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Lifestyle | 21.05.2021

Neue Wege

„Architektur in Niederösterreich. 2010–2020“: Brandneuer Bildband präsentiert schöne, überraschende, nachhaltige, polarisierende, spektakuläre Bauwerke.

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Im Interview. „Die Menschen sollten Architektur nicht als etwas Elitäres verstehen, sondern als etwas, das sie rund um die Uhr betrifft“, sagt Franziska Leeb, Vorsitzende von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich. (© Angela Lamprecht)

Nehmen Sie sich Zeit. Man verliert sich in den rund 500 Bildern, die Bauwerke tänzeln jeweils mit fundierten und gleichsam kurzweiligen Beschreibungen daher. „Architektur in Niederösterreich 2010–2020“ ist der neue, vierte Band der Reihe; ungefähr in Zehnjahresschritten wurden diese bislang von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich herausgegeben.

Das Buch ist in sieben Kapitel unterteilt: 1. Wohnen, 2. Bildung, 3. Kultur, Information und Sakralbau, 4. Freizeit und Tourismus, 5. Handel, Gewerbe und Industrie, 6. Gesundheit und Pflege sowie 7. Öffentlicher Raum und Infrastruktur. Wir sprachen mit einer der Autorinnen: Franziska Leeb ist Architekturpublizistin und seit 2019 Vorsitzende von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich.

NIEDERÖSTERREICHERIN: „Architektur in Niederösterreich. 2010–2020“ ist bereits der vierte Band, der erste erschien Ende der 1990er. Worin liegen die großen Veränderungen in der Architektur?
Franziska Leeb: Das lässt sich in Kürze schwer beantworten. Einerseits herrscht mehr denn je das Motto „anything goes“, was nicht zwangsläufig positiv sein muss. Andererseits macht sich – noch längst nicht flächendeckend – ein Umdenken Richtung Umweltverträglichkeit bemerkbar.

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Ganzjährige Ruheoase. Stelzenhaus Klosterneuburg (Schuberth und Schuberth), (© Christoph Panzer)

100 Projekte werden in Text, Bild und Planmaterial vorgestellt, wie wurde die Auswahl getroffen?
Eva Guttmann, Gabriele Kaiser und mir war es wichtig, nicht nur nach formalen Kriterien im architektonischen Sinne auszuwählen, sondern auch die Frage nach der Relevanz des jeweiligen Gebäudes in unserer Zeit zu stellen. So kommen im Kapitel Wohnen keine Luxusvillen auf der grünen Wiese vor, sondern Wohngebäude, die einen geringen ökologischen Fußabdruck hinterlassen.

Wieso findet man die Bilder darin in Schwarzweiß?
Das Buch ist eine Dokumentation, die auch noch in Jahrzehnten Gültigkeit haben soll. Die Farbigkeit von Bildern ist oft Moden unterworfen und lenkt vom Wesentlichen ab. Zudem ist es uns so gelungen, eine möglichst einheitliche Bildästhetik für die etwa 500 Fotos von über 70 verschiedenen Fotografinnen und Fotografen zu finden.

ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich. Wie sieht das Tätigkeitsfeld aus?
Sehr breit gefächert. Mit Symposien und Diskussionen wenden wir uns einerseits an ein Fachpublikum. Sehr wichtig ist es uns aber, Laien aller Alltagsgruppen für Themen der Baukultur zu interessieren und zu sensibilisieren – zum Beispiel mit Bauvisiten, Exkursionen, thematischen Spaziergängen und den sehr gern gebuchten, kostenfreien Workshops für Schulen.

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Allover Fichtenholz.
Hideouts Rekawinkel (Juri Troy Architects)


(c) Juri Troy

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Raffiniert.
Ein verfallener Hakenhof in Fahndorf inspirierte Carmen Wiederin und Philipp Tschofen von „propeller z“ zu einem eleganten, einräumigen Zubau.

