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Lifestyle | 17.10.2019

Ich möchte ein Baby

Familienplanung und Babyglück sind wesentliche Phasen im Leben einer Frau. In der westlichen Welt ist ein zunehmender Trend zur späten ersten Mutterschaft zu beobachten. Nur wenige wissen, dass die Fruchtbarkeit ab dem 26. Lebensjahr langsam zu sinken ­beginnt und mit etwas über 30 ­Jahren stark abnimmt.

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© Shutterstock

rauen entscheiden sich heutzutage erst rund um das 30. Lebensjahr für ein Kind. Lange Ausbildungszeiten, berufliche Karriere, wechselnde Partnerschaften sind nur einige Gründe dafür. Univ.-Prof. Dr. Herbert Kiss von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Abteilung für Geburtshilfe, AKH Wien, Frauenarzt aus Leidenschaft, erklärt, worauf es bei Kinderwunsch und Familiengründung ankommt.

look: Wann bekommen Frauen heute ihre ersten Kinder?

Herbert Kiss: Das Alter der Frau beim ersten Kind liegt heutzutage im Durchschnitt bei 29,7 Jahren, also knapp unter dem 30. Lebensjahr. Im Vergleich dazu lag das Durchschnittsalter der Erstgebärenden im Jahr 1989 deutlich niedriger, nämlich bei 24,8 Jahren.

Wann ist die fruchtbarste Zeit im ­Leben einer Frau? Ab welchem Alter sinkt die Fruchtbarkeit?

Zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr ist die fruchtbarste Zeit im Leben der Frau, die Fertilität beginnt bereits mit 20 Jahren leicht zu sinken und fällt nach dem 30. Lebensjahr deutlich und mit 40 Jahren sehr stark ab. Wenn eine Frau daher eine Schwangerschaft nach 30 plant, muss sie mehr Zeit bis zum Eintritt einer Schwangerschaft oder unter­stützende Maßnahmen einplanen.

Wie beraten Sie eine Frau, die mit Kinderwunsch in Ihre Ordination kommt?

Prinzipiell sollte eine Frau mit Kinderwunsch ein möglichst „gesundes“ ­Leben führen, ihren Zyklus beobachten und bestenfalls darüber Aufzeichnungen führen. Übermäßiger Alkohol- und Koffeingenuss (mehr als zwei Tassen Kaffee pro Tag) sollte vermieden werden. Es wäre günstig, ein Normalgewicht anzustreben, das heißt, das Körpergewicht sollte in einem Bereich zwischen Body-Mass-Index (BMI) 18,5 und 25 liegen. Als Gynäkologe und ­Geburtshelfer kläre ich meine Patientin über ihre fertilen Tage auf. In manchen Fällen existiert ein sogenannter „Hang­over“-Effekt von einigen Monaten bei hormonellen Kontrazeptiva, also Verhütungsmitteln wie der Pille.

Welche abklärenden ­Untersuchungen sind wichtig?

