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Lifestyle | 23.02.2021

Wie ein sehr großes Freilichtmuseum

Ausgehungert nach Freiheit und Kultur? Niederösterreich hat ein herausragend dichtes Netz an Kunst im öffentlichen Raum. Expertin Katrina Petter macht Lust auf eine facettenreiche Entdeckungsreise.

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Im Interview. Katrina Petter, Leiterin Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich (KOERNOE) – im Bild am Aussichtsturm „Die Vierte Wand“ von Eldine Heep und Klemens Schillinger am Welterbesteig Wachau (© eSeL.at)

Es wirkte wie das Öffnen eines mächtigen Schleusentors zu kreativem Gedankenfluss: Seit dem Kulturförderungsgesetz 1996 wurden auf dessen Basis Hunderte künstlerische Projekte im öffentlichen Raum realisiert; Niederösterreich gilt selbst im Europavergleich als ein Pionier auf diesem Gebiet. Eine der treibenden Kräfte war Katharina Blaas-Pratscher; an ihrer Seite arbeitete die vielseitig versierte Katrina Petter seit 2004. Als ihre Mentorin 2018 in Pension ging, übernahm sie die Leitung für Kunst im öffentlichen Raum (KOERNOE; Abteilung für Kunst und Kultur des Landes Niederösterreich). Wir sprachen mit ihr über Werke, die zum Schmunzeln und zum Nachdenken anregen, positive Impulse während der Pandemie und aktive Erinnerungskultur.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Was kann Kunst im öffentlichen Raum, worin liegt die Mission?
Katrina Petter: Das Potenzial von Kunst im öffentlichen Raum ist ihre Vielfalt. Sie reicht von architektonischer Platzgestaltung über skulpturale Installation bis hin zu Erinnerungskultur und performativen Interventionen; zudem machen wir Ausstellungen, Gesprächsveranstaltungen, selbst Filmreihen. Ich genieße es sehr, dass laufend neue Kontakte geknüpft werden: mit Kunstschaffenden, Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, Architektinnen und Architekten, mit der Bevölkerung, … Jedes Projekt bringt Neues – auch neue Begegnungen und Erkenntnisse.
Kunst im öffentlichen Raum gibt Künstlerinnen und Künstlern einen neuen Freiraum, abseits von gewohnten Schemata sich auf etwas einzulassen. Wir bringen oft Gemeinden mit Kunstschaffenden zusammen, die zu einem Projekt jeweils unterschiedliche Bilder im Kopf haben; das führt mitunter auch zu Diskussionen, die aber sehr bereichernd und gewinnbringend sind. Last but not least machen sie zeitgenössische Kunst für alle frei zugänglich.

Jetzt wo praktisch nichts offen haben darf: Bekommt Kunst im öffentlichen Raum mehr Rampenlicht?
Es ist tragisch, dass Museen und andere Kulturinstitutionen geschlossen sein müssen, aber der Bedarf ist da und so rückt Kunst im öffentlichen Raum und die Fülle an Arbeiten, über die wir verfügen, mehr ins Bewusstsein. Durch die Pandemie steht der öffentliche Raum generell verstärkt im Fokus und damit auch die Frage: Wie wollen wir ihn in Zukunft nutzen? Bieten sich nicht andere Schwerpunktsetzungen an, weniger Straße und Verkehr, mehr Freiraumgestaltung, Räume für Kinder und für ein gemeinschaftliches Zusammenkommen? So könnten aus der aktuellen Situation auch positive Impulse hervorgehen.
Letztes Jahr wurde ein bemerkenswertes Projekt in Klein-Meiseldorf fertiggestellt. Abwanderung, Leerstand von Lokalen, geschlossene Bahnstationen – all das betrifft viele Gemeinden; es wird immer schwieriger, ein soziales Leben am Leben zu erhalten. Klein-Meiseldorf traf bewusst die Entscheidung, wieder ein Gemeindezentrum zu schaffen; es wurde sogar ein Lebensmittelhändler mit einem kleinen Café in den Ort geholt. KOERNOE schrieb begleitend dazu einen geladenen Wettbewerb zur Platzgestaltung aus, aus dem ein Projekt mit Sitzmöglichkeiten, Feuerstelle und Wasserbecken hervorging, wo die Leute zusammenkommen können, anstatt jeweils nur im eigenen Garten zu sitzen.

