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People | 04.04.2016

Vollmundige Rebereien …

Frauenpower in Carnuntum! Christina Netzl aus Göttlesbrunn wurde zur „Winzerin des Jahres 2015“ gekürt. Ein freudiger Anlass, der Weinbäuerin einmal so richtig auf den Rebstock zu fühlen …

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Ein perfektes Winzer-Team. Christina Netzl mit Vater Franz Netzl (©, Regina Hügli)

Herzliche Gratulation, Tina! Ihr Cuvée „Anna- Christina“ wurde im Dezember von der Falstaff-Fachjury aus rund 1.500 Weinen zum besten Wein des Jahres gekürt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Eine große Überraschung und eine noch größere Ehre! Schon der Sieg in der Cuvée-Gruppe war kaum zu fassen, und dann auch noch der Falstaff-Gesamtsieg – wir waren überwältigt. Natürlich ist uns bewusst, dass alle anderen Weine in den Top-Platzierungen von gleich guter Qualität sind und mit Sicherheit jeder davon den Sieg verdient hätte und dass halt doch ein bisserl Glück dazu gehört, es ganz nach vorne zu schaffen. Gleichzeitig sind wir aber wahnsinnig stolz, dass wir diese große Auszeichnung mit unserer doch eher eleganten, feingliedrigen und vielschichtigen „Anna-Christina“ geschafft haben und dass wir diesem Stil seit dem ersten Jahrgang 1999 treu geblieben sind, obwohl der Markt zwischendurch doch eher auf die voluminösen „Kraftlackln“ angesprochen hat.

 

Nach Ihrem Studium Internationales Weinmanagement und -marketing sind Sie sehr jung in den Betrieb Ihrer Eltern, Franz und Christine Netzl, eingestiegen … 

Na ja, so jung war ich nicht! Mit 23 Jahren habe ich neben dem Studium im Weingut mitgewerkt, mit 25 konnte ich mich voll und ganz auf den Betrieb konzentrieren. Ich habe mit meinem Mann viele, viele Weingüter und Regionen besucht und während meiner Praxis bei einem Weinimporteur in London konnte ich international viele Weinstile und unterschiedliche Kundenmeinungen dazu kennenlernen. Das alles hat mir sehr geholfen, meinen eigenen Stil zu finden. Was sind meine Vorlieben, was ist bei uns im Weingut und in der Region realistisch umsetzbar und wo will ich mit unseren Weinen hin? Das ist die wichtigste Entscheidung, die ein Winzer treffen muss, damit er weiß, was er aus den Gegebenheiten der Natur in seinem Weingut schaffen möchte. 

 

Hatten Sie nie Sehnsucht, sich zuerst in der weiten Welt zu profilieren?

Ehrlich gesagt, wollte ich zuerst schon noch ein wenig weg und die eine oder andere Praxis sammeln, aber mein Mann hat mich zu Hause gehalten (lacht). Er ist wirklich sehr jung in sein Weingut eingestiegen und hat sofort die volle Verantwortung für Weingartenentscheidungen und Kellerarbeiten übernommen. Dabei wollte ich ihn auch nicht alleine lassen …

 

Hand aufs Herz – trifft in Ihrem Fall, wo mehrere Generation auf dem Weingut zusammenleben, nicht auch Ihr zeitgemäßes Know-how auf altbewährte Weinbautechniken? Kommt es da auch zu „Rebereien“?

„Rebereien“ ist gut! (Lacht) Natürlich muss Vieles ausgesprochen und diskutiert werden. Ich war ja schon mein ganzes Leben im Weingut, als Kind im Weingarten oder bei Hilfsarbeiten im Keller und natürlich im Verkauf bei den Ab-Hof-Kunden. So ab 14 Jahren war ich auch bei den sensorischen Entscheidungen zur Auswahl der einzelnen Fässer oder der Zusammenstellung der Cuvées dabei – unsere Zusammenarbeit hat also relativ „sanft“ begonnen. Vielleicht ist das Zusammenspiel Vater-Tochter auch etwas einfacher als Vater-Sohn? Für mich funktioniert das sehr gut, und wenn‘s Meinungsverschiedenheiten gibt, gehören die ausdiskutiert. Mein Vater ist aber generell sehr offen für Neues, fragt uns, ob wir nicht hier was verändern oder den einen oder anderen Weingarten erneuern wollen. Oder, wenn mein Mann oder ich eine neue Idee haben, meint er: „Das hab ich in meiner Jugend auch schon mal probiert – hat nicht funktioniert, aber vielleicht schafft ihr es ja, also probiert es!“

 
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Siegerwein: Der zarte Cuvée „Anna-Christina“! (© Manfred Klimek)

Was schätzen Sie so besonders an Ihrem Elternhaus?

