsum in Österreich eine der größten vermeidbaren Todesursachen ist. Auf persönlicher Ebene wirkt sich ein dauerhafter Alkoholkonsum bereits ab einem Feierabendbier oder -wein negativ aus. Es sind keineswegs Exzesse notwendig, um das Risiko für eine Krankheit zu erhöhen. Hoher Blutdruck, Herzinfarkte oder Leberschäden sind Folgen von gemäßigtem, aber regelmäßigem Alkoholkonsum. Weitere störende Nebeneffekte von Alkohol sind:

  • Hautschäden
  • Hautalterung
  • Begünstigung von Übergewicht

Alkohol ist ein Stressfaktor für die Haut. Wer hingegen Alkohol reduziert, wirkt der eigenen Hautalterung entgegen. Wer gänzlich auf ihn verzichtet, senkt sein Risiko für einige Erkrankungen, sieht jünger aus und lebt bewusster. Null Alkohol ist also nice und smart. Aber wieso ist Alkohol in Österreich dann allgegenwärtig?

 

Welche Rolle spielt Alkohol?

Mit dem Alkohol ist es bei vielen Menschen wie mit Süßigkeiten: Es handelt sich dabei um Belohnungen. Schaut man sich die Konsequenzen sowohl von Alkohol als auch von Süßigkeiten an, wird schnell klar, dass dieses Verwöhnen jedoch eine schlechte Angewohnheit ist. Wie bei allen Gewohnheiten sind ein Aufhören und eine längerfristige Umstellung anfangs schwer – unmöglich ist es aber nicht. Die unterschiedlichen Funktionen, die Alkohol erfüllt, sind:

  • Belohnung
  • Genuss
  • Gewohnheit
  • Entspannung
  • Starthilfe für schüchterne Menschen
  • emotionaler Kitt

Insbesondere bei den letzten drei Punkten besteht die Gefahr, in eine Sucht abzurutschen. Umso wichtiger ist Alkohol-Detox. Aber wie lassen sich alte Muster verändern? Eine praxistaugliche Möglichkeit ist das Überschreiben alter Muster mit neuen.

 

Belohnung

Wie gut kennen wir uns selbst? Das spielt bei diesem Punkt eine wichtige Rolle. Was tut also individuell gut? Ist es wirklich das Glas Wein am Abend nach einem stressigen Tag? Oder könnte ein entspannendes Bad mit einer selbstgemachten Maske mit Avocado nicht auch den gleichen Effekt haben? Ist ein gemütlicher Abend mit Freunden mit einem leckeren alkoholfreien Cocktail nicht ebenso eine Belohnung wie einer mit einem Glas Sekt? Wer diese Muster hinterfragt, merkt rasch: Alkohol fehlt nicht.

 

Genuss

Der Mensch strebt nach Glück und Genuss. Genuss ist eine individuell erlernte Komponente. Ist hochwertiger Traubensaft aber nicht genauso genussvoll wie etwa Wein? Als Schorle enthält er deutlich weniger Zucker, schwemmt nicht auf und lässt sich ohne Kater genießen. Es sind genau genommen die Verknüpfungen im Kopf, die gewohnten und erlernten Entscheidungen, die im Alltag rasch dazu führen, unüberlegt zu alkoholischen Getränken zu greifen. Ein erwachsener Mensch trinkt Alkohol und Kaffee. Schorle, Wasser oder Tee sind nur Getränke für Langweiler. Aber was ist, wenn es einem persönlich mit einem grünen Tee abends viel besser gehen würde? Zerstört diese Erkenntnis das eigene Selbstbild vom Genussmenschen oder lässt sich Genuss auch anders leben? Wer nüchtern bleiben möchte, muss zunächst das eigene Selbstbild in Bezug auf Alkohol revolutionieren.

 

Gewohnheit

Es hat etwas Gemütliches und Selbstverständliches, wenn bei einem Abend mit Freundinnen Sekt gereicht wird. Auch der Theaterbesuch endet meist an der Cocktailbar. So war es immer schon. Auch heißt es nicht umsonst: Feierabendbier. Zum Geburtstag wird nicht mit Leitungswasser, sondern mit einem hochwertigen Sekt angestoßen. All das sind aber keine Regeln – es sind lediglich Gewohnheiten oder Gepflogenheiten. Wer sich mit anderen nach der Arbeit trifft, kann abends auch alkoholfreien Eistee genießen. Die Auswahl an alkoholfreien Cocktails ist außerdem ähnlich vielfältig wie jene der Getränke mit Alkohol. Es mag zu Beginn eine Umstellung sein, aber viele der alkoholfreien Cocktails schlagen mit ihren feinen Geschmacksnuancen sogar die klassischen Cocktails. Um aus Gewohnheiten herauszukommen, ist eine bewusste Entscheidung nötig. Ist diese erst einmal getroffen, so empfiehlt sich ein sechswöchiges, penibles Einhalten der neuen Regeln. Danach haben sich die neuen Gewohnheiten meist eingebürgert.

