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Lifestyle | 13.10.2021

Danke an Angelina Jolie

Ein Null-Risiko gibt es nirgendwo. Die Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs zu erkranken, können „Genträgerinnen“ aber extrem minimieren, weiß Brustkrebsspezialistin Karin Haider.

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(© Shutterstock)

Ihre Mutter war an Brustkrebs gestorben, ein Gentest habe ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit, selbst daran zu erkranken sehr hoch war. Der Hol­­­lywoodstar Angelina Jolie lässt sich 2013 die Brüste entfernen – und geht damit bewusst in die Öffentlichkeit. Ein wichtiger Schritt, findet Karin Haider, Präsidentin der Österreichischen Krebshilfe Niederösterreich und Oberärztin am Interdisziplinären Brustgesundheitszentrum NÖ-SÜD am Landesklinikum Wiener Neustadt.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Was passiert bei einer vorsorglichen Brust­entfernung?
Bei der sogenannten prophylaktischen Mastektomie wird das gesamte Brustdrüsengewebe entfernt und ausschließlich der Hautmantel belassen. Das entfernte Gewebe wird üblicherweise gleich ersetzt; in etwa 95 Prozent der Fälle wird im Anschluss eine Rekon­struk­tion durchgeführt. Das macht man mit Fremdgewebe, also mit einem Implantat, oder mit eigenem Gewebe.

Wie hat sich der Zugang der Patientinnen zum Thema prophylaktische Mastektomie verändert?
Früher war es so, dass man die Methode zwar aus Amerika kannte, sich die meisten aber trotzdem vorwiegend für eine intensive Vorsorge entschieden haben, wenn ein Gentest ergab, dass sie erblich vorbelastet sind. Die wenigsten ließen sich operieren. An dieser Stelle sage ich Danke an Angelina Jolie; sie hat wirklich ein Tabu gebrochen. Die Offenheit dafür und die Bereitschaft für die Operation ist heute eine wesentlich größere.

Wie ist der Status quo diesbezüglich am Brustgesundheitszentrum Wiener Neustadt?
Wir haben mittlerweile ein komplett aufgebautes Team inklusive plastischer Chirurgie; auch deswegen ist die Bereitschaft zu diesem Schritt in den vergangenen fünf Jahren größer geworden.
Wobei man bei der Prophylaxe auch noch einmal unterscheiden muss: Es gibt Patientinnen, die durch ein Mammakarzinom draufkommen, dass sie „Genträgerinnen“ (mit Genen bzw. Genmutationen, die zu Brustkrebs führen können, Anm.) sind und bei der Operation auch das Drüsengewebe der nicht betroffenen Brust entfernen lassen. Und es gibt eben jene, die durch eine erkrankte Person in der Familie und nach einer Untersuchung herausfinden, dass sie ein hohes Risiko haben, später zu erkranken. Wer hier wie entscheidet, ist nicht vorab zu sehen; der Schock ist oft groß, die psychische Komponente spielt auch eine große Rolle.

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Im Interview. Die Chirurgin Karin Haider ist auch Präsidentin der Österreichischen Krebshilfe Niederösterreich.

Wann ist eine rein prophylaktische Mastektomie empfehlenswert?
„Genträgerinnen“ können mit einer Wahrscheinlichkeit von 60, 70 oder sogar über 80 Prozent an Brustkrebs erkranken. Früher veranlasste man bei diesen Fällen möglichst engmaschige Kontrollen, operierte im Fall einer Erkrankung trotzdem häufig brusterhaltend. Aber das Risiko besteht immer, dass der Krebs in kurzer Zeit streut. Es ist nicht gesagt, dass ein Tumor groß sein muss, bevor er streuen kann.
Wenn man „Genträgerin“ ist, macht eine prophylaktische Mastektomie Sinn, das muss man schon sagen. Diese Frauen haben leider auch ein erhöhtes Risiko für Eierstockkrebs. Ein solcher ist in der Früherkennung noch schwieriger zu entdecken; die Entfernung der Eierstöcke empfiehlt sich für „Genträgerinnen“ etwa nach dem Vierziger.

Die genetischen Blutuntersuchungen sind kostenintensiv; welche Patientinnen können sie machen lassen?
Es gibt klare Richtlinien: einerseits hinsichtlich der Familiengeschichte der Einzelnen, andererseits im Bezug auf Merkmale der Tumore. Charakteristika, wie dass diese etwa nicht auf Hormone oder Antikörper reagieren, können Hinweise auf „familiären“ Brustkrebs sein.
Die Ergebnisse der Tests sind mittlerweile binnen sechs bis acht Wochen da. Eine bereits betroffene Patientin können wir in der Zwischenzeit schon behandeln, bis zum Operationstermin wissen wir dann Bescheid und können entscheiden, ob nur der Krebs entfernt wird oder ob prophylaktisch mehr getan wird.

Wenn die Patientin noch nicht betroffen, aber „Genträgerin“ ist, wer bezahlt die Kosten?
Erfüllt man entsprechende Kriterien, übernimmt sowohl die kostenaufwändige Blutanalyse als auch die Operation im Regelfall die Krankenkasse.

Wie effizient ist die vorsorgliche Brust­entfernung?
Ein Null-Risiko gibt es nicht. Aber das Risiko wird absolut minimiert; die prophylaktische Mastektomie ist eine hocheffiziente Methode. Regelmäßige Untersuchungen – für „Genträgerinnen“ bzw. nach einer Mastektomie eher mit Magnetresonanz – müssen aber auch nach der Operation durchgeführt werden.