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Lifestyle | 03.02.2021

„Manche Kinder haben eben zwei Mamas“

Familie ist nicht immer gleich Mama + Papa = Kind. Wie lebt es sich in der Steiermark als queere Familie?

Eva Lerchers Familie besteht aus zwei Mamas und den zwei kleinen Töchtern Lea und Mira: „Wir sind ein ziemlich verrückter Haufen mit viel Liebe, Chaos und viel Spaß!“ Die derzeit karenzierte Psychologin unterstützt die RosaLilaPantherinnen in der psychologischen Beratung und leitet gemeinsam mit Martin Gerdenitsch-Petzwinkler die an den Verein angedockte Organisation FAmOs Steiermark. Vor 10 Jahren in Wien gegründet, richtet sich FAmOs an alle, die in einer queeren Familienform leben oder als queeres Paar ihre Zukunft planen möchten. Martin ist Kinderbetreuer und lebt mit seinem Mann und seinen beiden Kindern aus erster Ehe zusammen, deren Sorgerecht er sich mit seiner Exfrau teilt. Mit FAmOs unterstützen sie queere Eltern bei der Familienplanung und teilen ihre eigenen Erfahrungen. Wie ist das, wenn man nicht in die gesellschaftliche Norm der klassischen Kernfamilie hineinpasst? Wir wollen Stereotype aufdecken und zeigen, dass Familie viele Formen hat – und es sich auch als Regenbogenfamilie eigentlich ganz normal lebt.

Zwei Mamas, kein Papa: Eva.

Eva, haben es zwei Mamas leichter als zwei Papas?
Eva Lercher: Zwei Mamas haben es gesellschaftlich und auch biologisch gesehen einfacher. Es gibt in der Steiermark auch viel mehr Mamas als Papas. Dadurch, dass sich 2015 das Fortpflanzungsgesetz geändert hat, können sich jetzt auch zwei Frauen in einer Kinderwunschklinik unterstützen lassen – Männer können nur schon Kinder aus vorherigen Beziehungen mitbringen oder adoptieren, das ist aber ein sehr langer Prozess. Auf Pflegeelternschaften muss man sich einlassen können.

Wie sieht der Kinderwunsch bei lesbischen Paaren rechtlich aus?
Vor 2015 war es sehr schwierig, viele hatten private Samenspender. Mit der Kinderwunschklinik steht der zweite Elternteil automatisch in der Geburtsurkunde. Das erleichtert vieles, weil man keine Stiefkindadoption mehr durchlaufen muss. Wir waren sehr dankbar, dass das Gesetz quasi gleichzeitig mit unserem Kinderwunsch in Kraft getreten ist.

Funktionieren im Kinderwunsch manche Dinge noch nicht?
Leihmutterschaften für Papas sind nicht erlaubt. Eine Frau kann auch nicht mit der Eizelle der anderen ein Kind austragen. Immerhin ist man rechtlich völlig gleichgestellt. Schwieriger ist die Bürokratie – wir haben etwa nicht automatisch beide Familienbeihilfe bekommen. Befreundete heteronormative Familien hatten diese Probleme nicht.

Wie stark bist du von Vorurteilen betroffen?
Da haben wir viel Glück, direkt trifft uns wenig. Aber dass bei Karenzberatungsterminen ständig vom Vater gesprochen wird, obwohl zwei Frauen im Raum sitzen. Dass im Krankenhausformular steht, dass nur der Vater Besuchsrecht hat. Das sind formelle Unachtsamkeiten, die leicht beseitigt werden könnten. Dafür fällt es mir sehr positiv auf, wenn mal in einem Formular vom ersten und zweiten Elternteil gesprochen wird.

