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Lifestyle | 08.04.2021

Ausdrücklich erwünscht: Mit dem Essen spielen

Nach einem schwierigen Start ins Leben marschieren die Zweijährigen Luca und Joseph heute gestärkt und offener durchs Leben, ihre Familien erleben einen genussvolleren Alltag: Wir besuchten die Kinder- und Jugendreha-Einrichtung kokon in Bad Erlach.

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(© Kurt Patzak)

Es ist wie die Leinwand eines Künstlers, das hier im Kollektiv von gutgelaunten Kleinkindern mit Leben erfüllt wird. Ihre Farben sind Lebensmittel, die Speisen ihres Mittagessens, und wenn kleine neugierige Finger in eine Schüssel eintauchen oder ein Schokoklecks auf der Nase landet, können das bahnbrechende Therapieerfolge bedeuten. 

Joseph und Luca heißen die beiden jungen Herren, die wir an diesem Tag während ihrer Reha im „kokon“ Bad Erlach (siehe Info) begleiten dürfen. Sie sind zwei von acht Kindern, die in einem Turnus einige Wochen dort verbringen, weil ihnen frühkindliche Essstörungen den Lebensstart erschweren. Mit Bulimie oder Magersucht, wie sie später bei Jugendlichen auftreten können, hat das nichts zu tun; bei den Zweijährigen lautete die Diagnose Ösophagusatresie. Dabei handelt es sich um eine angeborene Fehlbildung: Entweder hat die Speiseröhre keine Verbindung zum Magen und mündet in die Luftröhre oder sie ist so stark verengt, dass keine Nahrung passieren kann.

Zirkusdirektor. „Joseph ist das erste Mal bei uns“, schildert die ärztliche Direktorin Anna Maria Cavini, während der junge Mann, angespornt von Mama und Physiotherapeutin, den bunten Turnsaal erforscht. „Seine Mama hat während des Lockdowns Phänomenales zu Hause geleistet; davor hat er fast nichts gegessen, heute ist er schon sehr weit.“ Joseph erklimmt gerade die Rutsche und überlegt einen Moment, ehe er sich ins Abenteuer stürzt. Unten angekommen erntet er Applaus und lacht. „Das ist das Schönste, wenn die Kinder strahlen, wenn sie etwas schaffen. Die beste Motivation für uns alle“, sagt Cavini. „Wir sehen uns beim Spielessen, du kleiner Zirkusdirektor!“, ruft sie ihm zum Abschied zu.

 

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(© kokon / Kurt Patzak)

In einem anderen Zimmer dürfen wir Luca und seiner Ergotherapeutin über die Schulter schauen. Der Bub hat mehrere Operationen hinter sich; er wurde mit Ösophagus­atresie und taubstumm geboren. „Er war schon einmal bei uns, davor musste er voll mit Fläschchen ernährt werden“, sagt Cavini. „Wenn ich einen schlechten Tag habe, muss ich das Foto von Luca im Büro anschauen. Seine Mama hat dazugeschrieben: ,Unser geheimes Ziel haben wir erreicht – Pommes und Schnitzel.‘ Sie hat als Dankeschön uns überall Liebesbotschaften hinterlassen“, strahlt die ärztliche Leiterin. Dass Luca feste Substanzen zu essen beginnt, war ein Meilenstein. Er hatte zuvor kaum einen Muskeltonus, konnte nicht sitzen und stehen. Inzwischen macht er seine ersten Schritte, ist offener geworden. Auch für seine Mama, Nadine Lengauer, hat der Reha-Aufenthalt viel bewirkt. „Davor konnte sie nicht allein duschen. Sie hat schon einmal eine Reanimationssituation mit ihrem Sohn erlebt, da ist es verständlich, dass man erst lernen muss, sein Kind anderen anzuvertrauen.“

Anna Maria Cavini erlebt es immer wieder: Aus hilflosen kleinen Wesen, die rund um die Uhr versorgt werden, werden während der Reha „kompetente Kleinkinder“. „Wir freuen uns, wenn sie dann sagen: ,Ich will die Schuhe nicht anziehen.‘ Wenn sich der Kampf nicht mehr ums Essen dreht.“ – Wie auf Bestellung hebt Luca seine Arme und freut sich herzhaft über die Möglichkeit, Mama mit einem Becher Wasser anschütten zu können. „Wenn ich dieses Lachen höre, ist mein Tag gerettet“, sagt Cavini.

