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Lifestyle | 17.11.2021

Nach den Nikis kam Kleo

Kinder mit Hund haben ein besseres Leben, das lässt sich wissenschaftlich nachweisen, sagt Experte Jochen Stadler. Für eine happy Hunde-Family hat er wertvolle Tipps parat.

Die Nikis seiner Oma haben die Wochenenden seiner Kindheit versüßt. Immer wenn die Großeltern schmerzhaft einen geliebten Vierbeiner verabschiedeten, wollten sie sich keinen weiteren mehr anschaffen. „Aber wenn ein bisschen Zeit verging, war wieder ein neuer Niki da“, schmunzelt Jochen Stadler. Für ihn stand schon damals fest, dass er eines Tages selbst einen Hund haben wird. Bis dahin zogen einige Jahre ins Land, in denen er zunächst Biologie studierte, mit Fokus auf Mikrobiologie, und eine Familie gründete. Die bereichert nunmehr seit sieben Jahren ein Flat-Coated Retriever.

Schon davor verschlang der Wissenschaftsjournalist aus dem Bezirk Korneuburg alles über Hunde, das er in veröffentlichter Form kriegen konnte; das Leben mit Kleo nährt laufend die Expertise, jetzt schrieb er selbst sein zweites Buch: „Kind braucht Hund“.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Wie ist es, einen Hund zu bekommen?
Jochen Stadler: So ein kleiner Hund macht lauter lustigen Blödsinn und ist einfach süß. Das Kindchenschema ist in unser Hirn eingepflanzt, wir lieben dieses tapsige Verhalten. Man sollte nur darauf gefasst sein: Wie bei einem Kind, verändert auch ein Hund alles (lacht). Kleine Hunde müssen in der Nacht meistens raus, es gibt kaum ein Durchschlafen. Man muss die Wohnung hundgerecht gestalten: Gefährliches, an dem er sich schneiden könnte, das er fressen könnte, darf nicht herumliegen. Er muss lernen, was er machen darf und was nicht. Es ist anstrengend und gleichzeitig sehr schön.

Wieso jetzt ein zweites Buch?
Das erste Buch „Guter Hund böser Hund“ schrieb ich, als einige Biss-Vorfälle passiert waren und Hunde vielfach als Monster dargestellt wurden; am Fehlverhalten sind aber in erster Linie Menschen schuld. Bei Gesprächen über das Buch kristallisierte sich heraus, wie wichtig es wäre, dass Kinder den Umgang mit Hunden lernen. In meinem zweiten Buch beschreibe ich jetzt, wie toll ein Hund für ein Kind ist, wie viel beide voneinander profitieren.

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Coole Kleo. Jochen Stadler war mit seiner Hündin zunächst bei der Wasserrettung, heute machen sie Menschen etwa in geriatrischen Einrichtungen und Behinderten-WGs froh (www.tierealstherapie.at). (© Udo Titz)

Worin besteht die große Bereicherung für eine Familie?
Ein Hund ist ein verlässlicher Sozial­partner: Das Kind kommt von der Schule, hat gerade Stress, Streit oder Notendruck, dem Hund ist das wurscht, was vorher war. Erstens weiß er es nicht, zweitens lebt er im Hier und Jetzt und „sagt“: Mir ist fad, schau nicht so traurig – und schleckt dem Kind vielleicht gleich übers Gesicht (lacht). Von einer Minute auf die andere ist das, was dem Kind vorher Sorgen macht, wie weggewischt. Er fährt über das Fell, streichelt den Hund, es wird das Liebeshormon Oxytocin ausgeschüttet; man kann physiologisch messen, wie der Stresspegel sinkt.
Ein Kind mit Hund hat mehr Freunde, bessere soziale Beziehungen, die Kommunikation in der Familie funktioniert besser. Dass Kinder mit Hund ein besseres Leben haben, lässt sich wissenschaftlich nachweisen. Es gibt nur eben einiges zu beachten, selbst bei der Urlaubsplanung gilt es umzudenken.

