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Lifestyle | 21.09.2022

"Ich habe immer Fragen gestellt"

Das Darmmikrobiom erlebt zurecht einen Hype: Es gilt als das Zentrum der Gesundheit. Bei der Analyse steht die Langenzersdorfer Wissenschaftlerin Barbara Sladek in erster Reihe. Sogar international. Dabei fing es durchaus holprig an.

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"In der Schule habe ich so schwer gelernt und dann fragte mich die große Uni Oxford ob ich bleibe?!", Barbara Sladek.

Sie war gerade einmal neun, als sie bei einer Englandreise mit der Familie beschloss: Sie wird in Oxford studieren. „Und dann flog ich bei der Englischmatura durch“, lacht Barbara Sladek, entschuldigt sich und geht einem Mitarbeiter nach, der sich quasi auf Zehenspitzen sein Mittagessen geholt hat. – „Du musst doch keine kalten Nudeln essen, wärm sie dir“, bittet sie ihn wieder in die Küche, die wir für das Interview okkupieren. Noch ist am neuen Standort nicht alles eingerichtet, es wird aber bereits hochkonzentriert gearbeitet.

Große Glasfenster geben den Blick frei in die begrünte Halle, myBioma ist erst kürzlich in den Rivergate Bürokomplex in Wien gezogen. Finanziell ein durchaus mutiger Schritt, wie die Gründerin selbst zugibt; einer, der notwendig wurde. Vor gut vier Jahren begann das Start-up (offiziell: BiomeDx) mit einem Zweierteam, mittlerweile arbeiten am  Ziel, Bahnbrechendes zur Gesundheit der Menschen beizutragen, 17 Leute.

„Eine leichte Legasthenikerin bin ich auch“, nimmt Barbara Sladek mit einem Lächeln den Faden wieder auf. „Aber wenn man will und hart arbeitet, kann man sehr viel schaffen.“

Die heute 35-Jährige wuchs in Langenzersdorf als Älteste von drei Kindern auf; ihre Mutter, eine Historikerin, war selbstständig, ihr Vater baute sich als Anwalt seine eigene Kanzlei auf. „Unsere Eltern haben sehr auf uns geschaut, damit wir allen Träumen frei nachgehen können.“ Sie mochte die Zeit in der Jungschar und das Aufwachsen am Land, auch heute pendelt sie mit Tochter Katharina, eineinhalb Jahre, und ihrem Mann regelmäßig aus Wien „raus“ zu den Eltern.

Im Wiener Sacré Coeur wurde die Faszination für Naturwissenschaften entfacht: „Mein Chemieprofessor prägte mich sehr: Wir durften im Chemiesaal machen, was wir wollten. Darum sollte es in der Schule gehen: sich zu trauen, zu experimentieren und Fragen zu stellen.“

 

Vom Praktikum zum Ph.D. Nach der Schule studiert sie Molekularbiologie und hält weiterhin daran fest, nach England gehen zu wollen. Ein Auslandssemester war nicht möglich, also bewirbt sie sich bei mehreren Laboren in Oxford; um ihren Traum zu verwirklichen, würde sie im Sommer zwei Monate gratis arbeiten, schreibt sie ihnen. „Am 31. Dezember 2006 antwortete mir – das werde ich nie vergessen – Professor Iain Campbell: ‚Ja, natürlich, ich freue mich.‘“

Im Juni darauf steht sie mit dem Koffer in Oxford, überzeugt beim Praktikum und der namhafte Professor animiert sie wiederzukommen. Zunächst bekommt sie ein Stipendium für die Diplomarbeit, danach eine Stelle, um den Ph.D. (Doktorat) zu machen. Professor Campbell wurde ihr Mentor, sie erlebte Konferenzen, bei denen sie mit Nobelpreisträgerinnen und -preisträgern zu Abend aß.

 

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ROLE MODE. Die Wissenschaftlerin und Unternehmerin Barbara Sladek mit Tochter Katharina.

Nach insgesamt sechs Jahren und mit dem Ph.D. in der Tasche fliegt sie für einen Weihnachtsurlaub nach Hause – und bleibt. Sie spürte, dass ihr Lebensmittelpunkt in Österreich sein soll. Sie heuert bei Siemens an, arbeitet sich von der Produkt- bis zur Businessmanagerin für den Bereich Molekulardiagnostik hoch und ist zuletzt für mehrere Länder verantwortlich. Parallel dazu macht Barbara Sladek den MBA in Finance; die Wirtschaft wird ihre zweite Leidenschaft. 

In der Bildungskarenz reflektiert sie ihr Tun, denkt über ihre Zukunft nach: „Ich fragte mich: Was machst du mit deinem Leben? Da wurde der Wunsch nach Selbstständigkeit ganz klar.“

Schon als Studentin bereiste Barbara Sladek gerne Gegenden, in denen keine Charterflüge verkehrten. Sie leistete ehrenamtliche Arbeit, das brachte sie auch nach Ghana. Dort begegnete sie dem Mediziner Nikolaus Gasche, der gerade famulierte. „Es war das erste Mal, dass wir uns über das Darmmikrobiom ausgetauscht haben, weil auf der Reise jeder anders auf das Essen reagiert hat“, schmunzelt Barbara Sladek.

Jahre später kreuzen sich erneut ihre Wege. Nikolaus Gasche hatte gerade sein Studium abgeschlossen und überlegte wie sie, sich selbstständig zu machen. „Wir haben ganz altmodisch angefangen auf einem Stapel Papier zu skizzieren. Uns war klar, dass wir etwas machen müssen, wo wir uns beide gut auskennen und das uns fasziniert: Es musste um das Darmmikrobiom gehen“, erzählt sie.