Wir klären vor einer geplanten Schwangerschaft ab, ob ein Schutz gegen Infektionskrankheiten besteht, die in der Schwangerschaft für das ungeborene Kind gefährlich sind. Besonders wichtig ist der Schutz vor Röteln, Masern und Feuchtblattern bei schwangeren Frauen, generell aber vor allem bei Frauen, die mit Kindern arbeiten wie Kinderschwestern, Kindergärtnerinnen und Kinder­ärztinnen. Falls in der Vergangenheit durch Kontakt keine Antikörper gegen Toxoplasmose aufgebaut wurden, sollte in der Schwangerschaft kein rohes oder ungenügend gegartes Fleisch von Schaf, Schwein, Ziege, Rohschinken und keine Rohwurst konsumiert werden. Aber es ist ein Mythos, dass Hauskatzen-Toxoplasmose übertragen wird – so etwas habe ich in meiner Laufbahn noch nie erlebt. Wenn man die üblichen Hygiene­maßnahmen beim Umgang mit Katzen einhält, werden Toxoplasmen nicht auf Menschen übertragen. Was nur wenige wissen: Auch der Schutz gegen das Cytomegalievirus (CMV) ist von enormer Bedeutung. Das Cytomegalievirus (CMV) gehört zur Gruppe der Herpesviren. Wie die anderen Herpesviren bleibt das CMV nach der Erstinfektion lebenslang im Körper. Infektionen mit CMV sind häufig und normalerweise völlig harmlos. Die Infektion mit CMV bleibt daher in den meisten Fällen unbemerkt. Auch bei Schwangeren ist eine Erstinfektion mit diesem Virus meist unauffällig und für die werdenden Mütter auch nicht bedrohlich. Für das ungebo­rene Kind kann eine Infek­tion mit CMV allerdings schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. CMV ist weltweit die häu­figste Ursache für im Mutterleib erworbene Virusinfektionen – eines von 200 Neugeborenen kommt mit einer kongenitalen CMV-Infektion zur Welt. Wird eine schwangere Frau erstmalig mit CMV infiziert, so kommt es in rund 30–40 Prozent der Fälle zu einer Virusübertragung auf das ungeborene Kind. Die CMV-Erstinfektion in der Schwangerschaft ist jedoch vermeidbar. Die wichtigste Ansteckungsquelle für werdende Mütter sind Kleinkinder.die, ohne Anzeichen einer Erkrankung,
CMV in Harn und Speichel in hohen Konzentrationen ausscheiden können. Schwangere Frauen können daher durch einfache Verhaltensänderungen und hygienische Maßnahmen das Risiko einer Ansteckung deutlich reduzieren. In Fami­lien mit Kleinkindern und Kin­derbetreuungseinrichtungen sollte auf regelmäßiges Händewaschen, besonders nach Kontakt mit bespeicheltem Spielzeug, Kleidung und Windeln anderer Kinder, geachtet werden. Die sorgfältige Reinigung von Spielsachen und allen ­anderen Oberflächen, die mit Harn oder Speichel in Berührung kommen, ist wichtig. CMV kann auch sexuell übertragen werden. Daher sollten ungeschützte sexuelle Kontakte in der Schwangerschaft vermieden werden. Die Frage, ob eine Erstinfektion mit CMV schon durchgemacht wurde oder ob eine Frau für die möglicherweise folgenschwere Erstinfektion in der Schwangerschaft empfänglich ist, kann durch einen ein­fachen Bluttest (CMV-IgG-Antikörper­status) beantwortet werden.

Welche Bedeutung kommt den Schilddrüsenhormonen bei Kinderwunsch zu?

Der Schilddrüse kommt eine große Bedeutung bei Kinderwunsch zu, denn der TSH-Wert, ein wichtiger Parameter für die Beurteilung der Schilddrüsen­funktion, der durch eine Blutuntersuchung im Labor ermittelt wird, sollte zu Beginn der Schwangerschaft unter 2,5 liegen. Generell nimmt die Fruchtbarkeit der Frau bei einer Unterfunktion der Schilddrüse ab.

Vor 30 Jahren war die toxische ­Wirkung von Alkohol weniger bekannt, und manche Gynäkologen erlaubten der Schwangeren ein Glas Wein oder 1 bis 2 Zigaretten pro Tag. Und heute?

Heute wissen wir, dass Nikotin und Alkohol in der Schwangerschaft absolut schädlich sind.Nikotin ist Gift für die werdende Mutter, und ich erlaube meinen Patientinnen deshalb weder Alkohol noch Zigaretten in der Schwangerschaft. Wenn die Schwangere entgegen meiner Empfehlung dennoch weiterraucht, kann dies zu Wachstumsverzögerung des Embryos, verminderter Durchblutung der Pla­zenta und zu einem kleinen Kind führen. Bei schwerer Substanzabhängigkeit der Mutter kann es beim Säugling zu einer Entzugssymptomatik kommen.

Ist eine Vitaminsupplementation sinnvoll? Was halten Sie von Kombina­tionsvitaminpräparaten?

Prinzipiell ernähren wir uns alle nicht ausreichend mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Deshalb sind alle diese Präparate nützlich, Vitamine unterstützen die werdende Mutter. Aus diesem Grund kann ich Vitamine sowohl in der Schwangerschaft als auch während des Stillens nur wärmstens empfehlen. Interessant dabei ist – das wissen wir aus Stillstudien –, dass die Muttermilch immer gleich zusammengesetzt ist, unabhängig davon, welche Vitamine die Mutter zu sich nimmt. Aber für die Frau ist die Vitaminsupplementation wichtig.