Inwiefern, welche Reise ist zumutbar?
Zunächst einmal: vorher klären, ob das Quartier Hunde gestattet. Fliegen würde ich nicht; ausgewachsene Hunde werden in der Regel in einer Box im Gepäckraum befördert, wo sie sich fürchten. Besser sind Zugreisen mit Beißkorb oder Autofahrten in einer Box, bei der man Pausen für Spaziergänge macht. Die Box sollte nicht zu klein und nicht zu groß sein; man sollte ihn früh daran gewöhnen, indem man Futter reingibt, sie zu einem schönen Platz macht. Die Box ist kein Käfig, sondern ein wohliges Plätzchen, wo sich ein Hund sicher fühlen kann. Unsere Kleo geht gern in die Box, wenn sie sich vor Gewitter fürchtet.

Seit der Pandemie haben sich mehr Familien Haustiere angeschafft. Wann würden Sie davon abraten?
Wenn man es nicht ernst nimmt. Ein Hund ist eine große Bereicherung, gerade für Menschen die vereinsamen. Sie haben einen wichtigen Ansprechpartner, wenn sie spazieren gehen, werden sie angesprochen; ein Hund ist ein soziales Schmiermittel. Andererseits sind extrem viele Hunde und Katzen in Tierheimen gelandet. Ein Hund lebt zehn Jahre plus. Ich kann nicht einfach sagen: Home­office ist vorbei, ich fahre arbeiten und du bleibst zehn Stunden allein im Wohnzimmer; Hunde sind abhängig von uns. Da gibt es einen guten Spruch: Für dich ist der Hund ein Bestandteil deines Lebens, für den Hund bist du das Leben.

Warum kommt es zu Missverständnissen zwischen Hund und Mensch?
Erstens: Der Hund ist kein Stofftier. Ein Kuscheltier kann ich herumschmeißen und jederzeit streicheln, es läuft mir nicht davon. Es ist sehr wichtig, dass schon Kinder einen Hund als ein Wesen mit eigenen Bedürfnissen begreifen, inklusive ausgeprägtem Ruhebedürfnis.
Zweitens: Der Hund ist kein Mensch. Ein Beispiel: Menschen schauen einander in die Augen, umarmen sich je nach Kultur. Hunde machen das nicht, sie blicken sich oft nicht einmal an. Sie mögen prinzipiell keine Umarmungen, ein Therapiehund lernt natürlich, dass Umarmen super ist.
Wie jedes andere Tier auch, darf ein Hund beim Essen nicht gestört werden; da passieren immer wieder Unfälle.

Am besten erzieht man Hunde mit positiver Bestätigung. Wenn der Hund gelernt hat, dass, wenn er seinen Knochen herausrückt, er dafür etwas Besseres kriegt, dann hat er Vertrauen und weiß bereits, dass er sein Futter nicht gegenüber seinem Besitzer verteidigen muss. Ich halte nichts von „Dominanzgebaren“, wonach ich ihm jederzeit den Knochen aus dem Maul nehmen darf, weil ich das „Alphatier“ bin.

Erst kürzlich erlebt: Bei einer Feier kommt ein Kind von hinten auf den Hund zu, streichelt ihn, der Hund er­schrickt und schnappt. Es ist nichts passiert, aber es sorgte für Irritationen. Was tut man am besten in so einer Situation?
Den Hund aus der Situation herausnehmen, aber nicht schimpfen. Wenn er schnappt, ohne zu verletzen, hat er aus Hundesicht alles richtig gemacht. Wenn ich ihm das oder das Anknurren abgewöhne, nehme ich ihm wichtige Kommunikationsmöglichkeiten und er beißt das nächste Mal womöglich wirklich, wenn er überfordert ist. Hilfreich ist die Stressleiter einer Verhaltensforscherin, die ich im Buch beschreibe. Milde Signale sind Gähnen oder den Kopf wegdrehen, bei steigendem Stress folgen dann knurren, weggehen oder starr dastehen. Der Biss ist das Äußerste, Hunde sind prinzipiell freundliche Tiere.

Wie löst man die Frage nach der Verantwortung mit Kindern?
Wie sehr ein Kind auch einen Hund haben möchte, man muss damit rechnen, dass zwischendurch andere Dinge wichtig werden. Die Verantwortung haben die Eltern. Ich würde nicht mit Druck arbeiten, sondern das Verantwortungsgefühl mit Lob fördern. Besonders schön ist es, wenn es nicht nur um Pflichten geht, sondern wenn Kind und Hund tolle Sachen machen wie Hundeschule oder Dog Dancing, die ihnen beiden Spaß machen. Dabei können sie richtig zum Team zusammenwachsen.