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Lifestyle | 08.10.2021

„Hier bin ich, kopfüber in einer Frau“

Fesselnd: Zwei Produktionen zeigt „Wortwiege“ in den Kasematten Wr. Neustadt. Wir sahen „Nussschale"

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Mit vollem Körpereinsatz: Jens Ole Schneider, Flavio Schily (im Film) und Nina C. Gabriel (© Andream Klem)

Faszination Kasematten

Man kann noch so oft dort drinnen gewesen sein, jedes Mal aufs Neue ist der Anblick, die Wahrnehmung der historischen Kasematten in Wiener Neustadt erstaunlich. Faszination auf den ersten Blick war es auch für Theatermacherin Anna Maria Krassnigg, als sie die Jahrhunderte alten, unterirdischen „Hallen“ sah. Wenig später zog sie quasi dort mit ihrer Compagnie „Wortwiege“ ein; nach dem Erfolg im Vorjahr geht gerade das zweite Theaterfestival über die Bühne. Zwei szenisch-filmische Produktionen sind das Kernstück von „Bloody Crown II“: „Dantons Tod – Narren, Schurken, Engel“, eine zeitgenössische Fassung des Georg Büchner-Klassikers sowie „Nussschale“, nach dem Roman von Ian McEwan; wir sahen eine Aufführung vor wenigen Tagen.

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(© Andrea Klem)

Zwischen riesigen Dimensionen und Intimität

Bei „Nussschale“ kontrastiert bereits der Titel schön mit den riesigen Dimensionen der Location; noch mehr die Handlung, die ausschließlich an intimen „Orten“ stattfindet: in den eigenen vier Wänden einer Mutter und in deren Babybauch. Romantisiert wird hierbei nichts, knüpft sich Ian McEwan doch mit seinem Buch Shakespeares Hamlet-Geschichte vor. Zur Erinnerung: Der Bruder des Königs tötet den Herrscher und heiratet seine Witwe. Der Sohn, Prinz Hamlet, will Rache. Ihn lässt der zeitgenössische Autor in der „Nussschale“ heranwachsen; der Embryo sieht nichts, doch hört und spürt den Betrug und nimmt sogar die Weltgeschehnisse durch die ständig über Kopfhörer Radio und Podcasts lauschende Mutter wahr.

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Jens Ole Schmieder, Martin Schwanda, Nina C. Gabriel, Petra Staduan (© Andrea Klem)

Sie ist alles

Wie Anna Maria Krassnigg mit ihrer Theatercompagnie diese Story erzählt, ist genial (Regie gemeinsam mit Jérôme Junod und Christian Mair).  Das Publikum blickt in die Wohnung der Mutter: eine Couch in der Mitte, Bücherregale auf der einen Seite könnten Symbol für den Vater, den etwas verschrobenen Intellektuellen sein, die reich bestückte Bar auf der anderen für den geld- und machthungrigen, triebgesteuerten, aber eher dümmlichen Liebhaber. Bemerkenswert: Das breite Charakterspektrum der Frau (großartig: Nina C. Gabriel). Sie ist nicht gut, nicht böse, sie ist nicht Opfer, nicht Täterin; sie ist alles und darf alles und das mit voller Leidenschaft – und einem großen Bauch. Das Baby muss die pikanten Geschehnisse beinahe mit allen Sinnen ertragen. Er katapultiert sich gleich zu Beginn in den Mittelpunkt mit dem pointierten Satz: „Hier bin ich, kopfüber in einer Frau.“ Das Publikum beobachtet ihn ebendort, allerdings wunderbar abstrahiert. In den historischen Bogen der Wohnung projiziert ihn Krassnigg mit Filmsequenzen: Flavio Schily (selbst im Erwachsenenkörper mit seiner fein säuberlich kontrollierten Mimik völlig glaubwürdig als Ungeborenes) agiert und reflektiert mit Helm unterm Arm und Moon Boots in Räumen, die an eine Weltraumstation erinnern (gedreht wurde im AKW Zwentendorf und im Ionentherapie- und Forschungszentrum MedAustron).

Diese Hamlet-Version schlüpft in den Kasematten in das Gewand eines britischen Krimis, trockener Humor inklusive. Das Publikum hat dabei sozusagen freie Wahl: Wer mag, kann es bei dieser Ebene belassen, sich etwa über die Verlogenheit der Agierenden empören und der gut gelaunten Ermittlerin und der jungen Liebhaberin (beide wunderbar: Isabella Wolf und Petra Staduan) beim Überführen der Täter*innen zusehen. Und wer mag, hört und sieht genauer hin, wenn es noch tiefer geht und große Fragen der Menschheit und auch die der Gegenwart verhandelt werden. Wir finden: packend, aufwühlend und ein sehr guter Stoff für Gespräche. Apropos: Im „Salon Royal“ gibt es auch dazu noch bis 19. Oktober 2021 gute Gelegenheiten. 

Die "wortwiege" und das Österreichische Kulturforum Bukarest zeigen außerdem die Österreich-Premiere des rumänischen Dokumentarfilms "#newTogether" in den Wiener Neustädter Kasematten: am 19. Oktober 2021 um 19:30.

 

Infos und Termine:

https://www.wortwiege.at

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Jens Ole Schmieder, Isabella Wolf (© Andrea Klem)