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Lifestyle | 14.05.2021

Rat-, aber nicht sprachlos

Corona-Ferien? Das Gegenteil ist der Fall. Junge Menschen fühlen sich überlastet, sind um ihre Zukunft besorgt, stecken aber voller Ideen. Ein bewegendes Gespräch mit Schülerinnen aus Krems.

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(© Shutterstock)

Die Studie im März war ein Alarmzeichen: Die seelische Gesundheit von rund 3.000 Schülerinnen und Schülern war untersucht worden; es zeigte sich ein deutlicher Anstieg von psychischen Symptomen. 55 Prozent leiden unter einer depressiven Symptomatik, die Hälfte unter Ängsten, ein Viertel unter Schlafstörungen und 16 Prozent haben suizidale Gedanken (Quelle: www.donau-uni.ac.at).
„Bei der Studie kam heraus, dass es uns schlecht geht. Was passiert? Nichts. Wir sitzen schon wieder zu Hause“, sagt Lara. Schülerinnen einer dritten Klasse der HLM HLW Krems hatten mit Unterstützung ihrer Lehrerin Gabriela Auferbauer eine Onlinediskussion eigens für die Niederösterreicherin organisiert. Ihre Devise: „Wir wollen gehört werden.“ Ich hörte zu. Mit Gänsehaut.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Wie fühlt ihr euch, wie ist die aktuelle Lage?
Kathrin: Nicht gut im Distance Learning. Viele von uns sind ratlos, wir sind überlastet mit Aufträgen, Schularbeiten und Tests.

Vanessa: Das System hat keine Struktur. Es hieß, wir würden nicht so streng benotet, aber wir spüren nichts davon. Was ist, wenn man in mehreren Fächern negativ ist? Wir alle wissen, dass wir im Präsenzunterricht besser wären.

Hanna: Manchmal sieht man die To-do-Listen und fragt sich: Wie soll ich das schaffen?

Lena: Ich fühle mich fast schlecht, wenn ich über uns rede. Es gibt so viele Gruppen, denen es schlecht geht: einem Restaurantbesitzer oder Einzelunternehmen. Ich denke so viel nach: Wo ist die Lösung? Das ist alles beängstigend.

Im Gespräch mit Schülerinnen in Krems
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Hanna:

„Manchmal frage ich mich: Wie soll ich das schaffen?“

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Pädagogin Gabriela Auferbauer:
„Die Jungen wollen gehört werden.“

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Kathrin:

„Ich bin dankbarer geworden für jedes einzelne ,Wie geht es dir?‘“

Was meint ihr: An welchen Schrauben könnte man drehen, damit es besser wird für euch?

Vanessa: Ich würde mir klarere Strukturen wünschen: beispielsweise jede Woche einen fixen Tag, an dem man informiert, wie es weitergeht. Derzeit kann sich alles abrupt ändern. Dann erfährst du im letzten Moment, dass die Schularbeit doch nicht stattfindet, wofür du das ganze Wochenende, das man auch anders hätte nutzen können, gelernt hast.

Hanna: Hat man eine Schwäche, wird sie in der Pandemie und durch das Online-Schooling verstärkt. Mein Anliegen wäre es, mit mehr als einem Fünfer aufsteigen zu können und dass man in dem Fach, in dem man zuletzt schon nicht durchgekommen ist und jetzt wieder negativ ist, trotzdem durchkommt.

Kathrin: Ich würde mir wünschen, dass die Jungen gehört werden, dass Menschen, die nicht jeden Tag vorm Laptop sitzen, einmal mitbekommen, was wir zu leisten haben. Ich hab‘ noch nie gehört: „Du bist so arm, musst so viel machen.“ Man begegnet uns oft eher so, als hätten wir Corona-Ferien.

Lena: Wir haben gerade abwechselnd eine Woche Präsenz-, eine Woche Online-Unterricht. Den Grund dafür kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ja, es gibt auch Vorteile, wenn man daheim lernt. Ich hab‘ vorhin nebenbei eine Suppe gekocht und Staub gesaugt, aber das ist nicht gut. Ich merke, dass ich beispielsweise in Rechnungswesen hinten bin. Im Präsenzunterricht merke ich mir alles besser. Dann habe ich eine Maske auf und halte Abstand, aber ich bin viel lieber in der Schule. Ein weiteres Problem ist: In der Präsenzwoche finden noch dazu die Schularbeiten und Tests statt.