Zuerst einmal die viele Liebe und Wärme, die meiner Schwester und mir geschenkt wurde und die jetzt auch meine Kinder bei ihren Großeltern erfahren dürfen. Und das aufrichtige Interesse und die Wertschätzung jedes einzelnen in der Familie. Egal ob beim Mittagessen, nach der Schule oder am Abend, immer fragten sie: „Wie war dein Tag, wie ist es dir  ergangen?“ – und dann durfte ich erzählen, so viel ich mochte, auch wenn es eine Stunde dauerte, wenn mich was geärgert hat … 

 

Ich habe gehört, dass Sie niemals gestresst sind …

Ach so? (Lacht laut) Ich kenne mich selbst schon gestresst! Aber ich habe einen sehr, sehr langen Geduldsfaden und so lange dieser reicht, bin ich sehr ruhig, gelassen und finde auch schnell Lösungen für Probleme. Wenn er aber einmal reißt, dann brülle ich wie ein Löwe, sagt meine Mama. Was mich stresst, ist, wenn etwas nicht so läuft wie geplant. Ich bin sehr genau und möchte immer alles perfekt machen. Wenn mir das nicht gelingt, dann fahre ich eine Runde mit der Quad im Weingarten oder gehe in den Keller Fässer aufrühren und komme als neuer Mensch zurück. Winzer sind für mich ja auch irgendwie Künstler. Man hat ein klares Bild davon im Kopf, was man schaffen will und ich denke, jeder weiß, wie Künstler reagieren, wenn sie dieses Bild in ihrem Kopf nicht umsetzen können.

 

Ein Weinstock ist ja geradezu biblisch heilig. Was bedeuten Ihnen Stock und Rebe?

Die Rebe ist die Grundlage, der Ursprung für all unser Schaffen, für alles, was wir tun und worum sich unsere Gedanken den ganzen Tag über drehen. In unserer schnelllebigen Zeit verliert man dieses Bewusstsein ganz leicht, alles wird selbstverständlich, da ist es wichtig, sich das immer wieder in den Gedanken zu rufen. Gerade durch Wetterkapriolen und die extremen Jahreszeiten, die wir in den letzten Jahren erlebten, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Rebe einfach so wächst und uns Früchte schenkt.

 

In 150 verschiedenen Weinsorten der Weinstraße spiegeln sich die Region, das Klima und der Boden wider. Wie würden Sie Ihre Weine aus Carnuntum charakterisieren?

Klimatisch liegt Carnuntum genau zwischen den kühlen Donauströmungen im Norden und den warmen Einflüssen der pannonischen Tiefeben im Süd-Osten. Weinbau wird hauptsächlich auf dem Arbesthaler Hügelland betrieben, einer Hügelkette aus Donauschotter, nach Süd-Osten geöffnet, und am Spitzerberg. Dadurch sind wir einerseits eine sehr windige Region, zudem prägen die starken Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht unser Kleinklima. Durch diese Bedingungen sind unsere Weine gekennzeichnet von reifer, saftiger Frucht und Tanninstruktur, aber auch knackiger Frische am Gaumen. Das gibt natürlich Finesse und vor allem Charakter; für mich ist es die Aufgabe des Winzers, diese Einzigartigkeit unserer Region und ihrer Böden über die Rebe, die Trauben und den Keller in die Flasche zu transportieren. Natürlich jeder mit seiner eigenen Handschrift.

 

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v.l.: Lena, Peter (Artner), Franz, Tina, Christine, Annemarie (© Caro Estrada-Steiger)

Nicht zuletzt geht es nicht nur darum, exzellente Weine zu keltern, diese gehören auch mit klugem Marketing an den Weinliebhaber gebracht. Wie sehr hat sich das Berufsbild eines Weinbauers geändert? 

Die Veränderung begann schon in der Generation meiner Eltern, als der Winzer vom „(Wein)bauern“ zum „Winzer“ wurde. Die Menschen haben begonnen, den Winzer für seine Weine und somit sein Werk zu schätzen. Das war für mich der größte Schritt – die Anerkennung der Kunden für das, was man tut. Wein wurde vom Getränk zum Genussmittel mit Geschichte. In den letzten Jahren sind natürlich Werbung, Verkauf und Marketing immer wichtiger geworden. Das Gesamtpaket muss passen – man braucht einen USP, um bestehen zu können und nicht austauschbar zu sein. Das ist für die Winzerschaft neu, denn wir sind eigentlich Bauern. Heute muss sich ein Winzer um die gesamte Produktion, den Absatz, und die Verwaltung kümmern – und zuletzt ist auch die Bürokratie in die Weingüter eingezogen. Man kann kaum mehr einen Schritt in Weingarten oder Keller setzen, ohne ihn aufzeichnen zu müssen – das kostet Zeit. Zeit, die fehlt, um selbst im Weingarten zu stehen. Trotzdem darf man den Bezug zum Ursprung, zur Rebe, zum „Bauersein“ nicht verlieren. Nur so schafft man die Bindung zu den Weinen und wirkt authentisch und ehrlich dem Kunden gegenüber.