Wie reagierst du auf Fragen wie „Wer ist jetzt die Frau und wer der Mann“?
Ich habe oft gesagt, es gibt keinen Mann, und das ist der Sinn der Sache. Bei unseren Kindern ist es klar, dass ich die Bauch-Mama bin. Aber wenn es um Dinge geht wie „Schläft sie gut?“ oder „Weint sie viel?“, dann fragen die Leute mich, auch wenn meine Frau mit dem Baby in der Hand neben mir steht. Ich bin sehr froh, dass sie das gut wegstecken kann. Rollen werden schnell zugeschrieben – ich bin daheim, also ist Astrid wohl der Papa. Die Gesellschaft braucht eine gewisse Einordnung, wir sollten Geschlechterklischees aber hinterfragen. Vielleicht übernehme ich mehr weibliche Aufgaben, aber Astrid macht mehr im Haushalt, weil ich chaotisch bin.

 

 

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© Unsplash

Werdet ihr seit den Kindern als Paar ernster genommen oder macht es das noch schwerer?
Wenn zwei Frauen zusammen sind, ist das okay, aber Erziehung ohne Papa schadet dem Kind. Viele sagen, zum Glück habt ihr Mädels bekommen, ein Junge wäre schon arm gewesen. Früher war es mir egal, wenn jemand was gesagt hat, aber neben meinen Kindern bin ich viel angreifbarer. Ich will nicht, dass Lea und Mira das Gefühl bekommen, das etwas nicht passt, so wie sie leben.

Wie gehen andere Kinder damit um?
Wir hatten großes Glück, dass gleich beim ersten Elternabend im Kindergarten Thema war, dass Diskriminierung keinen Platz hat und wenn Kinder was sagen, es definitiv von zu Hause kommt. Im Freundeskreis haben wir viele Hetero--Paare mit Kindern im ähnlichen Alter, für die ist es absolut normal. Die Tochter einer Freundin spielt mit Lego „Eva und Astrid heiraten“. Manchmal fragt schon jemand, wo denn der Papa von der Lea ist – die Antwort „Manche Kinder haben zwei Mamas“ ist für Kids aber ausreichend. Dann ist es halt einfach so.

Also andere Kinder sagen gar nichts?
Ich habe sogar schon gehört, dass Kinder ihre Eltern ausbessern, wenn die sagen, jedes Kind hat eine Mama und einen Papa. Bei Kindern gibt es kein „Warum?“ und „Bist du nicht traurig?“, das kommt eher von den Eltern. In Kinderköpfen ist es einfach so, wie es ist. Ich glaube, das ist eher voll spannend für sie.

Gibt es Fragen, die dich nerven?
Es muss echt nicht sein, dass mich Leute, die ich nicht kenne, fragen, ob ich einen Samenspender hatte. Es gibt ein Zuviel an Fragen. Allerdings ist das besser, als wenn hinter meinem Rücken gemurmelt wird. Etwa dass ich Astrid betrogen hätte und sie das Baby trotzdem angenommen hätte. Das war bei unserem ersten Kind der Fall. Da wird man lieber gefragt, als dass wilde Theorien aufgestellt werden.

Welche Fragen würdest du gerne hören?
Ob wir glauben, eine normale Familie zu sein. Alle Familien sind einzigartig, auch unsere. Wir haben genau die gleichen Themen: Karenzaufteilung, Impfungen, welcher Kindergarten und so weiter. Für mich ist es teilweise sogar komisch, wenn ich wieder merke, dass wir ja eine Minderheit sind. So fühle ich mich im Alltag nicht. Wenn alle mehr über uns wissen würden, dann wäre unsere Familienform für alle normal.

Regenbogen-Patchwork: Martin.

Martin ist in eine Regenbogen--Patchwork-Familie hineingewachsen. Heute ist er mit einem Mann verheiratet, seine beiden Kinder bringt er aus erster Ehe mit. Seit der Karenz seines ersten Sohnes arbeitet er als Tagesvater und Kinderbetreuer. Diskriminierung hat er auch zu seinen Anfängen nicht erfahren: weil es wichtig ist, dass Kinder lernen, dass Gleichwertigkeit der Geschlechter wichtig ist.

