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Lifestyle | 24.09.2021

Die neue Normalität

Die Pandemie hat mit uns allen etwas gemacht. Im privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Kontext sehen wir uns mit Fragen konfrontiert, die uns auch in Zukunft begleiten werden. Wir fragten den Gesundheitsexperten Hon. Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp.

Isolation, Vereinsamung, Perspektivenlosigkeit, Ängste – und der vermehrte Griff zu Genussmitteln. Um eine kollektive Widerstandsfähigkeit in und nach der Pandemie aufzubauen, gilt es, Systeme anzuwenden, die jetzt wieder hochaktuell sind: Stichwort Schadensminderung. Dieser Begriff bezeichnet Maßnahmen, Strategien und Praktiken, die darauf abzielen, die negativen gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen menschlicher Verhaltensweisen zu reduzieren. Hierbei stellt sich die Frage, welche Risikobewertung nötig ist, um den eigenen Lebensstil an die neuen Umstände anzupassen und wie können wir Schaden und Einfluss zwischen uns und unserer Umgebung reduzieren?

Niederösterreicherin: Herr Professor Rupp, Wissenschaftler stellen eine zunehmende Pandemie-Müdigkeit fest ...
Bernhard Rupp: Menschen entwickeln erstaunlich kreative Überlebensstrategien, gesunde und auch einige ungesunde. Letzteres kann man kaum jemandem verübeln, denn im Moment kommt es ja besonders dick. Als ob die Pandemie nicht schon reichen würde, haben wir jetzt auch global und regional Probleme mit extremer Hitze, Stürmen und Überschwemmungen. Der Mediziner Wilhelm Busch hat schon gedichtet „Es ist bekannt seit alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör“. Die Politik ist für die Zeit nach dem Kampf gegen das Covid-19-Virus gefordert, klare, realistische und attraktive Zukunftsbilder einer reifen, sozial solidarischen und nachhaltigen Gesellschaft zu entwickeln. Das nährt Hoffnung in den Herzen der Menschen.

Wie kann man die Menschen im Sinne eines zukunftsorientierten Allgemeinwohls also noch bei Laune halten?
Mit „bei Laune halten“ ist wohl gemeint, zu trachten, dass die Menschen nicht auf Verordnungen und Empfehlungen der Behörden „pfeifen“? Also, Wissenschaft und Politik wären fürs Erste gut beraten, sorgsam im Umgang mit öffentlichkeitswirksamen Informationen zu sein. Widersprüchliche Expertinnen- und Expertenmeinungen, Furchtappelle und das Spielen mit der Angst bringen wissenschaftlich fundiert wenig. Kontinuierliche niederschwellige gesundheitliche Aufklärung – z.B. über Hygiene, persönliches Verhalten und Verantwortung für alle Altersgruppen in Schulen, Kindergärten, Betrieben, Gemeinden sowie in sozialen Medien – wäre meiner Meinung nach der Weg, die notwendige Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu steigern.

 

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(© Wilke/Wien1)

Sie sagen, das Zauberwort ist Bildung ...
Genau! Wie heißt es in der Bibel, im Psalm 1:2 sinngemäß so treffend, dass wir alle „Lust am Gesetz“ entwickeln müssen. Nur dann, wenn behördliche Anordnungen von den Menschen inhaltlich verstanden und als nützlich angesehen werden, werden sie auch weitgehend eingehalten. Polizeistaatliche Methoden führen nur zu einem Scheingehorsam („cumplir sin obedecer“) der Bürgerinnen und Bürger mit fatalen gesundheitlichen Folgen für die Gemeinschaft.

Soziale Geselligkeit wurde für Monate auf Eis gelegt, digitale Chats ersetzten persönliche Kontakte – wird sich unsere Gesellschaft dadurch nachhaltig verändern?
Die soziale Geselligkeit wurde augenscheinlich teilweise nur aus dem öffentlichen Raum ins nicht sichtbare private „Biedermeierzimmer“ verdrängt. Dieser Scheingehorsam ist meines Erachtens nach ein problematischer Schritt in Richtung einer zunehmenden „Bedeutungslosigkeit von Rechtsvorschriften und behördlichen Anordnungen“. Ich würde mir eine Veränderung unserer Gesellschaft dahingehend wünschen, dass die sogenannten „systemrelevanten“ Berufsangehörigen – und hier rede ich ausdrücklich nicht von Ärztinnen und Ärzten mit erheblich vergrößerter Wertschätzung – mit angemessener Bezahlung, mit guten Arbeitsbedingungen und Karrieremöglichkeiten behandelt werden. Was ich allerdings befürchte, ist ein gewaltiger Wunsch vieler nach der Wiederherstellung des Lebens, wie es früher, im Jahr 2019, einmal war und somit ein rasches Vergessen der Bedürfnisse der „Systemrelevanten“, schon allein wegen der befürchteten Mehrkosten für Konsumentinnen und Konsumenten sowie für Steuerzahlerinnen und -zahler. Gewerkschaften und Arbeiterkammern werden aber nach Kräften an diesem Thema dranbleiben!