 

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Bahnbrechend. Luca hat mehrere Operationen hinter sich, mit Mama Nadine Lengauer rockt er heute die Ergotherapie. (© kokon/Kurt Patzak)

Spektakel am Boden. Wenig später folgt das eingangs erwähnte Spielessen. Die Kinder und ihre Mütter sitzen auf und um ein großes Tischtuch auf dem Boden. Die Kinder- und Jugendpsychologin Angelika Riegler ist der professionelle Support für das therapeutische Spektakel (siehe S. 84). „Das hilft auch jedem gesunden Kind, kranken noch mehr“, betont Cavini. „Es ist viel darüber verbreitet, wie Kinder essen oder schlafen sollen, wie es der Gesellschaft passen würde, aber es funktioniert nur nach dem Willen der Kinder“, lacht sie. „Dem müssen wir uns beugen und ihnen die Entscheidungsgewalt geben. Ich freu‘ mich, wenn ich nach dem Spielessen, nach der Zeit auf der Intensivstation, wo immer alles gewaschen und desinfiziert sein musste, ein von oben bis unten bekleckertes Kind sehe.“

Wenn auch mit Bedacht, aber sehr selbstbewusst bewegt sich Luca zwischen den Köstlichkeiten. „Er hat bei unserem ersten Aufenthalt überhaupt erst essen gelernt, das war ein sehr großer Erfolg“, beschreibt Nadine Lengauer. Luca habe sich vorsichtig an alles herangetastet, „aus den ersten Spielessen ist er noch steril rausgegangen, dann hat er sich immer mehr von den anderen Kindern abgeschaut“. Heute trinkt er aus dem Becher, isst feste Nahrung mit dem Besteck. Das förderte seine komplette Entwicklung: Er wurde selbstständiger, offener und lässt sich schneller auf Neues ein.

Das Leben, das vom Flascherl-Rhythmus geprägt war, gehört der Vergangenheit an. „Es hat sich viel verändert: Ich kann Snacks einpacken, wir können spontan irgendwo hinfahren“, sagt Nadine Lengauer. „Ich kann sogar allein einkaufen fahren, er bleibt beim Papa oder der Oma und ich muss mich nicht mehr Sorgen, dass daheim die Tragik ausbricht, weil er Hunger hat. Das ist sehr entlastend. Davor musste ich rund um die Uhr präsent sein.“

 

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(© kokon / Kurt Patzak)

Schoko auf der Nase. Während wir uns unterhalten, erntet „Zirkusdirektor“ Joseph abermals Applaus. Weil er sonst penibel auf Sauberkeit achtet, gilt Schoko auf seiner Nase als Sensation – und als Fortschritt. Zwei Wochen vor der Geburt erfuhr Eva Daxbacher, dass die Speise­röhre ihres Babys nicht durchgängig ist; sie war über Fisteln mit der Luftröhre verbunden, vier Tage nach der Geburt wurde Joseph operiert.

Das Vertrauen zur Natur ist bei den Müttern freilich erschüttert; Gewichtssorgen und die Angst, dass das Kind nicht oder zu wenig isst, sind ständige Begleiter, die es gilt loszuwerden. „Die psychotherapeutische Betreuung tut mir hier sehr gut, auch um Vergangenes aufzuarbeiten“, erklärt Eva Daxbacher. Auch den Austausch unter den Müttern mag sie sehr,  „wir sind hier kein Einzelfall mit der Diagnose. Wir sprechen uns ab, suchen gemeinsam Lösungen.“

 

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Joseph beim Spielessen mit Mama Eva Daxbacher (© kokon / Kurt Patzak)

Nadine Lengauer weiß genau, was Josephs Mama meint: „Wir haben im Bekannten- und Verwandtenkreis nur gesunde Kinder. Das muss man erst einmal verarbeiten, dass bei deinem Kind alles anders ist, als erwartet“, beschreibt sie. „Luca ist eine Stunde nach seiner Geburt blau angelaufen, er wurde am nächsten Tag in ein anderes Krankenhaus gebracht; der ganze erste Monat war wie in einem Film.“