Was hältst du vom Modell der Kernfamilie?
Martin Gerdenitsch-Petzwinkler: Die Kernfamilie à la Mama, Papa, Kinder und Hund ist ein Auslaufmodell und spiegelt die Gesellschaft nicht wider – sie ist nur ein Teil der bunten Vielfalt an Familienformen. Das Wichtigste ist, dass Kinder sichere Bindungspersonen haben, bei denen sie sich gut entwickeln können. Diskriminierung ist ein Zeichen dafür, dass Menschen uns nicht kennen und nicht wissen, wie unser Leben aussieht – nämlich nicht anders als in heteronormativen Familien.

Fühlst du dich als queere Familie gleichberechtigt?
Natürlich lebe ich in einer gewissen Blase, mein Umfeld akzeptiert mich in meiner Lebensform. Auch beruflich ist das kein großes Thema, ich gehe sehr offen damit um. Wenn mich ein Elternteil darauf anspricht, wie ich zu meinen Kindern gekommen bin, sage ich ihnen das. Natürlich denke ich mir auch, ein heterosexueller Betreuer wird das nicht gefragt. Aber wir sind auf einem guten Weg.

 

Die Kernfamilie
à la Mama, Papa,
Kind ist nur ein
Teil der bunten
Vielfalt an
Familienformen.

– Martin Gerdenitsch-Petzwinkler

 

Was brauchen Regenbogenfamilien in unserer Gesellschaft?
Gleichwertigkeit und Normalität. Dass ich als Regenbogenmama mein Kind im Kindergarten anmelde und es selbstverständlich ist, als Familie wahrgenommen zu werden – und zwar nicht als Trend, sondern dass man wahrnimmt, schön, du hast auch zwei Kinder. Dass die Erwartungshaltung nicht so hoch ist: Auch wir dürfen in der Kindererziehung mal scheitern, mal Hilfe beanspruchen. Auch Regenbogenfamilien sind nicht perfekt. Es braucht Normalität und ein Umfeld, in dem man sich austauschen kann – über die Kinder, nicht die Familienform.

Was sollten andere wissen?
Dass sie nicht alles wissen müssen. Das Wichtigste ist, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen können, so wie wir sind. Dann spielt es auch keine Rolle mehr, ob alleinerziehend, Patchwork oder Regenbogenfamilie.

Wie gehen Kinder damit um, „Regenbogen-Eltern“ zu haben?
Kinder wachsen damit auf, aber vorurteilsfreie Erziehung ist wichtig. Zwischen 3 und 4 Jahren übernehmen Kinder schon Stereotype; je älter sie werden, desto stärker steigt die Gefahr dieser. Da ist gut geschultes pädagogisches Personal gefragt. Wenn was in der Klasse zur Sprache kommt, muss das aufgegriffen werden. Wenn beim Vatertag im Kindergarten die Frage aufkommt, moment, ich habe aber gar keinen Papa, sondern zwei Mamas, dann muss sich das Fachpersonal aktiv damit auseinandersetzen können. Dafür gibt es den Verein FAmOs.

Wie reagierst du auf Kommentare wie dass Kinder Mama und Papa brauchen?
Kinder unterscheiden nicht nach Verwandtschaftsstatus am Papier, ihnen ist es wichtig, dass sie Menschen haben, denen sie vertrauen. Und das Leben findet ja nicht nur innerhalb der Kernfamilie statt. Es braucht auch Bindungspersonen außerhalb der Eltern. Sonst dürfte es auch keine alleinerziehende Mama mehr geben oder wir die Kinder nicht mehr in einen Kindergarten geben, in dem nur Frauen arbeiten.

Hast du Zukunftswünsche?
Dass Kinder unserer Generation mit der Haltung, dass jeder Mensch gleichwertig ist, ins Leben gehen können, dass es für sie nicht von Geschlecht oder sexueller Orientierung abhängt. In alten Geschichten wird immer transportiert, dass alle Menschen gleich viel Wert haben, egal ob Bettler oder Soldat. Wir müssen es nur schaffen, das auf unsere gesellschaftliche Realität zu übersetzen.