 

(c) Hertha Hurnaus

Stichwort Architektur am Land. Welche sind die häufigsten Mythen, welche Projekte widerlegen diese?
Der Traum vom Einfamilienhaus als ideale Wohnform ist ungebrochen. Wie man an der Tristesse vieler Siedlungen an den Ortsrändern ablesen kann, entwickelt er sich gesamtgesellschaftlich gesehen zum Albtraum. Es werden dafür zu viele Ressourcen verschwendet. Leider werden im Geschosswohnungsbau kaum Alternativen angeboten, die langfristig die Bedürfnisse der Menschen erfüllen. Sehr gut zeigen gemeinschaftlich organisierte Wohnprojekte wie jene in Hasendorf, B.R.O.T. Pressbaum oder das Co-Sharing House in Reichhalms, dass bei reduzierter individueller Wohnfläche und viel geteilter Fläche enorme Lebensqualität gewonnen werden kann. Davon ließe sich gewiss auch einiges in den „normalen“ Siedlungsbau übertragen.

Gibt es einst als modern geltende Prämissen, die es heute zu „korrigieren“ gilt?
Korrigieren sollte man den in den letzten Jahrzehnten praktizierten exorbitanten Bodenverbrauch mit klugen Nachverdichtungen im Bestand.

Welche Rollen spielen die großen Themen Klimawandel und (umgekehrt) Nachhaltigkeit in der Architektur der Gegenwart?
Theoretisch eine sehr große, dafür sorgen auch einschlägige gesetzliche Regeln. Aber ein Shoppingcenter mit Gründach und Solaranlage, das nur über die Autobahn zu erreichen ist, trägt sicher weniger gegen den Klimawandel bei als zu Fuß erreichbare Nahversorger im Ortszentrum.

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Verblüffend.

Einfamilienhaus auf 36 Quadratmeter bebaubarer Fläche: Stelzenhaus in Kritzendorf
(Architektur allmermacke)

(c) Lisa Rastl

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Partizipative Wohnidylle in Hasendorf. Miteinander, nicht nebeneinander wohnen auf 1.000 Quadratmeter 20 Erwachsene und 15 Kinder (einszueins architektur).

 

(c) Hertha Hurnaus

Wie eng ist heute die Liaison Architektur und Garten?
Die Verbindung zwischen Wohn- und Freiraum spielt eine zunehmend größere Rolle. Der Garten ist nicht mehr nur Abstandsgrün zum Nachbarn oder zur Straße, sondern wird auch als Lebensraum wahrgenommen. Zunehmend werden auch im privaten Bereich Landschaftsarchitekten oder Gartengestalter eingesetzt. Besonders wichtig finde ich das in Wohnhausanlagen, wo ja die individuellen Freiflächen kleiner sind und gute Freiraumgestaltung viel zur Wohnqualität beitragen kann.

Wie sieht Ihre Mission als Architekturvermittlerin aus?
Mir ist es wichtig, verständlich zu erklären, welche Auswirkungen ein konkretes Objekt oder Baumaßnahmen im Allgemeinen auf das Leben der Menschen, soziale Gefüge und die Umgebung haben. Die Menschen sollen Architektur nicht als etwas Elitäres verstehen, sondern als etwas, das sie rund um die Uhr betrifft und sie daher auch befähigt sein sollten, Qualitäten jenseits von „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ zu erkennen.

Der aktuelle Bildband ist in sieben Kapitel unterteilt. Welches Gebiet fasziniert Sie persönlich und warum?
Das ist eindeutig der Wohnbau, weil er einerseits am unmittelbarsten das Leben und Wohlbefinden von uns Menschen beeinflusst und weil der Wohnbau sowohl intimste individuelle Ansprüche berührt als auch ganz maßgeblich die Siedlungsstrukturen und den öffentlichen Raum prägt.

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In Workshops auf Bedürfnisse abgestimmt. Fünf Höfe für die Zehnergasse, Gymnasium Wiener Neustadt (GABU Heindl Architektur) (© Lisa Rastl)

Zeitgenössische Architektur bewegt die Menschen auf unterschiedliche Weise. Welches Projekt polarisierte zuletzt besonders in Niederösterreich?
Ob die Landesgalerie Niederösterreich in der Kremser Kunstmeile mit dem Welterbe Wachau verträglich ist, erhitzte auch in der Fachwelt durchaus berechtigt die Gemüter von Befürwortern und Gegnern sehr. Ansonsten orte ich heutzutage wenig Unmut gegenüber dem Neuen an sich.