„Natürlich leben wir mit anderen Ängsten. Eine Mutter, die ein gesundes Kind hat, weiß diese Dinge nicht“, erklärt Eva Daxbacher. „Ich sage nicht, dass das besser oder schlechter ist; man lernt, damit umzugehen. Man entwickelt ein anderes Gefühl: Auf das Kind muss man sich zu 100 Prozent einstellen, da reichen 99 Prozent nicht. Andererseits ist es auch wichtig, das Kind nicht in Watte zu packen, ihm auch etwas zuzutrauen.“


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(© kokon)

Kurz notiert

Das Zentrum kokon Bad Erlach wurde 2019 eröffnet und bietet Rehabilitation für Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr und Unterstützung für ihre Familienangehörigen. Die medizinische Rehabilitation umfasst Orthopädie, Kinderchirurgie, Neurologie/Neurochirurgie, Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Entwicklungs- und Sozialpädia­trie. Eine weitere kokon-Einrichtung gibt es in Rohrbach-Berg (OÖ). Ärztliche Leiterin in Bad Erlach ist Prim. Dr. Anna Maria Cavini, die neben wissenschaftlichen Publikationen auch zwei Kindersachbücher veröffentlichte, um Kindern und Familien den Umgang mit chronischen Erkrankungen zu erleichtern: „Pauline purzelt wieder“ und „Jutta juckts nicht mehr“. 

https://kokon.rehab/bad-erlach


"Bei uns dürfen Mütter einfach Mama sein"

Im Expertinnen-Talk: ärztliche Direktorin Anna Maria Cavini und Psychologin Angelika Riegler, kokon Bad Erlach.

 

 

 

Expertinnen
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Anna Maria Cavini, Ärztliche Leiterin kokon Bad Erlach

(c) kokon / Kurt Patzak

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Angelika Riegler, Kinder- und Jugendpsychologin sowie Psychotherapeutin für Säuglinge und Kleinkinder in Ausbildung 

(c) kokon / Kurt Patzak

NIEDERÖSTERREICHERIN: Was ist der Hintergrund des Spiel­essens

Angelika Riegler: Einerseits ist das Miteinander wichtig; Kinder sollen sehen, dass Essen etwas Alltägliches ist, das Mama und Papa genauso tun. Denken wir an die Steinzeit zurück: Die Männer haben gejagt, die Frauen haben Früchte gesammelt; dann haben sie sich gemeinsam zum Feuer gesetzt, gemeinsam gekocht und gegessen. Es war kein Thema, wer wann isst, alle sind zusammengesessen.Heutzutage ist oft die Mama mit dem Kind allein daheim; sie hat permanenten Druck: Was kriege ich oben rein, was kommt unten raus. Im Spital wird gemessen und gewogen. Das Natürliche, das Entdecken gibt es kaum. Das ist der andere Hintergrund unseres spielerischen Ansatzes: Die Kinder können vielfältige Erfahrungen machen, mit Nahrungsmittel spielen und experimentieren; man isst ja mit allen Sinnen. Es ist wichtig, dass die Kinder Nahrungsmittel angreifen, mit den Fingern in die Suppe und das Joghurt reinfahren; sie sollen riechen, Konsistenzen spüren, sehen, dass es rinnt, wenn sie schütten. Das sind wichtige taktile Erfahrungen.

Zu Hause geht das oft nicht, „unsere“ Mütter haben noch die Intensivstation im Hinterkopf und dass alles sauber und hygienisch sein muss. Die Mutter-Kind-Interaktion beim Essen ist oft bereits so vorbelastet, dass die Kinder schon in der Verweigerung sind, wenn die Mama nur zum Löffel greift. Wir müssen behutsam versuchen, das zu lösen.

Werden Väter in die Reha auch involviert?

Anna Maria Cavini: Ich versuche bei jedem Erstgespräch herauszufinden, ob es eine Chance gibt, dass auch der Papa kommen kann. Es ist uns schon mehrmals gelungen, dass wir uns die Genehmigung für eine zweite Person erkämpft haben. Die zweite Person wäre sehr wichtig, um die Dyade zwischen Mutter und Kind, also dass sie symbiotisch codependent sind, zu lösen. Da ist dann viel mehr möglich, dazu gibt es gute wissenschaftliche Studien. So bringt man auch den Papa mehr in die Beziehung zur Mama und verschafft der Mutter auch mal Luft zum Atmen.

