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Lifestyle | 03.06.2022

“... und alles, was ich tu, ist gut.“

Reime als alternative Behandlungsform? Ja, weiß die Therapeutin Alexandra Grünwald, es sind ganz einfache Zweizeiler, die eine große Wirkung haben können.

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(© Lukas Beck)

Alexandra Grünwald arbeitete in der Versicherungsbranche. Was sie aber wirklich wollte, ist Menschen helfen zu können. Durch eine glückliche wie mutige Fügung landete die Wolkersdorferin in der Praxis des renommierten Arztes Dr. Arthur Mensdorff-Pouilly, wo sie als chirurgische Assistentin im Bereich Darm- und Magenspiegelungen bald erkannte, dass körperliche Symptome zunächst oft seelische Ursachen haben. Nach alternativ­medizinischen Ausbildungen begann sie, für ihre Klienten Reime zu schreiben – und machte dabei eine Beobachtung ...

NIEDERÖSTERREICHERIN: Frau Grünwald, Sie begannen Ihr Experiment, Reime gegen psychosomatische Symptome einzusetzen, bereits vor 15 Jahren und konnten damit erstaunliche Erfolge erzielen. Wie kann man sich das vorstellen?
Alexandra Grünwald: Das ist relativ einfach. Meine Klienten kommen meist mit sehr komplizierten Problemen zu mir und haben auch schon sehr viele verschiedene Therapieformen hinter sich. Oft sind sie müde und enttäuscht, dass sich kein Erfolg einstellen möchte. Viele sind auch kurz davor, aufzugeben und sich mit ihrer problematischen Situation abzufinden. Somit war für mich klar, ich muss eine einfache Lösung für diese Menschen finden, die sie wieder hoffen lässt, weiterzutun. Eine Therapieform, die auch gut im Alltag umsetzbar ist. Etwas, was Freude macht. Und: Da waren sie wieder! Die kleinen Reime, die ich selbst schon mein ganzes Leben anwende, wenn irgendetwas in meinem Leben schwierig ist.

In Ihrem Buch beschreiben Sie auch Ihre Erfahrungen mit Ihren eigenen Kindern, Lukas (29) und Cornelia (26). Haben Sie schon damals gerne gereimt?
Ja, ich habe sogar schon in meiner eigenen Kindheit die Bekanntschaft mit Reimen gemacht. Mein Vater hat mir und meinem Bruder abends oft gereimte Geschichten erzählt. In diesen Abendmärchen kamen dann wir beide, unsere Freunde und die Erlebnisse des Tages vor. Alles verpackt in gereimten Sätzen. Wir lauschten immer gespannt und vieles war so witzig, dass wir herzhaft lachen mussten. Wir Kinder konnten auf diese gemütliche Art die Alltagserlebnisse aufarbeiten und auch gleich besprechen, was uns bedrückt hat. Erst viel später erfuhr ich, wie wichtig es ist, mit positiven Gedanken und Freude im Herzen einzuschlafen, um am nächsten Tag voll Energie und Freude aufzuwachen. Es war daher ganz normal, diese Vorgehensweise auch bei meinen beiden Kindern anzuwenden. Wenn z.B. unangenehme Alltagstätigkeiten zu erledigen waren wie Zimmer aufräumen, Haare waschen, lernen etc. Um die angespannte Situation zu entschärfen, ließ ich mir einen lustigen Reim einfallen, der die scheinbar mühsame Tätigkeit freudig angehen ließ. Wie etwa: Wir gehen jetzt die Haare waschen, dann gibt‘s was Leckeres zum Naschen. Oder: Wir räumen jetzt das Zimmer auf und bauen dann was Neues auf. Meine Kinder reagierten auf die Reime sehr positiv und mussten oft lachen, was ja bekanntlich die beste Medizin ist. Freude kam zurück und der Unmut war verflogen!