Lara: Uns fehlen jetzt eigentlich schon zwei Schuljahre, unsere Freunde, das Umfeld. Der Winter war sehr hart, mir ist es sehr schlecht gegangen. Es wird besser, wenn jetzt die Sonne scheint. Trotzdem fehlt mir so viel. Die Regelmäßigkeit. Auch das Lernen macht mehr Spaß, wenn man es zusammen tun kann.

Vanessa: Mein Papa und ich haben schon öfter darüber gewitzelt: Was wäre, wenn man einfach ein Jahr dranhängt – für alle? Wir fangen einfach noch mal von vorne mit der dritten an.

Im Gespräch mit Schülerinnen in Krems
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Lena:

„Die Pandemie könnte ein Denkanstoß sein, um einiges am Schulsystem zu ändern.“

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Anna:

„Ich zähle auf wirkliche Freunde.“

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Vanessa:

„Was wäre, wenn man ein Jahr dranhängt?“

Spannende Idee. Was sagt ihr dazu?
Kathrin: Das ist für mich keine Option. Ich habe mich gerade in dem Jahr so abgemüht, ich will das nicht noch einmal machen. Sinnvoll wäre es, Förderkurse in der Schule zu machen.

Lara: Ich fände eine Sommerschule gut, um zu wiederholen. Man kann im Online-Unterricht oft nicht gscheit aufpassen und es fehlt die Übung. Das liegt aber auch am Schulsystem. Wenn ein Test nicht so gut ausfällt, dann wird das zwar verbessert und besprochen, aber man sollte ihn noch einmal mit ähnlichen Beispielen machen, damit sich der Stoff festigt.

Lena: Ein Jahr wiederholen oder Sommerschule: Ich kann beiden Lösungen etwas abgewinnen. Die Sommerschule wäre aber heuer keine Option, weil wir ja unser Praktikum machen.
Das Hauptproblem an unserem Schulsystem ist, dass wir alle in einen Topf geworfen werden, von allen die gleiche Leistung verlangt wird. Aber es ist nicht jeder gleich gut in allem. Ich sehe so viel Sinn in Leistungsgruppen.

Vanessa: Wenn ihr sagt, ihr wollt nicht wiederholen: Glaubt ihr, dass ihr euch noch an 80 bis 90 Prozent vom Vorjahresstoff erinnern könnt? Das glaube ich nicht. Wir hinken hinterher. Wann sollen wir das aufholen? Dafür hätte ich gerne noch ein Jahr. Wie sollen wir sonst die Matura schaffen?

Hanna: Ich glaube, das ist auch unser kapitalistischer Ansatz, dass wir ein Problem dahinter sehen: Wir sind dann ein Jahr nicht arbeiten gegangen, belasten ein Jahr das System, brauchen Steuergelder auf, weil wir ein Jahr mehr gebraucht haben, weil wir ja diese verlorene Generation sind.

Lara: Leistungsgruppen finde ich an sich gut, aber dann haben wir ein System, bei dem man in Schubladen gesteckt wird. Die andere Sache ist: Es lag allein in unserem Interesse, vergangenes Jahr im Frühling mitzulernen oder nicht. Das war ein Fehler der Regierung, dass es da keine Schularbeiten, keine Tests gegeben hat.

Lena: Das Schubladendenken ist ein Problem. Natürlich sollte sich die erste Leistungsgruppe nicht besser und die dritte nicht untergeordnet vorkommen. Die fehlende Humanität in unserer Gesellschaft ist hier eigentlich das Problem. Die Pandemie könnte aber generell ein Denkanstoß sein, um prinzipiell einiges am Schulsystem zu ändern.

Lara: Ich bin für Ganztagsschulen.

 

Was tut ihr, wenn es euch gerade nicht gut geht?
Shahd: Wir haben das Gefühl, unsere Jugend zu verpassen. Wir sitzen die ganze Zeit vor dem Computer, haben Unterricht oder lernen. Das, was hilft, ist, mal alles liegen zu lassen, mit einem Freund oder einer Freundin zu telefonieren, spazieren zu gehen und zu versuchen, nicht an die Schule zu denken.

Hanna: Es gibt Tage und Wochen, nach denen man nicht mehr kann. Wo man weiß, da wären noch Arbeitsaufträge, aber es geht nicht mehr. Schlafen, spazieren oder ein Buch lesen – das hilft manchmal.