Riegler: Gerade beim Essen ist es so, dass Kinder oft vom Papa auch leichter etwas annehmen. Väter haben häufig einen lockeren Zugang, weil sie nicht diese Riesenlast der Mütter haben, das spüren die Kinder. Es ist erwiesen: Stress beim Essen blockiert die komplette Muskulatur, die es zum Kauen und Schlucken braucht. Mütter sind aber oft schon Monate, auch durch stationäre Aufenthalte mit ihren Kindern, belastet. Die Ernährung des Kindes ist in unserer Gesellschaft noch immer etwas Mütterliches. Das fängt beim Stillen an und wenn‘s nicht klappt, gilt sie leider noch immer als eine schlechte Mama – so etwas hören Mütter bis heute.

Wie setzen Sie bei den Müttern an?

Riegler: Sie kriegen psychotherapeutische Unterstützung, damit sie beispielsweise auf der Intensivstation Erlebtes aufarbeiten und am wichtigsten ist es, den Druck aus der Essenssituation zu nehmen, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht alles allein machen müssen. Viele Mamas lernen bei uns Hilfe anzunehmen.

Cavini: Ich sage den Müttern, dass sie bei uns gar nicht aufs Gewicht schauen sollen beim Wiegen. Ich verspreche ihnen, dass wir auf das Kind aufpassen und darauf achten, dass es genug Proteine, Kohlehydrate, Fett usw. bekommt. Mütter sollen bei uns nicht mehr Mediziner, Diätologen und alles andere sein müssen, sondern einfach wieder Mama sein dürfen – und beim Spielessen selbst lernen, mitzuessen. Viele, die zu uns kommen, essen um zwei in der Nacht, an manchen Tagen gar nicht oder nur Schoko, damit sie irgendwie zu Kalorien kommen. Mit Genuss essen, können die wenigsten. Ihre Vorbildfunktion, dass die Kinder die Mama mit Freude essen sehen, ist aber essenziell.

Ein wichtiger Faktor ist auch die Gruppe. Sonst erleben die Mütter lauter „perfekte“ Kinder; bei uns sehen sie oft das erste Mal Familien, denen es genauso wie ihnen geht. Es ist natürlich ein großer organisatorischer Aufwand, aber deswegen bemühen wir uns auch sehr, dass wir in einem Turnus Kinder mit ähnlichen Problemen haben. Das Gefühl, nicht allein zu sein mit einem Krankheitsbild, ist wichtig. Bis zu 30 Prozent des Therapieerfolgs macht der Mehrwert der Gruppe aus; dazu gehören auch viele Tipps und Tricks, die die Mütter untereinander besprechen. Sie gehen dann auch gemeinsam einkaufen, machen Picknicks; es passiert zwischen den Therapien sehr viel, das auch therapeutisch wirksam ist.

Was sind für Sie schöne Erfolge in Ihrer Arbeit?

Riegler: Toll ist es, wenn man ein Kind sieht, wie es das erste Mal aktiv in eine Schüssel nach Nudeln greift und sie zum Mund führt. Die Kinder schauen in der Gruppe viel voneinander ab, das ist ganz wichtig. Wenn man sieht, dass die Mütter auch mal vergessen, darauf zu schauen, dass die Kinder was essen müssen, weil sie zu plaudern beginnen, das ist sehr schön.

Cavini: Wir besprechen im Team jedes einzelne Kind regelmäßig und freuen uns über jeden kleinen Fortschritt. Da schicke ich manchmal auch die Mamas auf Verordnung auf einen Aperol Spritz (lacht). Dass sie es überhaupt schaffen, am Abend zu zweit zusammenzusitzen, wieder ein bisschen Frau sein zu dürfen, oder oft schon, dass die Kinder eine halbe Stunde ohne Mama bei einer Therapie sind, das sind Highlights und Wegweiser für die Zukunft. All das funktioniert nur, wenn die Mamas loslassen lernen und Vertrauen in das Therapeutenteam haben.