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Here after here after here. Marrakesch, Sydney, Warschau, Los Angeles – die ganze Welt beim Kreisverkehr Stockerau. Der indische Künstler Jitish Kallat bog und verknotete Autobahnschilder zu einem kunstvollen Knäuel aus Endlosschleifen.

(c) Raimo Rumpler

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In This Together.
Temporäre Interventionen zu 25 Jahre Österreich in der EU von Aldo Giannotti (oben, Klangturm) und Borjana Ventzislavova (Rathaus). Das Projekt von „art hoc projects“ ist an mehreren Standorten in St. Pölten bis Ende 2021 zu sehen.


(c) Michael Strasser

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In This Together.
Temporäre Interventionen zu 25 Jahre Österreich in der EU von Aldo Giannotti (oben, Klangturm) und Borjana Ventzislavova (Rathaus). Das Projekt von „art hoc projects“ ist an mehreren Standorten in St. Pölten bis Ende 2021 zu sehen.


(c) Michael Strasser

Wie sieht Ihre Aufgabe konkret aus?
Wir fördern Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Es kommen sowohl Künstlerinnen und Künstler als auch Gemeinden mit fertig ausgearbeiteten Projekten zu uns, die subsidiär gefördert werden können. Ebenso gibt es die Möglichkeit, dass Gemeinden, Vereine, Institutionen aber auch Privatpersonen mit einer Idee an uns herantreten. Ein aktuelles Beispiel ist eine künstlerische Gestaltung anlässlich 600 Jahre Wehrturm Perchtoldsdorf.
Gemeinsam mit einem Gutachtergremium, in dem externe Expertinnen und Experten sowie Vertreterinnen und Vertreter des Landes sitzen, erarbeiten wir, worin genau die jeweilige Aufgabenstellung liegt. Es werden meist geladene Wettbewerbe ausgelobt und mehrere Künstlerinnen und Künstler nominiert, einen Entwurf zu erarbeiten; eine zentrale Funktion von KOERNOE ist es, eine kommunizierende Schnittstelle zwischen Künstlerinnen und Künstlern sowie Auslobenden zu sein. Wenn eine Entscheidung getroffen wird, begleiten wir den Umsetzungsprozess und unterstützen ebenso bei der Eröffnung, der Kommunikation und der Vermittlung.
Parallel kommunizieren wir das Gesamtbild: Ich sehe Kunst im öffentlichen Raum als eine Art sehr großes Freilichtmuseum, zu dem auch eine entsprechende Pflege und Wartung gehört.

Wie gelingt die Vermittlung von Kunst im öffentlichen Raum?
Hier gibt es unterschiedliche Ansichten. Zum einen, dass Arbeiten für sich wirken sollen und die Menschen jeweils ihren eigenen Zugang dazu finden. Zum anderen besteht das Bedürfnis nach Informationen und Erklärung, wie sie im Museum in Saaltexten gegeben sind. Wir versuchen einen Mittelweg zu verfolgen, weil viele Arbeiten stark auf die Geschichte und den Ort Bezug nehmen und viel verloren gehen kann, wenn der Kontext nicht vermittelt wird. Wir beschäftigen uns laufend mit der Frage nach einer guten Balance zwischen Information und der Möglichkeit, die Arbeiten für sich entdecken zu können.
Gerade überarbeiten wir unsere Website; sie soll benutzerfreundlicher für unterschiedliche Devices werden, damit Interessierte gleich vor Ort weiterführende Informationen erhalten, auf benachbarte Arbeiten oder auf mögliche Touren hingewiesen werden.
Wir machen nun das dritte Jahr unsere INVENTOUR; wir intensivieren den Kontakt zur Bevölkerung im Vorfeld, während ein Projekt umgesetzt wird und bei der Eröffnung. Das heißt: Wir suchen Expertinnen und Experten, Kultur- und Kunstinstitutionen im Umfeld sowie Privatpersonen, die sich vor Ort für die Vermittlung engagieren; wir wollen auf diese Weise ein Netzwerk ausbauen.

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Erinnerungskultur. Der Künstler Florian Pumhösl nimmt auf die Geschichte des Gebäudes des heutigen „WasserClusters“ in Lunz am See Bezug: Es wurde ab 1940 unter anderem als Organisationszentrale für die Lunzer Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend verwendet.