Wo findet Umdenken intensiv, wo noch zögerlich statt?
Intensiv findet es bereits bei der Materialwahl statt, wo nachhaltige Bau­stoffe wie Holz im Vormarsch sind. Zögerlich findet es bei Bauaufgaben statt, die lang vernachlässigt wurden, wie zum Beispiel Platz- und Ortsraumgestaltungen, wo es mittlerweile doch Lösungen gibt, die sich mit der Topografie und Charakteristik eines Ortes auseinandersetzen und nicht nur Dekorationen sind.

Wir widmen uns in dieser Ausgabe aus unterschiedlichen Perspektiven dem Austausch zwischen den Generationen bzw. dem Thema Bildung. Welchen Beitrag leistet hierzu die Architektur bzw. wie sieht heute inspirierende Architektur für Bildungsinstitutionen aus?
Es fängt schon vor der Architektur mit der Standortwahl an. Am Ortsrand wird es wenig Wechselwirkung geben. Zentral eingebettet und fußläufig erreichbar bieten sich viel bessere Möglichkeiten des Austausches. Schulen und Kindergärten müssen als integrativer Teil der Stadt oder des Ortes gesehen werden. Dann kann die Architektur reagieren und auch außerhalb des Schulbetriebs nutzbare Schnittstellen anbieten – zum Beispiel Mehrzwecksäle oder Spielplätze.

Wie weit werden erfahrungsgemäß die Lernenden und die Lehrenden in die jeweiligen Planungsprozesse einbezogen?
Das ist sehr unterschiedlich und abhängig von der Bereitschaft der Beteiligten. Im Idealfall wird der Dialog mit der Schulgemeinschaft frühzeitig gesucht, damit deren Bedürfnisse bereits Eingang in die Auslobung des Architekturwettbewerbs finden. Beim Gymnasium Zehnergasse in Wiener Neustadt führte Architektin Gabu Heindl – dank einer an einer aktiven Schulentwicklung interessierten Schulleitung – eigeninitiativ Workshops durch. So wurde einiges möglich, was ursprünglich nicht vorgesehen war.

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Nachhaltige Bauweise.
Schulzentrum Gloggnitz (DFA Dietmar Feichtinger Architectes)


(c) David Boureau

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Zum Lesen und für Lesungen.

Schulbibliothek im BORG Deutsch Wagram (Franz Architekten)


(c) Andreas Buchberger

Welche Anforderungen werden hierbei an Architektinnen und Architekten heute gestellt?
Kinder und Lehrpersonal verbringen mehr Zeit in der Schule. Es ist also wichtig, die Gebäude als Lebensraum zu sehen. Klassenzimmer beiderseits eines öden Ganges, die außer Frontalunterricht keine zeitgemäßen Lernszenarien zulassen sind ein No-Go. Architektinnen und Architekten müssen sich mit den Prinzipien moderner Pädagogik auseinandersetzen, fähig sein, sich in den Schulbetrieb einzudenken und inspirierende Räume für alle Sinne schaffen.

Kann Architektur gesellschaftliche Veränderungen voran­treiben?
Architektur kann zumindest Möglichkeitsräume schaffen. In der Schulallee in Deutsch Wagram lässt sich vom Kindergarten bis zur Matura eine ganze Bildungskarriere absolvieren. Mittelschule und Oberstufengymnasium sind kombiniert, also quasi eine Gesamtschule – das ist eine gute Basis für Chancengleichheit. Das hat zunächst mit Bildungspolitik und Stadtplanung zu tun, aber die Architektur trägt dazu bei, dass alles gut ineinander spielt.

Welche Schule hätten Sie gern selbst besucht?
Jede, die wir im Buch haben ist besser als die Gebäude, in denen ich die Schulzeit verbrachte. Ein Raum, den ich als Kind geliebt hätte, ist die Schulbibliothek im BORG Deutsch Wagram (siehe Bild oben, Anm.).

Am Buchcover:

Kasematten und Neue Bastei Wiener Neustadt, Bevk Perović arhitekti.
„Architektur in Niederösterreich. 2010–2020“, Band 4. Eva Guttmann, Gabriele Kaiser, Franziska Leeb. Hg. von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich, Park Books. €39,10
erhältlich im Buchhandel oder direkt bei www.orte-noe.at


(© David Schreyer)