Auch das Home­office ist wohl gekommen, um zumindest teilweise zu bleiben. Dies stellt besonders Familien vor eine große Herausforderung, die Grenzen zwischen Arbeit, Haushalt und Kinderbetreuung verschwimmen zunehmend. Wie werden sich Unternehmen auf die neuen Gegebenheiten einstellen?  
Innovative und mitarbeiterinnen- bzw. mitarbeiterorientierte Unternehmen werden – wie schon bisher – gute, individuell maßgeschneiderte Arbeitsformen anbieten. Alle anderen Unternehmen werden tendenziell mal abwarten, wozu sie rechtlich verpflichtet sind oder was sie am Markt anbieten müssen, um für benötigte qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter attraktiv zu sein bzw. zu bleiben. Manche freuen sich vielleicht, keine Büromietkosten für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr zahlen zu müssen, weil alle zu Hause arbeiten. Die neuen arbeits-, sozial- und steuerrechtlichen Homeoffice-Regelungen sind ein erster kleiner Schritt. Sie lösen aber die neuen Herausforderungen neuer Arbeitsformen – und das betrifft nicht nur das Homeoffice allein – wie eben die gesundheitlichen Probleme, die die Entgrenzung von Freizeit und Arbeit mit sich bringt, überhaupt nicht.

All diese Veränderungen verursachen vielen Menschen Stress. Ein häufig befürchtetes Phänomen ist hierbei der verstärkte Griff zu Genussmitteln. Im Corona-Blog des Vienna Center for Electoral Research der Universität Wien hat David W. Schiestl die Ergebnisse einer Panelumfrage präsentiert: Besonders jene, die große Einsamkeit erleben, greifen häufiger zu Alkohol und Nikotin – und dabei auch tendenziell die Jüngeren. Welche Strategien sind hier gefragt?
Ah, Wilhelm Busch hat also doch recht. Was g‘scheite Strategien anbelangt, da sollte hier dringend an psychologischem, wissenschaftlichem Know-how angedockt werden. Alkohol und Nikotin zu meiden und stattdessen einen Volkstanzkurs oder ein Fitnessstudio zu besuchen, wäre natürlich wunderbar, spielt es aber oft nicht. Die wesentliche Frage ist daher, wie können wir den Umgang mit Suchterkrankungen gestalten. „Trocken“, also dauerhaft abstinent, zu werden, ist soweit ich weiß, nach wie vor die therapeutische Hauptstoßrichtung bei Alkoholabhängigkeit wie bei der Abhängigkeit von illegalen Substanzen. Etabliert und salonfähig ist aber auch der Ansatz der „Schadensminimierung“ (harm reduction). Beim Umgang mit Raucherinnen bzw. Raucher und ihrer Sucht wird in Fachkreisen in Österreich das Konzept der Schadensminimierung, etwa durch den Umstieg von traditionellen Zigaretten auf neuartige Tabakheizsysteme, leider noch immer kritisch diskutiert.

Jugendpsychiatrien sind überbelegt, generell sind depressive Verstimmungen im Vormarsch, nicht jeder kann sich psychologischen Beistand leisten. Inwieweit sehen Sie, auch als Gründer der Österreichischen Psychiatriekoordinatoren-Plattform, die Politik gefordert, um dem oftmals negativ strapazierten Slogan einer „Lost Generation“ entgegenzuwirken?
Was ich sagen kann, ist, dass die Gesundheitspolitik die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen wirklich endlich ernster nehmen muss. Wir sehen regional unterschiedlich seit Jahren stationär und ambulant Versorgungsmängel in der kassenvertraglich finanzierten Pädiatrie oder der Kinder- und Jugendpsychiatrie. In der stationären Rehabilitation gab es den letzten Jahren erste Verbesserungen – in der Coronazeit war es aber auch schon wieder vorbei damit. Die Situation der letzten eineinhalb Jahre in den Kindergärten und Schulen kenne ich nur aus Erzählungen, die aber auch nur ein wenig ersprießliches Bild ergeben. Bald ist September, die Schulen öffnen hoffentlich, neue Lehrlinge kommen in die Arbeitswelt. Entwicklungsstörungen, Erkrankungen und Bildungsdefizite müssen sorgsam erkannt, therapiert bzw. begleitet werden, um dauerhafte gesundheitliche und ökonomische Schäden zu vermeiden bzw. zu verringern.

 

ABOUT

Hon. Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp
Studium der Ökonomie an der Unversity of Toronto (Kanada) und Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien.
Von 1998 bis 2005 als Geschäftsführer des NÖ Gesundheits- und Sozialfonds und Psychiatriekoordinator des Landes NÖ tätig, seit 2006 Leitung der Grundlagenabteilung Gesundheitspolitik der AKNÖ.
Derzeit Lehrtätigkeit an der Medizinischen Universität Wien (Public Health) und der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems (Gesundheitsökonomie).
Forschungstätigkeit seit 1998 in außeruniversitären Forschungsnetzwerken und in Kooperation mit Universitäten und Fachhochschulen insbesondere zu Themen neuer Versorgungsformen im Gesundheits- und Pflegewesen und Personalbedarfsberechnungsmodellen, Assistive Technologien (AAL).