Welche Bedeutung kommt der Folsäure/dem Folat vor und in der Schwangerschaft zu?

Folsäure vermindert den Neuralrohrdefekt („die offene Wirbelsäule“) des Kindes, deshalb ist eine Supplementa­tion mit Folat bei Kinderwunsch bereits drei Monate vor Eintritt der Schwangerschaft wichtig. Es gab sogar Überlegungen, Mehl mit Folat anzureichern, vergleichbar mit jodiertem Salz. Diese Idee hat sich jedoch nicht durchgesetzt. ­Wenig Sinn macht es, erst dann mit der Folsäuresupplementation zu beginnen, wenn man den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hält, man muss bereits vorher anfangen.

Welche Impfungen sind in der Schwangerschaft möglich?

Alle sogenannten Totimpfungen wie Wundstarrkrampf (Tetanus), Kinderlähmung (Polio), Keuchhusten (Pertussis), Diphtherie, aber auch Influenza sind bedenkenlos in der Schwangerschaft durchführbar. Die Influenza­impfung (saisonale Grippeimpfung) ist eine in der Schwangerschaft empfoh­lene Impfung, da Schwangere oft einen schweren Krankheitsverlauf mit Komplikationen wie einer Lungenentzündung entwickeln. Daher wird die gut verträgliche Grippeimpfung sowohl Schwangeren als auch Frauen mit Kinderwunsch vor und auch während der Grippesaison (Oktober bis März) zum eigenen Schutz und auch zum Schutz des Neugeborenen empfohlen. Ebenso ist eine Impfung ­gegen Keuchhusten (Pertussis) im letzten Schwangerschaftsdrittel empfohlen, weil hohe mütterliche Antikörperspiegel zum Schutz des Kindes nach der Geburt beitragen. Die Rate von mit Keuchhusten infizierten Kleinkindern konnte durch die Impfung der Mutter deutlich gesenkt werden, wie Studien gezeigt haben. Nicht geimpfte Großeltern mit chronischem Husten (oft ein Keuchhusten) können eine Ansteckungsquelle für Säuglinge sein. Generell sollen allfällige Impfungen vor einer geplanten Schwangerschaft aufgefrischt werden, insbesondere ­Masern-Mumps-Röteln und Feucht­blattern, wenn diese Krankheiten noch nicht durchgemacht wurden, weil sie als sogenannte Lebendimpfungen in der Schwangerschaft nicht erlaubt sind.

Welche zusätzlichen Untersuchungen sollten Ihrer Meinung nach noch in den Mutter-Kind-Pass aufgenommen werden?

Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Frühgeburt und ­Infektionen. Vaginale Infektionen wie die bakterielle Vaginose und Pilze, aber auch andere Infektionen im Körper wie Zahnherde, die Keime über die Blutbahn streuen können, oder Zahnfleischentzündungen erhöhen das Risiko für eine Frühgeburt. Es gab bereits die Überlegung, eine zahnärztliche Untersuchung in den Mutter-Kind-Pass aufzunehmen.

Was ist in der Begleitung der Schwangeren besonders wesentlich?

Da ich in dritter Generation Frauenarzt und Geburtshelfer bin, wurde mir viel Wissen und Erfahrung übermittelt. Medizin muss leidenschaftlich und mit Empathie erfolgen, doch auch nach evidenzbasierten Kriterien. Früher war die Geburt eine Notwendigkeit, heute hat die Frau das Recht, ihr Geburtserlebnis individuell zu gestalten, auch hinsichtlich der Schmerzen. Für mich ist die ­Geburt ein emotionales Erlebnis. Auch nach über 25 Jahren ist es noch immer eine Freude, ein Kind gesund auf die Welt zu bringen.

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Früher war die Geburt eine Not­wendigkeit, heute hat die Frau das Recht, ihr Geburtserlebnis individuell zu gestalten." – Univ.-Prof. Dr. Herbert Kiss von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Abteilung für Geburtshilfe, AKH Wien, © privat