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Lifestyle | 21.03.2019

Stillen im Wandel der Zeit

Frauen- und Kinderärzte raten Müttern, vier Monate lang voll zu stillen und dann mit dem Zufüttern zu beginnen. Doch wie geht die Gesellschaft mit Frauen um, die öffentlich stillen? Wie beurteilen wir Frauen, die durch den Entbindungsstress nach einem Kaiserschnitt oder schwierigen Geburten nicht stillen können? Was ist, wenn frau aus partnerschaftlichen Gründen oder karrierebedingt nicht stillen will?

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Das Thema Stillen regt nach wie vor zu Diskussionen an. Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer gibt im Interview mit look! Antworten auf wichtige Fragen.



look: Sind Frauen, die nicht stillen, schlechtere Mütter?

Zwiauer: Es ist unbestritten, dass Stillen das Beste für die Entwicklung des Kindes ist. Doch man darf Müttern keinen Vorwurf machen, wenn das Stillen aus irgendeinem Grund nicht funktioniert. Die Zeit sollte vorbei sein, wo gesellschaftlicher Druck auf Frauen ausgeübt wird. Wenn die Entscheidung gegen das Stillen ausfällt, muss das von der Umgebung akzeptiert werden. Bei ausreichender Information und unter Abwägung aller Argumente, was Sinn macht, entscheidet letztlich die Mutter, wie sie ihr Kind ernährt. Manchmal muss auch aus medizinischen Gründen eine Entscheidung gegen das Stillen ­getroffen werden.

 

Gibt es in Österreich Unterschiede in der Stillfreudigkeit?

Die letzte Erhebung zum Stillverhalten in Österreich stammt aus 2006, derzeit ist eine Befragung der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) über Stillen in ganz Österreich im Gange. Ich unterstütze diese Studie, an der alle Frauen teilnehmen können, die im Februar 2019 entbinden werden. Letztlich kommt es allen Müttern zugute, denn wir gewinnen Einblicke in die Säuglings- und Kinderernährung und können wesentliche Grundlagen für zukünftige Verbesserungen im Bereich der Kinderernährung schaffen.

 

Wie hat sich die Stillfreudigkeit über die letzten Jahre entwickelt? Anfang der 1960er Jahre war es weniger üblich zu stillen, Anfang der 2000er Jahre stillten Frauen manchmal 2–3 Jahre lang.

Es gab zweifellos ein Auf und Ab. Anfang der 1960er Jahre hat die Stillfreudigkeit einen Tiefpunkt erlitten. Durch die Bemühungen von WHO, UNICEF, Baby-friendly Hospital Initiative usw. kam es zu einer deutlichen Erhöhung der Stillrate. In manchen Ländern hat die Stillfreudigkeit ein Plateau erreicht bzw. macht sich ein leichter Rückgang bemerkbar. Es war noch nie so leicht, ein Kind, das nicht gestillt werden kann, so gut zu ernähren wie heute. Das soll aber nicht als Argument herangezogen werden nicht zu stillen.

 

Wie lange sollte man im optimalen Fall stillen? Gibt es negative Effekte und Umweltbelastungen durch zu langes Stillen?

In den ersten vier Monaten, bestenfalls sechs Monaten, sollte man ein Baby voll stillen. Ab dem fünften/sechsten Lebensmonat wird empfohlen, weiter zu stillen und mit dem ­Zufüttern zu beginnen. Es gibt keine generelle Richtlinie, wie lange man stillen soll. Wenn Mutter und Kind bis ins zweiten Lebensjahr des Kindes Freude daran finden, warum nicht? Negative Auswirkungen des Stillens auf das Baby im Sinne von Freisetzung von Schadstoffen in die Muttermilch sind unwahrscheinlich. Wenn die Mutter während des Stillens vor allem beim ersten Kind jedoch massiv an Gewicht verliert, dann werden mehr Rückstände aus dem Fettgewebe mobilisiert und freigesetzt. Im ersten Lebensjahr liegt die Nutzen-Risiko-Abschätzung in ­jedem Fall zugunsten des Stillens.

 

Wie ist die Muttermilch zusammengesetzt und wie die Säuglingsmilchnahrung?

Die Muttermilch ist bunt zusammengesetzt: Neben Kohlenhydraten (Milchzucker), Milchfetten und art­eigenen Proteinen sind es zahlreiche ­Mikronährstoffe, also Spurenelemente,lektrolyte, Zellbestandteile und immunologisch aktive Stoffe, die die Muttermilch individuell und einzigartig machen. Es sind tausende Substanzen, deren Wirkung noch nicht restlos geklärt ist. Auch über die drittgrößte Komponente in der Muttermilch, die humanen Milch-Oligosacchariden (HMO) wusste man jahrzehntelang nicht genau Bescheid. Säuglingsmilchnahrung versucht immer mehr, alle Bestandteile der Muttermilch zu integrieren und der Muttermilch nahezukommen. Dennoch werden Säuglingsmilchnahrungen nie die Wertigkeit einer Muttermilch erreichen, aber sie können sich ihr in ihrer Zusammensetzung annähern.

