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People | 01.08.2016

Ich bin Ute, Sozialarbeiterin

Seit fast 30 Jahren setzt sich Dr. h.c. Ute-Henriette Ohoven für die ärmsten Kinder der Welt ein. Ihr Herzensprojekt im Slum von Baraka, Senegal, zeigt, wie man Flüchtlinge in den Kontinenten hält. Die NIEDERÖSTERREICHERIN traf die UNESCO-Sonderbotschafterin in Baden zum Exklusiv-Interview.

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Mama Blond. Ute Ohoven: „Ich arbeite in fast 100 Ländern, habe 486 Projekte gefördert und 1,8 Millionen Menschen in ein besseres Leben geführt.“ (© YOU-Stiftung)

Ute Ohoven, mit der wir einen gemütlichen Heurigen­abend in Sooß verbringen dürfen, ist eine zurückhaltende Frau, die mit großer Freundlichkeit ehrliches Interesse an ihren Gesprächspartnern zeigt, mit feinem Humor und überzeugenden Worten aus ihrem Leben erzählt. Über ihre Familie, die ihr alles bedeutet und ihre Arbeit unterstützt; oder über gemütliche Wochenenden, an denen sie, die gelernte Schneiderin, sich mit einer Tasse Tee und einem Korb an Wäsche, die ausgebessert oder umgeändert gehört, ungestört dem Nähen widmet. Und immer wieder fällt ein Wort: Dankbarkeit.

Alles begann aus Dankbarkeit.

Es war eine harte Zeit für Ute Ohoven, bis sie ihr viertes Kind, Tochter Chiara, gesund zur Welt bringen durfte. Aus tiefer Dankbarkeit darüber entstand ihr nunmehr 30-jähriges Lebenswerk. „Als ich mein Baby gesund zu Hause hatte, ging ich zu einem Benefiz-Dinner. Mein Tischherr war der Chef­arzt der Kinderkrebsklinik. Er erzählte mir, wie schwierig es sei, die Kinder medikamentös einzustellen. Er hätte damals dafür ein Gerät für 90.000 D-Mark gebraucht, und ich sagte spontan: ‚Sie bekommen das Gerät von mir.‘ Ich beschloss da­raufhin, eine Benefiz-Gala zu organisieren, worauf mein Mann fragte: ‚Wer bezahlt das?‘ Ich sagte: ‚Du.‘ Darauf er: ‚Glaubst du, ich bin Rockefeller?‘“ – wo­rauf sie ihn bat, mit ihr die Kinderkrebsklinik zu besuchen. „Nach dem ersten Zimmer sagte er: ‚Ich mache das!‘ Bei dieser besagten Gala habe ich dann das Doppelte der benötigten Summe erreicht, und der Professor konnte zwei Geräte kaufen. Beflügelt von diesem Erfolg erkannte ich, meinen Ruf verstanden zu haben: Ich muss mich in Zukunft für andere Kinder einsetzen. Also begann meine Wohltätigkeit mit meiner Unterstützung für die Behandlung krebskranker Kinder im Universitätsklinikum Düsseldorf und dem Aufbau des ersten Knochenmark-Spender-Registers in Deutschland.“

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Fussball 14 Kinder aus der Mittelschule CEM in Médina Chérif nahmen in Paris am VJW-Master Turnier teil. (© YOU-Stiftung)

Sonderbotschafterin der UNESCO.

„Der damalige Generaldirektor der UNESCO, Prof. Federico Mayor, kam in Paris auf mich zu und sagte: ‚So eine Frau wie Sie brauchen wir, eine, die sich für Kinder einsetzt und die Wirtschaft in Soziales einbindet.‘“, erzählt sie von ihrer Ernennung zur Goodwill-Botschafterin der UNESCO.

