Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 19.06.2021

„Wir wollen die Menschen berühren“

Jetzt in Wiener Neustadt: Katharina Stemberger über das Film- und Musikfestival „Netzhaut“. Zur Eröffnung wird die Österreich-Premiere des preisgekrönten Films "Quo Vadis, Aida?" präsentiert.

Bild 3ece1390-cc7b-43d2-bdcc-6c5e877057ea.jpg
(© Daniela Matejschek)

"Unverwüstliche Zerbrechlichkeit"

… lautet der Titel der zweiten Auflage. Das lässt erahnen: Hier geht es um eine Herzenssache. Ein Blick in das filmische und das musikalische Programm des „Netzhaut“ Ton-Film-Festivals in Wiener Neustadt bestätigt die Vermutung. Diese cineastische, klingende Perle, fast magisch aufgetaucht inmitten der Pandemie, findet heuer von 18. bis 20. Juni 2021 im romantischen Bürgermeistergarten und im Stadttheater statt. Wir baten Schauspielerin Katharina Stemberger zum Interview; sie zeichnet gemeinsam mit ihrem Mann, dem Filmemacher Fabian Eder, sowie den musikalischen Kuratoren „Die Strottern“ für die künstlerische Leitung verantwortlich.

Was steht hinter dem Festivaltitel „Unverwüstliche Zerbrechlichkeit“?

Katharina Stemberger:Wir haben Filme ausgewählt, in denen Menschen zeigen, was sie alles zu entwickeln imstande sind, um aus scheinbar ausweglosen Situationen zu kommen. Die letzten einundeinhalb Jahre haben uns das stark vor Augen geführt: Das Menschsein besteht darin, dass wir oft unverwüstlich dastehen müssen und gleichzeitig total zerbrechlich sind.

Gerade in einer oftmals sehr gewinnorientierten Welt wollen wir das thematisieren, weil wir finden, dass heute schon Kinder – und zwar unabhängig davon, unter welcher Sonne sie geboren wurden – unglaubliche Herausforderungen zu meistern haben.

Ob das der neoliberalen Getriebenheit geschuldet ist? Jedenfalls höre ich nirgendwo, dass es zu unserem Menschsein gehört, dass wir physisch und psychisch unglaublich zerbrechlich sind.

Bild QuoVadisAida_©PolyfilmFilmverleih.jpg
"Quo Vadis, Aida?" (© Polyfilm Filmverleih)

Sie eröffnen mit einem vielfach preisgekrönten Film: „Quo Vadis, Aida?“ Wieso mit diesem Film?

Katharina Stemberger: Bei „Quo Vadis, Aida?“ werden die Fragen der jüngsten europäischen Geschichte thematisiert. Er ist so wichtig, weil ich eine große Geschichtsvergessenheit in der Riege der Regierenden beobachte. Außerdem ist es einfach ein großartiger Film und wir sind unendlich stolz, dass wir die Österreich-Premiere bekommen haben, wo er doch auch mit starker österreichischer Beteiligung realisiert wurde.

Verbindungen integrieren wir auch in unser Festival: Schon am Eröffnungsabend gibt es Film und Musik, das gehört für mich auch einfach zusammen. Wir sind sehr glücklich, dass „Die Strottern“ – wie auch letztes Jahr – unser Programm kuratieren und zur Eröffnung selbst auftreten: mit „Die Strottern & Blech“. Und ich weiß, wenn sie kommen, passiert immer eines: Da geht allen das Herz auf.

Das ist wahr!

Katharina Stemberger: Klemens und David sind für mich menschgewordene Zärtlichkeit – keiner kann sich dagegen wehren (lacht). Auf die Weichheit ihrer Musik folgt dann „Quo Vadis, Aida?“ am Eröffnungsabend.

Mein Mann und ich sind sehr politische Menschen. Was wir den Leuten gerne ausrichten wollen ist, dass sie einen Blick auf die Welt machen, dass sie über den Tellerrand schauen. Wir wollen die Menschen nicht belehren, sondern sie berühren.

Spannend ist Ihr Konzept der „Doublefeatures“. Was hat es damit auf sich?

Katharina Stemberger:Wir haben zwei besondere Locations: das Stadttheater und den Bürgermeistergarten. Wir können natürlich nicht mit großen Festivals wie der „Diagonale“ konkurrieren, das viele Orte bespielt. Aber was wir können – und das noch dazu zur Sommersonnenwende, wo der Zauber stattfindet – ist, jeweils zu einer Thematik einander einen Spiel- und einen Dokumentarfilm gegenüber zu stellen. Beim Kuratieren der Filme hat Astrid Heubrandtner eine unglaubliche Arbeit hingelegt. Total wichtig ist uns nach den Filmen auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Publikum. Für mich ist Kunst Begegnung und Kommunikation; bei uns sitzen die Leute nicht nur im Finsteren mit ihrem Sportgummi, wir kommen danach ins Gespräch miteinander. Bernhard Fellinger von Ö1 wird zu hochkarätig besetzten Podiumsgesprächen einladen.

Bild _DMP0024_(c)Daniela Matejschek.jpg
Kino im romantischen Bürgermeistergarten (© Daniela Matejschek)

In einem Schwerpunkt widmen Sie sich dem Nachwuchs. Wie wurden die Filme ausgewählt?

Katharina Stemberger: Sigrid Hadenius und Daniel Ebner, unsere Kurator*innen für den Nachwuchsfilm, suchten international an Filmschulen nach herausragenden Arbeiten, um das Programm zusammenzustellen. Was uns dabei außerdem freut: Wir vergeben bei „Netzhaut“ einen Preis für den besten Spiel- und den besten Dokumentarfilm, der Nachwuchspreis ist aber nicht ausschließlich eine Auszeichnung, sondern auch ein Stipendium in der Höhe von 6.000 Euro, gesponsert von der Stadt Wiener Neustadt. Das ist eine schöne Summe, um mal als junge Filmschaffende ein paar Monate nicht über die Miete nachdenken zu müssen.

Zum Filmprogramm gesellt sich ein feines Musikprogramm mit Albin Paulus, Mira Lu Kovacs und Voodoo Jürgens, um nur einige zu nennen – und zwar teilweise in einer ganz besonderen Form …

Katharina Stemberger: Nach dem Erfolg vom Vorjahr machen wir auch heuer wieder „Walking Concerts“; eine sehr schöne Idee, die uns „Die Strottern“ mit Oliver Hangl brachten. Die Musiker*innen spielen dabei live auf der Straße, die Musik wird abgenommen und das Publikum hört sie über Kopfhörer, während sie durch die Stadt spazieren, einmal auch nachts. So erlebt man durch die Musik Wiener Neustadt völlig neu; man kriegt einen ganz neuen Blick auf eine Stadt, in der sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan hat.

Unsere Ansicht ist: Kunst ist nicht dazu da, in einem abgeschlossenen Raum, für ein elitäres Publikum sich selbst zu befächeln. Kunst soll Berührung, Kontakt und Kommunikation herstellen. Dafür muss man immer wiederneue Formen finden.

„Netzhaut“

Ton-Film-Festival Wiener Neustadt

  1. bis 21. Juni 2021

Das Programm im Detail: www.netzhaut-ton-film-festival.at

Bild f5d3d19b-1619-4656-8673-01e78ad2a9b4.jpg
Künstlerische Leitung "Netzhaut"-Festival: Filmemacher Fabian Eder und Schauspielerin Katharina Stemberger (© Daniela Matejschek)