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Lifestyle | 08.03.2022

Anna Maria Krassniggs Gespür für guten Stoff

Packende Produktion beim Festival "Szene Österreich": "Chikago" in den Wiener Neustädter Kasematten.

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Großartig: "Chikago" in den Wiener Neustädter Kasematten (©)Ludwig Drahosch

Den Filmschaffenden weggeschnappt

Anna Maria Krassniggs Gespür für guten Stoff ist einmal mehr die Basis eines unvergesslichen Theaterabends in den Wiener Neustädter Kasematten. Der jungen Autorin Theodora Bauer war sie vor wenigen Jahren begegnet, als sie mit ihren Student:innen am Max Reinhardt Seminar auf der Suche nach einem pointierten Stück war. Die Entdeckung mit dem Titel „papier.waren.pospischil“ wurde quasi vom Fleck weg inszeniert; es war der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit voller Highlights.

Nicht minder untrüglich ist das Gespür der vielseitigen Theatermacherin für außergewöhnliche Locations; seit 2020 bereichert sie mit ihrer „wortwiege“-Kompanie die Wiener Neustädter Kasematten, ein magischer Ort. Beim aktuellen Format, dem neuen Festival „Szene Österreich“, schließt sich nun der Kreis: Man könnte frech behaupten, Anna Maria Krassnigg schnappte Theodora Bauers packenden Roman „Chikago“ den Filmschaffenden weg. (Wobei freilich eine szenische Produktion kein Hindernis für weitere fürs Kino ist)

 

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Drei Schauspieler:innen, die überzeugend zwischen insgesamt sieben Rollen switchen: Niko Lukic, Anna Maria Krassnigg und Nina C. Gabriel (©) Ludwig Drahosch

Leicht & schwer

„Chikago“ erzählt vom Auswandern und Zurückkehren vor dem Zweiten Weltkrieg. Dabei kommen Theodora Bauers Anica, Katica und Feri schon beim Lesen so nahe, dass man glaubt, sie persönlich gekannt zu haben; die Bilder, die sie mit Worten zeichnet, erscheinen zeitgleich vorm geistigen Auge. „Anna Maria Krassnigg hatte sich sofort in den Roman verliebt. Sie sagte, es muss gelebt und erlebt werden“, beschreibt Dramaturgin Marie-Theres Handle-Pfeiffer bei der Stückeinführung am Premierenabend. Sie hatte unter anderem die anspruchsvolle Aufgabe, gemeinsam mit der Regisseurin und Karl Barrata, eine szenische Fassung von „Chikago“ zu schaffen. „Das war leicht, weil Theodora Bauer eine unglaublich begabte Autorin ist, die sehr gute Dialoge schreibt und es war gleichzeitig schwer, weil abseits dieser Dialoge viel Innenleben der Figuren beschrieben wird“, sagt Marie-Theres Handle-Pfeiffer.

Anna Maria Krassnigg inszeniert den Roman als eine sogenannte „szenische Skizze“; es wird sozusagen lesend gespielt. Umso spektakulärer ist, was dabei gelingt: An einer langen Tafel, zwischen den Sitzplätzen switchend, bewegen sich Nina C. Gabriel, Niko Lukic und die künstlerische Leiterin selbst mit solch spielerischer Präzision und so viel Hingabe, dass eben dieses kino-artige Erleben im Kopf, das der Roman beim Lesen auslöst, tatsächlich auch live funktioniert.

Das liegt nicht zuletzt an Christian Mairs Musik – das Hackbrett ist ein wahrer Geniestreich – und das liegt ebenso an einem herausragenden Team abseits des Rampenlichts (Bühne: Lydia Hofmann, Kostüme: Antoaneta Stereva, Licht: Lukas Kaltenbäck, Ausstattungsassistenz: Julia Kampichler).

Nicht verpassen:

„Szene Österreich“ läuft noch bis 13. März, am 8. April beginnt das nächste „wortwiege“-Festival unter dem Motto „Europa in Szene“. Details und Tickets: www.wortwiege.at

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Malt zusätzliche Bühnenbilder mit seiner Musik: Christian Mair am Hackbrett (©) Ludwig Drahosch