„Nach zwei Jahren, in denen ich als erste Frau in die Slums und Kriegsgebiete ging, ernannte man mich zum Special-Ambassador, um bei meinen Einsätzen den Schutz der Regierungen zu erhalten, denn ich war doch in sehr, sehr gefährliche Situationen geraten.“ 21 Jahre lang hat Ute Ohoven die internationale Charity-Gala zugunsten des Programmes „Bildung für Kinder in Not“ veranstaltet. Diese Gala gehörte laut US-Today zu den „Zehn besten Galas der Welt“, auf der sich internationale Weltstars die Ehre gaben. 2012, am Höhepunkt ihres Erfolges, fand die letzte Gala statt, denn „nach all diesen Namen und Spenden gab es nichts Größeres mehr zu erreichen.“ Als UNESCO-Sonderbotschafterin vertritt Ute Ohoven die Werte und die Mission der UNESCO und unterstützt in ihren Projekten die Bildungs-Agenda-2030, die inklusive, gerechte und qualitativ hochwertige Bildung und lebenslanges Lernen für alle fördert. Heute sind wir alle aufgefordert, global zu handeln, die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) zu unterstützen und zu verstehen sowie für eine gerechtere, sicherere und friedlichere Welt für alle einzustehen.

„Meine Arbeit hat mir Reichtum in meinem Herzen geschenkt.“

- Ute Ohoven

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Bildung ist der einzige Schlüssel zum Abbau der Armut und der beste Weg zur Friedensbildung. (© YOU-Stiftung)
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(© YOU-Stiftung)

„It’s about YOU!“, sagte Mutter Teresa in Kalkutta zu Ute Ohoven – und diese nahm es als Aufforderung an. Nach 28 Jahren ehrenamtlicher sozialer Arbeit erweiterte sie ihre Stiftung in eine Dachstiftung, um maßgeschneiderte CSR-Unternehmens-Projekte und Pilotprojekte mit einem WIN-3-Faktor (Benefit für die Begünstigten, für die Länder und für die Sponsoren) zu realisieren. Aus der Stiftung „UNESCO – Bildung für Kinder in Not“ entstand die „YOU – Stiftung Bildung für Kinder in Not“. „Ich arbeite in fast 100 Ländern und habe über 486 Projekte und Programme gefördert und realisiert und circa 1,8 Millionen Kinder, Jugendliche und Mütter in ein menschenwürdigeres Leben geführt. Nach 30 Jahren ist das mein Leben, meine Leidenschaft, und ich darf sagen, ich liebe jedes Kind.“ Und sie kämpft für diese Kinder. So erzählt die Generalkonsulin von Senegal lachend, dass, wenn sie den Präsidenten, Macky Sall, am Handy anruft, dieser leicht verzweifelt sagt: „When you call, I have a problem.“ Ob sie nun schnell Reisepässe für 14 Kinder aus der Mittelschule CEM in Médina Chérif braucht, die sie nach Paris zum „Volkswagen Junior World Masters“ bringen möchte, um ihnen die Teilnahme am internationalen Fußballturnier zu ermöglichen, oder ob sie von ihm ein sehr teures Grundstück in Dakar für ihr Herzensprojekt Baraka „vom Slum zum autarken Stadtteil“ benötigt – Macky Sall ist ein verlässlicher und starker Präsident, und mit guten Argumenten kann man ihn auch überzeugen.

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Engagiert. Ute Ohovens Tochter Claudia Jerger ist Vize-Präsidentin des Kuratoriums der YOU-Stiftung. (© YOU-Stiftung)

Pilotprojekt Baraka.