 

Eine aktuelle Studie zeigt, dass ­humane Milch-Oligosaccharide (HMO) das Immunsystem positiv beeinflussen. Welche positiven Wirkungen haben HMO?

HMO sind komplexe Kohlenhydrate, die aus fünf verschiedenen Monosacchariden aufgebaut sind. HMO sind der drittgrößte Bestandteil in der Muttermilch, nur Fett und Laktose haben mengenmäßig einen höheren Anteil. In der Frauenmilch sind bisher mehr als 200 HMO-Strukturen identifiziert worden. Heute wissen wir, dass sie positive Wirkungen auf das Immunsystem des Säuglings haben. Sie sind nützlich als Infektionsprophylaxe, denn ihre Rezeptoren docken an viralen und bakteriellen Erregern von Atemwegs- und Durchfallerkrankungen an. Diese höchst spannende Entwicklung führte dazu, dass heute ­einige HMO biosynthetisch hergestellt werden können, sodass sie mit jenen der Muttermilch strukturidentisch sind. Diese werden bereits hochwertiger Säuglingsmilchnahrung beigemischt.

 

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Welche Rolle spielt das Darmmikro­biom beim gestillten Kind?

Das Darmmikrobiom spielt eine wichtige Rolle für das Immunsystem, von der Infektionsabwehr bis zur Entwicklung des zentralen Nervensystems. Mit neueren molekulargenetischen Methoden ist es gelungen, das Mikrobiom des Darms zu erforschen. Das Wissen um die Bedeutung der Darmflora explodiert nahezu. Die sogenannte „Stuhl­visite“ gab es schon immer, bereits vor 100 Jahren hat man den Stuhl der Kinder angeschaut, heute wird dieser mit ausgefeilten, hochwertigsten molekulargenetischen Methoden „angesehen“. Der Stuhl von gestillten Säuglingen ist aufgrund verschiedener Substanzen ganz speziell und unterscheidet sich vom Stuhl nicht gestillter Säuglinge. HMO in der Säuglingsmilchnahrung fördern ein Mikrobiom, ähnlich dem der gestillten Säuglinge.

 

Hat jede Frau dieselbe Zusammensetzung von HMO bzw. bleibt die Konzentration während des Stillens immer gleich?

Die Menge und die Zusammensetzung der HMO in der Muttermilch sind individuell von Frau zu Frau verschieden. Das Muster ist auch von genetischen und geografischen Faktoren abhängig. Manche Mütter produzieren viel HMO in ihrer Milch, andere aufgrund ihrer genetischen Determinierung weniger. Trotz der ­individuellen Unterschiede gibt es eine gleich verlaufende Veränderung bei ­jeder stillenden Frau: Zu Beginn der Stillzeit wird viel mehr HMO produziert als später.

 

Ist Säuglingsmilch, die mit HMO angereichert ist, sicher und mit der Muttermilch vergleichbar?

Zwei hochwertige Studien haben HMO in der Milchnahrung als sicher und gut verträglich klassifiziert. Die Kinder nehmen gut und ausreichend zu, sie weisen daher ein höchstmögliches Maß an Sicherheit auf.

 

Was genau ist der Unterschied zwischen Präbiotika, die auch in Säuglingsmilch zugesetzt sind, und HMO?

Humane Milch-Oligosaccharide haben keine strukturellen Gemeinsamkeiten mit den Präbiotika, die bisher in der Säuglingsmilchnahrung eingesetzt werden. Präbiotika sind Substanzen, die nicht verdaut werden, aber den Bakterien im Darm als „Futter“ dienen. Die meisten Präbiotika basieren auf pflanzlichen Inhaltsstoffen und sind der Muttermilch zwar ähnlich, aber sie sind keine humanen Oligosaccharide.

 

Vor Kurzem gab es eine heftige Diskussion im Radio zum Thema „Stillen in der Öffentlichkeit“, wohin geht der Trend?

Stillen ist zutiefst normal, physiologisch, und die natürlichste Sache der Welt. Mütter haben normalerweise keine exhibitionistischen Tendenzen, wenn sie in der Öffentlichkeit stillen, sie kommen einem natürlichen Bedürfnis nach. Allerdings wird eine Mutter mit einem 2,5-jährigen Kind am nackten Busen, die öffentlich stillt, wahrscheinlich wenig Akzeptanz finden. Wir alle, unsere Gesellschaft ist aufgefordert, jungen Müttern bessere Möglichkeit zu bieten, damit sie auch unterwegs in Ruhe, ungestört und ­unbeobachtet, ihr Baby stillen können. Dass man zum Stillen eine ­öffentliche Toilette aufsuchen muss, ist meiner Meinung nach in ­unserer Gesellschaft Müttern unwürdig.

 


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Text Christine Dominkus