 

Vor sieben Jahren haben Sie den Höfleiner Winzer Peter Artner aus dem Nachbarsdorf geheiratet. War es für Sie bei der Heirat klar, im elterlichen Betrieb zu bleiben?

Am Anfang war nicht ganz klar, wer was und wo arbeiten wird. Mein Bezug zu meinen Eltern und zum Weingut war immer schon sehr stark und ich wollte das auf keinen Fall aufgeben. Wir haben auch überlegt, ob wir alles zusammenlegen können, aber das hätte keinen Sinn gemacht, da beide „Marken“ sehr stark sind. Als dann der Onkel meines Mannes ins Weingut Artner eingestiegen ist, haben wir entschieden, dass ich im Weingut Netzl bleibe. Die Keller sind und bleiben getrennt, aber im Weingarten arbeiten wir viel zusammen und können Synergien nutzen. Für mich ist es schön, dass ich mich in unseren Weinen verwirklichen kann und er kann seinen Kopf in seinen Weinen umsetzen. Vor allem die Querverkostungen sind spannend und geben tolle Vergleiche und Ideen für Veränderungen. Ein bisschen Wettkampf tut manchmal ganz gut.

 

WORDRAP:

Was wollten Sie als Teenager werden? Werbegrafikerin.

Was trinken Sie, wenn Sie glücklich sind? Ein gutes Glas Wein.

Sagen Sie öfter Ja oder Nein? Eindeutig ja – obwohl mit den Kindern das Nein leider häufiger wird. 

Sprechen Sie mit Ihren Rebstöcken? Manchmal schon, aber nur, wenn mich niemand hören kann.

Was hat zuletzt Ihr Weltbild erschüttert? Die Flüchtlingskrise – vor allem der Umgang der unterschiedlichen Länder damit, und dass man selbst überhaupt nichts wirklich daran verändern kann.

Mit welcher historischen Persönlichkeit würden Sie gerne picknicken? John F. Kennedy.

Welcher Wein wäre im Korb? Eine Flasche Champagner natürlich – J.M. Gobillard & Fils Rosé.

 

Sie haben zwei Töchter, Lena (5) und Anna-Maria (3). Wie schaffen Sie den Spagat Winzerin, Mutter und Ehefrau?

Das ist manchmal eine ziemliche Herausforderung. Grundsätzlich schaffe ich das aber nur mit meiner Familie im Background. In erster Linie ist das meine Mama, da unser ganzer Tag im Weingut stattfindet und die Kinder abwechselnd bei der Oma oder bei mir oder auch beim Opa sind. Bei Abendveranstaltungen und Verkostungen koordiniere ich mich mit meinem Mann und dann habe ich noch meine Schwester Annemarie, die eine großartige, sehr bemühte Tante ist und eigentlich immer für uns da ist, genauso wie meine Schwiegermama. Dazu kommen noch meine Tanten und meine Oma, die auch aushelfen und gerne Zeit mit den Mädls verbringen. Alles in allem geht es nur in der Großfamilie und mit einer guten Organisation, aber die Kinder genießen die Abwechslung und sind viele Menschen um sich gewohnt. 

 

Wird die Zukunft in Ihrem Betrieb weiter „weiblich“ sein?

Ich wünsche mir, dass meine Töchter das frei entscheiden dürfen, ohne zu glauben, dass sie das weitermachen müssen, was Mama und Papa gemacht haben. Sie sollen mit ihrem Beruf und ihrem Leben glücklich werden. Wenn das der Wein ist, dann bekommen sie meine volle Unterstützung; wenn es etwas anderes ist, werde ich mein Bestes geben, um sie auch dabei zu unterstützen. Ich wünsche ihnen für ihr Leben vor allem Glück, viel Freude, Gesundheit und Zufriedenheit, denn es ist nicht immer einfach, zuzulassen, dass man zufrieden ist. Dazu muss man geerdet sein und einen festen Halt im Leben finden – genau diese Wurzeln möchte ich ihnen geben!