Der Mitbegründer des radikalen Konstruktivismus, Paul Watzlawick, sagte: Sprache schafft Wirklichkeit, bekannt auch sein Ansatz der selbsterfüllenden Prophezeiung. Das bedeutet auch, jedes gesagte Wort hat Wirkung. Verfolgen Ihre Reime als Sprachspiel genau dieses Ziel?
Genauso ist es! Es gibt ja auch das physikalische Gesetz: Geist formt Materie! Oder: Was du denkst, erschaffst du. Wir dürfen uns des mächtigen Werkzeuges unserer Sprache bedienen und damit unser Leben positiv beeinflussen. Diesen Ansatz verfolge ich mit den Reimen und bemerke immer wieder, wie gut es funktioniert. Wir kreieren mit unseren Gedanken und Worten unseren emotionalen wie psychischen Zustand und das hat jeder schon am eigenen Leib gespürt. Wenn uns etwas bedrückt, fühlen wir uns schwer und traurig. Wenn wir uns über etwas ärgern, empfinden wir Wut und Zorn. Wenn wir etwas oder jemanden Geliebten verlieren, sind wir traurig. Wenn wir uns vor irgendetwas fürchten, haben wir Angst und die Spirale der Negativität schraubt sich nach unten und wir fühlen uns müde und machtlos. Jetzt ist es Zeit, zu handeln und die Spirale in die andere Richtung zu drehen und das geschieht durch den Reim. Wir tun genau das, was Paul Watzlawick damit meinte. Wir erschaffen mit unseren eigenen Gedanken unsere Realität. Die alte, belastende Wahrheit wird durch eine neue, angenehme ersetzt. Das sind die wichtigsten Parameter für ein erfülltes glückliches Leben. Das Beste daran ist: Wir haben es selbst in der Hand!

Prof. Dr. Christian Schubert ist Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Klinik für Medizinische Psychologie der Med. Uni. Innsbruck. Seit 20 Jahren erforscht er die Wechselwirkungen von Psyche, Gehirn und Immunsystem – und liefert auch den wissenschaftlichen Hintergrund für Ihr Buch. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Im letzten Jahr rief mich der Verleger des Buches an und fragte mich, ob ich mich noch erinnern könne, dass ich ihm vor 15 Jahren, als er vor einem riskanten Neubeginn stand, einen Spruch mitgegeben hatte. Der Spruch lautete: Ich fasse neuen Lebensmut und alles was ich tu ist gut – der Titel des Buches. Der Reim bewirkte bei ihm unfassbar viel Positives und er befragte Prof. Schubert über den Hintergrund dieser Wirkungsweise. Dieser lieferte ihm die wissenschaftliche Grundlage und ich erklärte mich dazu bereit, weitere Reime zu generieren. Die Idee zum Buch war geboren. Ich wurde beauftragt, die Erfahrungen mit den Reimen zu schreiben und Prof. Schubert den wissenschaftlichen Part.

Sie geben auch Anleitungen zum Selbstverfassen psychosomatisch wirksamer Reime. Können Sie uns einige Beispiele geben?
Ja, ich beschreibe im Buch ganz genau, wie einfach es ist, sich selbst einen Reim für eine belastende Lebenssituation zu verfassen. Weiters sind im Buch viele fertige Reime für typische Alltagsbelastungen zu finden.

Welchen Wunsch geben Sie Ihren Reimen mit?
Ich wünsche mir, dass die Reime vielen Menschen helfen und Mut machen, ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen. Sie dürfen auch daran erinnern, wie mächtig Worte sind und wie wichtig positives Denken ist. Die Reime mögen mehr Leichtigkeit in den Alltag zaubern und die Menschen wieder zum Lachen bringen.

Machen wir und doch selbst einen Reim auf das Leben!

 

Bild 2206_N_Leben_Cover_Gruenwald.jpg
Verlag edition a, ISBN 978-3-99001-573-5, € 20

Reime für belastende Lebenssituationen

KRANKHEIT:
Ich glaube dankbar an ein Wunder und bin von Tag zu Tag gesunder.

MANGEL:
Woran ich glaub und was ich denk, bringt mir das Leben als Geschenk.

STRESS:
Alles was ich will und tu, schaffe ich in aller Ruh.