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Lifestyle | 07.10.2021

Jedem Ende wohnt ein Zauber inne

Sara Ostertag inszeniert packend Thomas Manns "Menschheitsbuch" am Landestheater, Clara Luzia singt.

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Kongeniales Ensemble: Jeanne Werner, Bettina Kerl, Tilman Rose, Laura Laufenberg, Michael Scherff, Tim Breyvogel (© Alexi Pelekanos)

Ein Dach aus Rippen. Atemzüge aus den Lautsprechern. Ein schlauchartiges Objekt durch das es sich krabbeln lässt, stellt die Wirbelsäule dar. Später rollt noch ein aus hauchdünnem Stoff gefertigtes riesiges Herz über die Szenerie; mit ihrem genialen Bühnenbild richtet Nanna Neudeck intensiv den Blick dorthin, wo sich das „Abenteuer“ in Thomas Manns Roman abspielt: im menschlichen Inneren.

Da sind keine saftigen Wiesen, keine Schäfchenwolken und schönen Zauber bringen ausschließlich Clara Luzia und Catharina Priemer-Humpel auf diesen „Berg“; sie machen live Sound und Musik, beides phänomenal gut. Dass „Der Zauberberg“ nicht rosa Funken versprühen will, ist klar: Man schreibt das Jahr 1907 als Hans Castorp seinen Cousin in einem Sanatorium in den Schweizer Alpen besucht. Doch der vermeintliche Urlaub wird für den jungen Schiffsingenieur zunehmend zum Alptraum – bis der zuvor selbst pumperlgesunde Mann erkrankt.

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Spannendes Bühnenbild von Nanna Neudeck. Tiefgründige Texte, aufwühlende Musik und Sound: live von und mit Clara Luzia und Catharina Priemer-Humpel (© Alexi Pelakanos)

In Sara Ostertags Version am Landestheater Niederösterreich (in Kooperation mit dem Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg) wird das Publikum Zeuge eines langsamen – für manche Figuren gar lustvoll – quälenden Prozesses, bei dem Hans Castorp vom Leid im Sanatorium regelrecht inhaliert wird. Der mehrfach preisgekrönten Regisseurin gelingt dabei aus Thomas Manns üppigem „Menschheitsbuch“ ein packendes Destillat von einer Stunde und 40 Minuten, das in einem fulminanten Finale aus Farben und kiloweise Eis gipfelt. Was das Ensemble bei dieser Produktion auf der Bühne bietet, ist herausragend: Tilman Rose leistet scheinbar mit Leichtigkeit Schwerstarbeit, während er die Entwicklung Hans Castorps vom naiven jungen Mann bis zu dessen Verfall spielt, Jeanne Werner ist ein fabelhaft gender-cross besetzter, steifer Vetter Joachim. Laura Laufenberg switcht gekonnt mit vollem Körper- und wunderbarem mimischem Einsatz zwischen ihren Rollen Dr. Krokowski und Frau Stöhr, Bettina Kerl ist unter anderem ein famoser Literat Settembrini, der so schöne Weisheiten von sich geben darf, wie „Bosheit ist die glänzendste Waffe der Vernunft“. In drei Rollen glänzt Tim Breyvogel: schön als Clawdia Chauchat, Castorps Liebe auf den ersten Blick, mit herrlich aufgesetzten Gesten; Michael Scherff gibt den bodenständigen Klinikleiter Hofrat Behrens, der seine Autorität gleich zu Beginn mit dem Hinweis aufs Handyverbot glaubhaft demonstriert.

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Fulminantes Finale (© Alexi Pelekanos)

Diese Inszenierung verdient tosenden Applaus und Bravorufe. All das kommt nach der Premiere – via Social Media und in Form zahlreicher positiver Kritiken – sozusagen zeitversetzt. Direkt im Anschluss ist man sehr aufgewühlt vom Erlebten, die Erfahrungen sind sehr nahe gerückt, man sehnt sich nach Zeit, um sich zu sortieren und zu reflektieren. Und wenn Theater so bewegt, dann ist das doch das Beste, was es schaffen kann.

Weitere Termine und Infos:

landestheater.net

Das Musikerinnen-Ehepaar Clara Luzia und Catharina Priemer-Humpel haben wir außerdem zum Interview getroffen. Die Story findet ihr hier: 

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