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Lifestyle | 20.06.2021

Magische „Netzhaut“-Festivalnacht

Das Publikum wird reich beschenkt, doch eine Botschaft wiegt schwer. Das soll sie auch.

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Einfach super: Voodoo Jürgens und die Ansa Panier (© Daniela Matejschek)

"Schei, dass des wieda geht"

Wieso gibt es eigentlich so viele Fotos, auf denen der gute Mann so bös‘ dreinschaut, wenn man dann live einen strahlenden Herrn – umringt von famosen Musikern – erleben darf? An diesem magischen Sommersonnwend-Abend schmettern Voodoo Jürgens und die Ansa Panier genial sozialkritische, bissige wie pointierte Lieder ins dankbare Publikum. Freudig stellt er fest: „Ihr könnts es a no!“ – „Schei, dass des wieda geht“, sagt er auch. Die Szenerie des so besonderen Ton-Film-Festivals namens „Netzhaut“ – für die künstlerische Leitung zeichnen Katharina Stemberger und Fabian Eder verantwortlich – tut das Übrige dazu: Mächtige Laubbäume sind das Dach der Bühne, das Publikum sitzt und singt umgeben von historischen Mauern im Wiener Neustädter Bürgermeistergarten; die Zaungäste sind mehr als nur geduldet, sie fügen sich harmonisch ins Bild, wie sie ausgelassen jenseits der schmiedeeisernen Gitterstäbe mittanzen.
Eine Zugabe schenkt der wunderbare Voodoo Jürgens auch noch her, dann wird man höflich aufgefordert – auch nicht alltäglich – den Sessel umzudrehen. Die Kinoleinwand hängt dort, wohin man nämlich zuvor den Rücken kehrte: an der Museumswand St. Peter an der Sperr.

Eine "verrückte Idee"

„The Euphoria Of Being“ lautet der Titel jenes preisgekrönten Films aus Ungarn, der am zweiten Festivaltag (am heutigen 20. Juni endet „Netzhaut“ leider bereits) gezeigt wird. Den Zuschauer*innen wird damit ein Film geschenkt, der mitten ins Herz geht. Der Dokumentarfilm von Réka Szabó erzählt die Geschichte der KZ-Überlebenden Éva Fahidi in einer noch nie dagewesenen Form. Über die Gräuel, die sie in Birkenau-Auschwitz als 18 Jahre junge Frau erlebte und über den bis ans Lebensende unüberwindbaren Schmerz, ihre Familie dort verloren zu haben, sprach sie 59 Jahre lang kein Wort. Dann aber schrieb sie sich alles von der Seele: Ihr Buch „Die Seele der Dinge“ wurde bis heute in fünf Sprachen übersetzt.

Réka Szabó, eine Performancekünstlerin aus der Großfamilie, bewegte das „zu einer verrückten Idee“, wie es auch im Film heißt: In Emese Cuhorka, einer „ihrer“ jungenTänzerinnen, spürt sie eine kaum in Worte zu fassende Verbindung zu Éva Fahidi; die beiden sind einander zuvor nie begegnet. Sie will die beiden nicht nur zusammenführen, sie bittet sie, Évas Geschichte in einer szenischen Performance gemeinsam auf die Bühne zu bringen. Die beiden verstehen sich tatsächlich auf Anhieb, mit 90 Jahren willigt die faszinierend kluge Frau ein, das Projekt zu stemmen. Monatelange Proben folgen, Réka Szabó dokumentiert behutsam mit ihrem Film den Prozess.

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Die großartige Éva Fahidi (Mitte) mit Filmemacherin Réka Szabó: Im Gespräch mit Ö1-Mann Bernhard Fellinger (© Daniela Matejschek)

Lachen und Weinen

In „The Euphoria Of Being” erlebt man so viel gleichzeitig: den stechenden Schmerz, wenn Éva Fahidi über Gilike, ihre achte Jahre jüngere Schwester erzählt, die an der Hand ihrer Mutter in die Gaskammer geschickt wurde und das Lachen, wenn die redegewandte Frau im nächsten Atemzug über die körperliche Ästhetik in Pornofilmen philosophiert. Ebenso spürt man die zarte Empfindsamkeit der jungen Tänzerin Emese, ihre Bewunderung für eine Frau, die sie zuvor nicht kannte und die sie nun nicht nur tänzerisch auf Händen trägt. Die oftmals symbiotischen Bewegungen der beiden begleitet die Stimme der Performance-Künstlerin und Filmemacherin Réka Szabó, die gleichsam feinfühlig, wie entschlossen das Frauenpaar zu einer Premiere und zu einer Darbietung führt, die bis heute 95 Mal (!) aufgeführt wurde.

Nicht Corona stoppte sie, „Emese wurde schwanger“, verraten Éva Fahidi und Réka Szabó im ebenso bewegenden Gespräch mit Ö1-Radiomann Bernhard Fellinger nach der Vorführung.

Müdigkeit knapp vor Mitternacht? Wer würde das wagen während auf der Bühne eine 96 Jahre junge Frau („ich fühl‘ mich wie mit 16“) sitzt, die Fragen in drei Sprachen und mit Schmäh beantwortet. Es ist, als vibriere in ihrem Inneren stets ein kräftiger Motor mit dem Ziel, jeden einzelnen Menschen mit ihren Schilderungen vom KZ Birkenau-Auschwitz zu erreichen, ehe sie von dieser Welt geht. Ihre letzten Worte an diesem Abend wiegen schwer. Éva Fahidi warnt nicht davor, dass sich die Geschichte wiederholen kann, wenn wir nicht aufpassen. „Sie tut es bereits“, fürchtet sie.

So beängstigend ihre Worte auch waren, und das sollen sie sein, um wach und aktiv im Kampf gegen jegliche Ausgrenzung zu sein, gehen die einen bewegt und gleichsam reich beschenkt von diesem „Netzhaut“-Festivalabend nach Hause, die anderen erleben noch mit Kopfhörern ausgestattet spazierend ein „Walking Through The Night Concert“ mit Mira Lu Kovacs und Benny Omerzell.

Infos & Tickets

https://www.netzhaut-ton-film-festival.at

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"Walking Through The Night Concert" mit der großartigen Mira Lu Kovacs (© Daniela Matejschek)