 

(c) Joanna Pianka

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Nase. Vier Meter hoch, begehbar und aus Beton gebaut ist die Arbeit des Künstlerkollektivs Gelatin am Donauufer an der Fährstation St. Lorenz in der Wachau. Schauspielerin und Sängerin Ursula Strauss integriert die Nase gern in ihr Festival „Wachau in Echtzeit“.


(c) Daniela Matejschek / Wachau Kultur Melk

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Feuerstelle.
Die Bevölkerung von Klein-Meiseldorf engagierte sich für die Errichtung eines neuen Dorfzentrums. Realisiert wurde das Projekt von Nicole Six und Paul Petritsch.


(c) Lisa Rastl

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Balance Capsule.
Die Installation im Schlosspark Grafenegg stammt vom ungarischen Künstlerduo „Little Warsaw“. Die Arbeit fokussiert das Spannungsfeld zwischen internationaler Diplomatie, Modernismus, Raumfahrt und Telekommunikation.  


(c) Joanna Pianka

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Cliffhanger.
Nach Jahren der Vorbereitungszeit konnte das Künstlerkollektiv Steinbrener/Dempf & Huber seine temporäre Arbeit in der Felswand neben dem Mirafall realisieren: Das Geschäftsportal eines Tourismusbüros soll zum Nachdenken über das Ausbreiten von Zivilisationsgrenzen anregen.


(c) Steinbrener / Dempf & Huber

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Wohin verschwinden die Grenzen? / Kam mizí hranice?  
Das Werk von Iris Andraschek und Hubert Lobnig befindet sich neben dem in den 1990ern errichteten österreichischen und tschechischen Grenzübergang bei Fratres; Die Metallkonstruktion ist vier Meter hoch und 50 Meter lang.


(c) Hubert Lobnig

Ein Schwerpunkt bei Kunst im öffentlichen Raum sind Mahnmale, die schon im Vorfeld durchaus für Unruhe sorgen können. Woran liegt das und warum sind sie wichtig?
Wenn von einem Mahnmal die Rede ist, weckt das oft den Eindruck, das Thema sei abgeschlossen. Wir versuchen, nicht nur Mahnmale zu errichten, sondern eine gelebte Erinnerungskultur zu etablieren: Es soll ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass die Ereignisse der Vergangenheit bis in unsere Gegenwart und darüber hinaus wirken und einer ständigen Auseinandersetzung bedürfen. Mahnmale lösen oft Diskussionen aus, da sie etwas Anklagendes in sich tragen und ein gesellschaftliches wie individuelles Versagen aufzeigen, das wir lieber vergessen würden. Letztes Jahr wurde in Lunz am See ein Mahnmal (siehe Bild auf S. 58) realisiert, das sowohl ganz klaren Bezug zur Geschichte (das „WasserCluster“-Gebäude war eine Einrichtung der Hitlerjugend, Anm.) als auch zu unserer Gegenwart hat. Es wirft Fragen auf wie: Wie treffen wir Entscheidungen? Wodurch werden wir beeinflusst? Welche Informationen bekommen wir, welchen vertrauen wir? Wie funktioniert Indoktrinierung?
Ein wunderbares Beispiel für die Vielfalt an Möglichkeiten für aktive Erinnerungskultur ist Erlauf. Dort wurden 1995 zwei permanente Friedensdenkmäler errichtet (am 9. Mai 1945 feierten dort der sowjetische und der amerikanische General den Waffenstillstand, Anm.); es fanden seither viele temporäre Interventionen, Friedenskonzerte und Filmprojekte statt, ein Museum wurde eingerichtet.

Das Projekt „In This Together”  (siehe S. 57) anlässlich 25 Jahre Österreich in der EU umfasst mehrere Interventionen in St. Pölten, die bis zum Herbst 2021 sichtbar sein werden. Kurz gefasst: Wie interpretieren Sie die Botschaften?
Borjana Ventzislavovas Arbeiten sind ein Aufruf, dass Europa nicht nur ein schönes Wort, sondern eine Gemeinschaft ist, die man leben muss. Dass eine Gemeinschaft nicht einfach gegeben ist, sondern dass man an ihr immer arbeiten und auch etwas von sich geben muss.
Aldo Giannottis Fragen sind: Was sind die Potenziale der EU und inwiefern kann sie die zugrundeliegenden Überzeugungen von Gemeinschaft überhaupt erfüllen? Seinen kritischen Zugang hat er auf charmante, humorvolle Art umgesetzt.

Info: www.publicart.at