Kathrin: Wenn ich nicht mehr kann, rufe ich meine beste Freundin an, meinen Freund, koche mir etwas Leckeres oder nehme ein Bad. Aber es war oft schwer, mir Zeit für mich zu nehmen. Oft habe ich noch Dinge erledigt, obwohl ich eigentlich nicht mehr konnte, weil ich Angst hatte, dass mehr dazukommt und sich alles nicht mehr ausgeht.

Lena: Ich habe viele neue Sachen für mich entdeckt, das war positiv. Man darf ja nicht immer nur das Negative sehen. Wir haben auch der Umwelt etwas Gutes getan. Ich mache Sport, Yoga und meditiere. Ich koche mehr, achte auf meine Ernährung. Ich bin gesünder geworden, aber ich würde trotzdem alles wieder hergeben, um so weitermachen zu können wie vorher (lacht). Dabei habe ich großes Glück: Ich lebe in einer WG mit zwei Freundinnen. Für viele Menschen ist das Zuhause kein Wohlfühlort.
Narisa: Manche Schüler haben eigene und familiäre Probleme. Ich habe nicht wirklich etwas, wobei ich abschalten kann. Ich bin so ziemlich immer unten, mache aber normal weiter. Als es erlaubt war, habe ich mich mit meiner Freundin getroffen; das tut immer für eine kurze Zeit gut.

Im Gespräch mit Schülerinnen in Krems
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Shahd:

„Miteinander reden ist wichtig.“

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Narisa:

„Ich habe viele Hobbys aufgegeben.“

Wie hat euch diese Zeit verändert?
Hanna: Ich habe viel über mich gelernt. Ich habe verstanden, dass manchmal nur ich mich selbst durch schwere Zeiten bringen kann; das ist nicht negativ gemeint. Im Gegenteil.

Shahd: Ich habe herausgefunden, wie wichtig Beziehungen sind, freundschaftliche und familiäre, und miteinander zu reden.

Vanessa: Ich bin selbstbewusster geworden. Im Dezember habe ich geglaubt, dass ich das alles nicht schaffe, die Schularbeiten, die Tests. Aber ich habe es bis jetzt geschafft. Ich finde, wir können alle stolz auf uns sein.

Anna: Gerade wenn man sie nicht sehen kann, merkt man jetzt, wer die wirklichen Freunde sind.

Narisa: Ich habe vieles aufgegeben: Zeichnen, Schreiben, Spiele, die ich geliebt habe. Da war viel Negatives, aber auch ein paar gute Dinge; ich hab‘ mit Sport angefangen.

Kathrin: Ich habe in der Zeit eine richtig starke Bindung zu meinem Papa aufgebaut und bin dankbarer geworden für jedes einzelne „Wie geht es dir?“.

Lara: Ich muss gestehen, dass ich meine Familie erst richtig kennengelernt habe. Vorher bin ich nach der Schule immer gleich zu meinen Freunden. Dass ich mal mit meinem Bruder frühstücke, hätte ich vorher nicht gedacht (lacht).

 

Eine Fantasie: Corona ist vorbei, wie sehen eure Zukunftsvisionen aus?
Lara: Mein größter Wunsch ist es, die Schule zu schaffen und einfach frei zu sein. Dass ich meine Zukunft gestalten kann, wie ich sie will und dass ich von niemandem abhängig bin. Dass ich nach Paris fliegen kann, wenn ich will und weil ich es mir leisten kann.

Hanna: Einfach wirklich leben. Nicht mehr alles so planen, wie es jetzt sein muss. Ich hoffe, dass ich den Beruf finde, den ich wirklich machen will, ohne dass ich darüber nachdenken muss, was andere darüber denken.

Shahd: Ich wünsche mir, dass wir irgendwann nicht mehr über Corona nachdenken, zurückschauen und sagen: „Boah, das war eine verrückte Zeit.“

Kathrin: Ich bekomme bald meinen Führerschein. Ich will einfach in den Ferien meinen Freund erst um halb elf in der Nacht treffen können, herumfahren, abends im Stadtpark sitzen, Spaß haben – und die Matura schaffen.

Lena: Ich würde mir wünschen, dass jeder Mensch glücklich ist. Vieles funktioniert in unserer Gesellschaft deswegen nicht, weil so viele unglücklich sind. Wenn jeder so leben könnte, wie er möchte, würde es weniger Konflikte geben. Ich weiß, eine große Vision.