Im Slum von Baraka hausen 2.000 innerafrikanische Flüchtlinge in Hütten, 70 Prozent der Einwohner sind unter 30 Jahre alt. „Wir mussten etwas tun! Zusammen mit meiner Tochter Claudia bin ich also zum jetzigen Präsidenten und habe ihm unser Projekt vorgestellt. Ich habe ihm gesagt: ‚Wir möchten weltweit aufzeigen, wie man Flüchtlinge davor rettet, nicht mehr auf die Boote zu steigen. Wir dürfen ihnen also nicht nur Häuser bauen, sondern Berufe und damit Zukunft geben. Lassen Sie uns angesichts des aktuell weltweit immer dramatischer werdenden Flüchtlingsproblems ein Pilotprojekt starten und gleich einen ganzen Stadtteil errichten!‘ Er hat sich daraufhin mit seinen Ministern besprochen, und als ich wieder zu ihm flog, sagte ich: ‚Lieber Präsident, ich gehe nicht, bevor ich von Ihnen nicht ein Ja oder Nein bekomme.‘ Nach vier Stunden Beratungen mit den Ministern stand er auf und sagte: ‚Jawohl, Sie bekommen dieses Land für die Armen.‘ Sie glauben nicht, wie glücklich meine Tochter und ich darüber waren! Nun starten wir, brauchen viele Spenden, Partner, Menschen, die Häuser und Ausbildungen spenden und Geschäfte fördern.“ Für das Projekt konnten das Stadtmuseum Düsseldorf und der Bund der Deutschen Architekten (BDA) als Partner gewonnen werden, welche die PBSA (Hochschule für Architektur in Düsseldorf) mit ihren Professoren ins Boot holten. Zusammen haben sie die Häuser entworfen und einen Masterplan erstellt. Der Spatenstich wird voraussichtlich nach der Regenzeit im Herbst erfolgen.

Die Flüchtlingsproblematik an der Wurzel packen.

„Vor drei Jahren konnten wir nicht absehen, dass das ein so brandheißes Thema wird – und jetzt können wir zeigen, wie man Flüchtlinge in den Kontinenten hält. Den Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, müssen wir bei uns eine Heimat anbieten und eine politische Lösung für ihre Not finden. Aber für diejenigen, die aus den Armutsregionen zu uns kommen, müssen wir andere Lösungen entwickeln. Denn ich sehe hier zwei Gefahren: Erstens können wir ihnen nicht das bieten, was sie erwarten, und wir können es langfristig auch nicht finanzieren, somit verlagern wir neue Armutssituationen in unsere Länder – und zweitens blutet das Ursprungsland an jungen Menschen aus. Wenn die jungen Afrikaner gehen, sitzen nur mehr die alten in den Ländern, und dann geht die Wirtschaft noch mehr runter. Das heißt, wir müssen diesen jungen Menschen Bildung und Zukunft geben. Eines ist klar: Selbst im hintersten Busch, wo sie nichts zu essen haben, haben sie Handys in ihren Blechhütten. Sie können nicht schreiben, aber mit dem Internet können sie umgehen, sie sind informiert! Deswegen müssen wir diese Jungen heute anders bilden, sie IT-mäßig auf den neuesten Stand bringen. Sie benötigen eine Qualitätsbildung mit aktuellen und auch innovativen Berufen, dann bringen wir die Wirtschaft voran. Die Menschen können sich als Mikro-Unternehmer entwickeln und werden Geld verdienen, in den Ländern bleiben und ihre Kinder wiederum in die Schule schicken. Der Kreis schließt sich. Das ist unser Bestreben – und auch, dass die Flüchtlinge in Baraka Pässe und Arbeitserlaubnis erhalten, um ein Leben in Würde und mit Zukunft führen können.

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Exklusiv-Talk. Mit NÖ-Chefredakteurin Angelica Pral-Haidbauer (© Melly Melchior)

„When you call, I have a problem.“

- Senegals Präsident Macky Sall

 

Jetset versus soziales Engagement.

Hat Ute Ohoven je bereut, ihr bequemes Leben eingetauscht zu haben? „Ich bin dankbar, dass mein Leben diese Wende genommen hat. Ich stelle es mir grausam vor, zu Hause zu sitzen, und außer zu telefonieren und shoppen zu gehen nichts zu tun zu haben. Das mag für viele genug sein – aber es ist nicht mein Leben. Mit dem, was ich tun darf, tun kann, blicke ich heute auf etwas zurück, was mich mit Freude erfüllt. Ich habe damit meinen Reichtum in meinem Herzen erhalten. Ich bin zufrieden, glücklich und sehe Probleme in meiner Familie als ganz kleine. Das ist das Schönste, was du im Leben erreichen kannst. Ich habe viel mehr zurückbekommen, als ich gegeben habe.“

Infos zu den Projekten: www.you-stiftung.de