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Bewegung sorgt langfristig für Entspannung und hält fit. © pixabay.com/Composita (CCO Creative Commons)

Entspannung

Wer Alkohol zum Entspannen und Abschalten nutzt, erhöht das Risiko, in eine Alkoholabhängigkeit zu geraten. Das Glas Rotwein vor dem Schlafengehen ist bald keine bewusste Entscheidung mehr, sondern wird gefühlt zur Notwendigkeit. Mit der Zeit fordert der Körper aber mehr als nur ein Glas und das Pensum steigt. Privater oder beruflicher Stress führen bei vielen Gewohnheitstrinkern zusätzlich zu einem Anstieg der konsumierten Alkoholmenge. Oftmals wird das Pensum nach dem Abklingen der stressigen Zeit aber nicht reduziert, sondern belastet den Körper weiterhin. Weder privater noch beruflicher Stress lassen sich vermeiden. Deswegen ist es wichtig, dass bereits Kinder und Jugendliche gesunde Entspannungsroutinen lernen. Körperarbeit wirkt effektiv gegen Stress. Das kann sein:

  • Yoga
  • Schwimmen
  • Joggen
  • Walken
  • autogenes Training
  • progressive Muskelentspannung
  • Radfahren

Hierbei werden die durch Stress ausgeschütteten Hormone sowie die Anspannung im Körper abgebaut. Wer diese Techniken mit dem Trinken von Alkohol als Entspannungsmethode vergleicht, merkt, dass Alkohol nur scheinbar zu Entspannung führt. Eigentlich wird der Stress dabei jedoch lediglich ausgeblendet. Weder die Hormone noch die muskuläre Anspannung werden durch Alkohol gelöst. Der Stress bleibt damit im Körper gespeichert und steigt stetig. Andere Methoden entspannen auf weitaus nachhaltiger Art und Weise.

 

Starthilfe für schüchterne Menschen

Für schüchterne und sozial unbeholfene Menschen wird Alkohol oftmals in der Pubertät zu einer sozialen Starthilfe. Statt sich der eigenen Unsicherheit zu stellen, wird die Stimmung mit Alkohol gehoben. Das funktioniert und wird bald beibehalten. Um dauerhaft glücklich zu sein, ist es aber sinnvoller, zu analysieren, warum gewisse Situationen für manche schwierig zu bewältigen sind.

  • Müssen diese Situationen wirklich zum eigenen Leben dazugehören?
  • Welche anderen Mechanismen lassen sich in solchen Momenten gut einsetzen?
  • Wie lässt sich der Selbstwert ohne Alkohol heben?

Bei ausgeprägter Schüchternheit gibt eine Verhaltenstherapie Hilfestellung. Schüchternheit ist kein Makel. Wer diesen Zug an sich akzeptiert, geht glücklicher durchs Leben. Also: Flasche zu lassen, mit offenen Augen in den Spiegel schauen und sich selbst akzeptieren.

 

Emotionaler Kitt

Schlimmer Liebeskummer, große Trauer, riesige Wut – es gibt Emotionen, die machen einen hilflos. Wer kennt sie nicht? Wird in solchen Situationen nicht mehr geredet und nach Lösungen gesucht, sondern stattdessen zu Alkohol gegriffen, so kann dies gefährlich werden. Denn Alkohol baut die Gefühle nicht ab. Er hilft nicht, durch die Emotionen zu gehen und sie zu verarbeiten. Langfristig ist er deshalb keine Lösung. Ein klarer Kopf, konstruktive Gespräche und aktives Handeln helfen viel mehr in solchen Krisen. Um die Wut loszuwerden, können ein Boxsack oder andere Sportarten nützlich sein, um sich auszupowern. Bei Trauer hilft es, loszulassen und zu weinen.

 

Sober Curious

An einigen Ecken und Enden braucht es heutzutage in der Gesellschaft wohl neue Mechanismen oder andere Gewohnheiten. Langfristig gesehen, ist der Verzicht auf Alkohol jedenfalls eine gesunde Entscheidung. Wer Alkohol aus seinem Leben streicht, muss hingegen nicht gleichzeitig auf Spaß und Genuss verzichten – es geht auch beides!