 

Wer seid ihr? Rund 39 Billionen Bakterien und Co. schwirren durch den menschlichen Darm, ihre Performance ist für unsere Gesundheit essenziell; im Team kennt man sie unter dem Namen Darmmikrobiom oder Darmflora. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu explodieren aktuell regelrecht. „Alle zehn Minuten kommt eine neue Publikation heraus“, weiß Barbara Sladek.

Die Dienste des Mikrobioms sind nicht nur in Sachen Verdauung und Nährstoffaufnahme gefragt, es kann auch Krankheiten begünstigen oder hemmen. „80 Prozent der Immunzellen sitzen im Darm. Wir entscheiden also mit, wie fit wir unser Immunsystem halten und wie gesund wir es versuchen, zu machen, durch das, was wir zu uns nehmen. Es stimmt: Du bist, was du isst.“

 

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GRÜNDETEN MYBIOMA. Die Faszination für das Darmmikrobiom brachten die Biochemikerin und Molekularbiologin Barbara Sladek und den Mediziner Nikolaus Gasche beruflich zusammen.

Längst hat man die Wichtigkeit der Hirn-Darm-Achse erkannt, neuesten Studien zufolge gibt es Zusammenhänge zwischen Depression und Darmmikrobiom; zuletzt fand man sogar heraus, dass die etwa für Parkinson typischen Ablagerungen sich schon Jahre zuvor im Darm nachweisen lassen.

 

Die Vision. Das zu erforschende Feld ist gigantisch und noch voller Fragezeichen. Wie ein gesundes Darmmikrobiom agiert, weiß man noch nicht im Detail, „aber es lassen sich Signaturen und Konstellationen von Bakterien ausfindig machen, die krankheitsfördernd und -hemmend sind“, erklärt Barbara Sladek. „Unsere Vision war von Beginn an, eine fundierte wissenschaftliche Analyse zur Verfügung zu stellen, damit jeder die Möglichkeit hat, sein individuelles Mikrouniversum zu erforschen.“ 2018 fand das Duo einen Investor, 2019 launchte es das erste myBioma-Produkt, das auf einem Testkit für zu Hause basiert.

Damit entnimmt man einfach eine Stuhlprobe und retourniert sie.  Mittels Sequenzierung im Partnerlabor auf der Uni Wien bzw. am AKH wird die Zusammensetzung des Darmmikrobioms analysiert und die Ergebnisse mit Gesundheitszuständen, dazugehörigen Publikationen sowie Verbesserungsvorschlägen bei der Ernährung gematcht.

Dabei gilt prinzipiell: je diverser, desto besser – bis ins Detail. „Wenn ich Salat essen will, empfiehlt es sich, einmal zu einem Vogerl-, dann zu einem Eisbergsalat, dann zu Ruccola zu greifen. Kauft man die Milch, alterniert man am besten zwischen verschiedenen Geschäften und Marken“, führt sie aus. Vorsicht: Gesund ist nicht gleich gesund. Will man den Darm schonen, lässt man etwa Salat und Samen weg, „besser ist dann etwas Basisches, leicht Verdauliches“. Ein anderes Beispiel: Kämpft man gegen einen Reizdarm bzw. mit Entzündungen, sollte man auf rotes Fleisch verzichten, es wirkt nämlich entzündungsfördernd. 

Viel Gemüse, einmal in der Woche Fleisch und ein- bis zweimal Fisch – und im Idealfall täglich frisch gekocht: So ernährt sich Barbara Sladek mit ihrem Mann und der eineinhalbjährigen Tochter Katharina.

 

Die Errungenschaft. Barbara Sladek und Nikolaus Gasche gelang mit ihrem Team zuletzt eine Weltsensation auf dem medizinischen Sektor: Sie erhielten kürzlich die Zertifizierung für das medizinische Diagnostikum namens „Biome One“, das in der Onkologie angewendet werden kann. Ebenso auf Basis einer Stuhlprobe lässt sich laut der Wissenschaftlerin damit voraussagen, wie jemand auf eine Krebsimmuntherapie reagiert. „Das ist der erste Biomarker auf diesem Gebiet“, sagt Barbara Sladek stolz und betont, dass sie noch viel vorhat: „Das Darmmikrobiom hat so viele Anwendungsgebiete, es ist an der Zeit, es auch für die Routinediagnostik zu verwenden.“

 

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DAS TESTKIT. Zu Hause entnimmt man eine Stuhlprobe.

SO FUNKTIONIERT DIE ANALYSE

 

myBioma. Grundsätzlich empfiehlt sich eine Darmmikrobiom-Analyse aus zwei Gründen: im Alter und alle ein bis zwei Jahre wie ein großes Blutbild, um zu schauen, ob alles passt oder wenn man Probleme hat: etwa Bauchweh, Durchfall, Verstopfung und/oder Vorbelastungen in der Familie (z. B. Diabetes, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen). Das Testkit kann aktuell um 149,90 Euro nach Hause bestellt werden, man entnimmt eine Stuhlprobe und retourniert diese. Das Ergebnis, also die Analyse über Quantität und Qualität der Bakterien inklusive Verbesserungsvorschläge, erhält man via E-Mail/App.

Wer dann sein Darmmikrobiom grundlegend „umprogrammieren“ will, tut dies am besten mit Fachleuten; hierfür bietet man eine üppige Datenbank. Von lebenslanger Einnahme von Probiotika hält Barbara Sladek wenig. „Sie machen Sinn, wenn sie spezifisch für einen kurzen Zeitraum eingesetzt werden: etwa für die Schwangerschaft oder für die Wechseljahre.“

 

Info, Bestellung, Tipps & Rezepte: www.mybioma.com

 

Fotos: Eccli/MyBioma, Ursula Sladek