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Lifestyle | 16.03.2022

Haydn & die Frauen

Chris Pichler spielt Film und Theater, sie schreibt, unterrichtet und führt Regie. In Haydns Geburtshaus gibt sie den Komponisten selbst, zwei Forscherinnen beleuchten das Leben seiner Frau.

(c) Peter Brechtel

Chris Pichler ist Schauspielerin, Sängerin, Sprecherin, Regisseurin und Autorin; die Künstlerin mit dem facettenreichen Charakterrollenrepertoire ist mehrfache Preisträgerin. Sie spielt(e) an Theaterhäusern in Deutschland und Österreich, u. a. am Theater in der Josefstadt, am Volkstheater Wien und bei den Festspielen Reichenau. Großer Publikumserfolg sind ihre Soloprogramme, allen voran: „Romy Schneider – Zwei Gesichter einer Frau“. Vor der Kamera stand sie u. a für SOKO Donau, Schnell ermittelt und Winzerkönig, sie hat zudem einen Lehrauftrag für „Schauspiel und Operngesang“ an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst.
www.chrispichler.com

Wo sind ihre Briefe? Hinterließ Maria Anna Haydn keine oder verschwanden ihre persönlichen Aufzeichnungen? Wenngleich es dieser Umstand ungleich schwerer macht, ihre Person zu erforschen, so gelang es zwei Wissenschafterinnen, die Ehefrau Joseph Haydns aus dem mystischen Dunkel der Geschichtsschreibung zu holen.
Sie war kinderlos und galt als uninteressiert am Werk ihres Mannes; zur Saisoneröffnung der Haydnregion Niederösterreich zeichnen Gertrude Langer-Ostrawsky und Margareth Lanzinger am 27. März ein völlig neues Bild von Maria Anna Haydn.
Werke von Joseph und Michael Haydn spielen im Anschluss daran Klara Flieder (Violine), Christophe Pantillon (Violoncello) und Biliana Tzinlikova (Klavier). Eingebettet in das Konzert holt Schauspielerin Chris Pichler im Haydn-Kostüm und gespickt mit pointierten Anek­doten spannende weibliche Persönlichkeiten „auf die Bühne“, die den Lebensweg des Komponisten prägten und beeinflussten.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Sie haben sich längst einen Namen mit Ihren historisch fundierten und pointierten Abenden über berühmte Persönlichkeiten gemacht. Was ist der Hintergrund?
Chris Pichler: Ich bin immer am Schnüffeln (lacht)! Mich interessieren historische Dokumente, weil man über den Menschen, um den es geht, aber auch über sich selbst so viel begreift. Ich gehe  sehr gerne in die Uni-Bibliothek, suche nach Originalen: nach Briefen und Zeitdokumenten, wo jemand etwas über jemand anderen aus derselben Zeit geschrieben hat. Es wurde früher so viel geschrieben, heute sind wir ein bisschen im Abkürzungsmodus. Ein Smiley da, ein Smiley dort – was wird von uns bleiben? Ich genieße das Recherchieren in diesen historischen Dokumenten und muss immer wieder lachen, weil ich immer wieder was Lustiges finde.

Wieso fiel Ihre Wahl nun auf Haydn?
Er hat mich irgendwie angelacht (lacht). Ich bin auf die Briefe von Maria Anna Genzinger gestoßen, der Frau von einem renommierten Arzt in Wien; die sind sehr persönlich und offen, die müssen freundschaftlich sehr eng verbunden gewesen sein, das hat mich angesprochen. Spannend ist auch die Beziehung zur Sängerin Luigia Polzelli, die hat ihn ja total ausgenommen! Oder dass die Kaiserin Maria Theresia offenbar daran beteiligt war, dass er als Sängerknabe gekündigt wurde …

Die Faszination entstand also bei der Recherche?
Das auch. Aber ich muss schon sagen, dass wir – Michael Linsbauer (künstlerischer Leiter Haydnregion NÖ, Anm.), den ich sehr schätze, und ich – irgendwann herausgefunden haben, dass wir das gleiche Buch besitzen: „Haydn und die Frauen“. Das gibt es nur noch antiquarisch. Da haben wir beschlossen, wir machen etwas dazu.

Nun schlüpfen Sie selbst in ein Haydn-Kostüm …
Ja, ich bin Haydn selbst! Ich plädiere dafür, dass man in der heutigen Zeit endlich „entgendert“. Frauen können auch Männer spielen, das ist kein Thema mehr.

Wie fühlt es sich an, die privaten Briefe von jemand anderem zu studieren?
Ich denke, dass es einem Haydn schon klar war, dass seine Briefe irgendwann veröffentlicht werden. Ich habe sogar eine Geschichte gefunden, wonach ihn ein Geigenvirtuose besuchen kommt und er zeigt ihm einen Stapel Briefe seiner Frau mit den Worten: „Wir antworten uns, ohne uns zu lesen.“ Was mir sehr leid tut, ist, dass es oft von den Frauen die Briefe nicht gibt.

Wie hat sich im Zuge der Recherche Ihr Bild von Haydn geändert?
Ich hatte im Kopf nur dieses Klischee vom alten „Papa Haydn“, dabei war hier immer das französische „Papa“ gemeint, das man als Zeichen der Anerkennung verwendet. Dass er so „frauenaffin“ war, das war mir gänzlich neu. Damit ist nicht gemeint, dass er ein Womanizer war, aber er schätzte die Frauen für ihre Schönheit und für ihr – beispielsweise künstlerisches – Können.

Sie haben viele Berufe: Sie spielen, stehen auf der Bühne und vor der Kamera, Sie singen und unterrichten. Was lieben Sie an Ihren Berufen?
Die Vielseitigkeit, den Tiefgang, das Forschen können, die Kommunikation, den Austausch miteinander, die Gegenwart, die wir schaffen. In allem, was ich tue, ob ich schreibe, spiele, singe, unterrichte oder lese, schaffe ich Gegenwart – und will damit auch Begegnung im Augenblick schaffen.

Wie empfinden Sie das, dass Sie direkt in seinem Geburtshaus auftreten?
Ich finde das so toll, wenn man Kulturstätten so belässt und wenn man Geld reinsteckt, damit nicht nur Leute auftreten können, sondern auch weiter geforscht werden kann. Kultur ist nicht nur Entertainment.
Wir sind das, wo wir herkommen; ich halte sehr viel davon, dass man daraus lernt und damit einen Blick auf die Zukunft bekommt. Das soll Mut machen, weiter zu gehen und etwas zu hinterlassen. Kultur ist Teilen. Ich teile etwas, das uns gemeinsam interessiert, wo jeder etwas mitbringt, wo man sich wiederfindet und am Ende mit einem kollektiven Wissen und Erleben wieder geht.

 

Haydnregion Niederösterreich

Klassikfestival 2022. 30 Veranstaltungen an 14 Orten und in zehn Gemeinden des Bezirks Bruck an der Leitha verspricht heuer die „Haydnregion Niederösterreich“. Den Auftakt feiert man mit dem auf diesen Seiten musikalisch-diskursiven Schwerpunkt zum Thema „Haydn und die Frauen“ im Haydn Geburtshaus Rohrau (Obere Hauptstraße 25) am 27. März, Vortrag 15 Uhr, Konzert und Rezitation 17 Uhr. Das Festival mit dem Motto „Faszination Haydn“ läuft bis Dezember; zu den Highlights zählen u. a. Haydn-Lieder in modernem sprachlichen Kostüm, ein musikalisches Crossover-Projekt sowie ein Theaterstück.

www.haydnregion-noe.at