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People | 12.04.2016

Natürlich Lederschuhe. Was sonst?

Sie galt als Exotin in Kernhof, wo sie mit ihrem Lebensgefährten den Bahnhof in Werkstätte und Wohnhaus verwandelte. Heute schlüpfen nicht nur Menschen von fern, sondern auch von nah in die nach Maß gefertigten Kunstwerke von Doris Pfaffenlehner.

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WACHGEKÜSST. Die einstige Endstation der Traisentalbahn avancierte zur zauberhaften Maßschuhmacherei. (© Viktória Kery-Erdélyi)

„Der Boden hängt ein bissl durch“, zuckt Doris Pfaffenlehner lächelnd mit den Schultern. „Da muss ich einfach die Beine meiner Werkbänke vorne etwas höher stellen.“ Der Durchhänger sei dem Holzboden verziehen – nach mehr als einem Jahrhundert Treue und nach unzählbar vielen Paar Füßen, die auf ihm gewartet, gestanden haben. Kernhof war einst die Endstation der Traisentalbahn. Für Schuhmachermeisterin Doris Pfaffenlehner hingegen markiert eben dieser Bahnhof einen Anfang. Den ihrer lang ersehnten eigenen Werkstätte – und eines unvergleichbaren Zuhauses für sie und ihre Familie.

Akribie und Demut

Die Liebe zu diesem besonderen Ort in St. Aegyd am Neuwalde ist so frisch wie innig. 2006 war sie mit ihrem Lebensgefährten Bernd Schober beim Wandern auf das verlassene Gebäude gestoßen. Viele Gespräche mit ÖBB und Co. folgten, ehe sie im Jahr darauf den im Dornröschenschlaf schlummernden Bahnhof kaufen konnten. So richtig spannend wurde es aber danach: „Bis auf ein Paar Türen, die meisten ohne Schnalle, war hier alles komplett leer“, erzählt Doris Pfaffenlehner. Da sei ihr auch das eine Jahr, als sie bei ihrem Bruder, seines Zeichens Dachdecker und Spengler ausgeholfen hatte, zugute gekommen. „Wir wollten so viel wie möglich vom Charakter des Bahnhofes retten“, verrät sie, die eigenhändig sämtliche riesige Kastenstockfenster renoviert hatte. „Eine Woche Arbeit pro Fenster“, erzählt sie. Nicht minder beeindruckend die Wertschätzung, die man dem Holzboden im heutigen Esszimmer entgegenbrachte. „Mein Mann hat bei dem Anblick gesagt: ,Ich erkenne Brennholz, wenn ich es sehe’“, lacht die leidenschaftliche Handwerkerin, die ihren Partner, übrigens von Beruf Programmierer, doch umstimmen konnte. Schließlich haben die beiden die Bretter „aufgesammelt“, gereinigt, trocknen lassen, zurechtgeschnitten und -geschliffen und erneut verlegt. Mit ebensolcher Akribie und feinsinniger Demut vor dem Material – darum hier auch der ausführliche Exkurs zu den Renovierungsarbeiten – kreiert Doris Pfaffenlehner Damen- und Herrenschuhe, in die Menschen in Belgien, Deutschland, Frankreich und nunmehr auch aus der Region schlüpfen.

Am Bauernhof

Aufgewachsen war die heute 32-Jährige auf einem Bauernhof mit Schafzucht im Texingtal, Mostviertel. Einst war es ihre Mama, „heute macht meine Schwester den besten Schafkäse überhaupt“, verrät sie. Sie verließ schon früh, bereits mit 14 Jahren – zumindest unter der Woche –, die elterliche Obhut. In Wien besuchte sie die HBLA für künstlerische Gestaltung, wohnte „gut beschützt“, wie sie beschreibt, im Schülerheim bei den katholischen Schwestern. In viele kreative Gebiete schnupperte sie dort hinein, von der Holz- über die Metallverarbeitung bis hin zu Fotografie und Keramik. „Aber nach der Matura wollte ich unbedingt einen Beruf erlernen und den dann so richtig gut beherrschen.“ Die Idee des Schuhmachens war langsam gewachsen, bis sie völlig logisch wurde. „Für mich gibt‘s überhaupt nur Lederschuhe. Woraus sollen denn Schuhe sonst sein: aus Plastik?“, fragt sie provokant.

 
 
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KREATIV BIS IN DIE FUSSSPITZE. Selbst die Jedermänner von Salzburg trugen jahrelang die handgefertigten Schuhe von Doris Pfaffenlehner. (©, Weinfranz)

Bei den Jedermännern in Salzburg

Ihre Lehre absolviert sie beim ehemaligen k & k Hoflieferanten Rudolf Scheer & Söhne in Wien. Im Urlaub in Venedig stolpert sie später über Giovanna Zannellas Schuhmacherei, wo auch Donna Leon maßfertigen lässt. Die Sprache war ihnen zunächst im Weg, die Chemie stimmte sofort. „Mittlerweile kann sie Englisch und ich Italienisch“, schmunzelt Doris Pfaffenlehner, die damals quasi vom Fleck weg ein halbjähriges Praktikum bei der großen Meisterin erhielt. Bis heute ist sie mit ihr freundschaftlich verbunden.

Nach ihrer Heimkehr bewirbt sie sich bei den Salzburger Festspielen – und wird dort prompt für die Schuhmacherei der Kostümwerkstätte engagiert. Abermals wird ihr Können um eine Facette reicher: Sie fertigt goldene Stiefel etwa für das Mozartjahr, Barockschuhe mit Absätzen für die Jedermänner Peter Simonischek und Cornelius Obonya und ein anderes Mal werden apfelgrüne Overkneestiefel geordert. Auch so mancher Solist lässt für sich in der renommierten Werkstätte maßfertigen. „Eine spannende Zeit mit vielen Berühmtheiten“, erinnert sie sich. Noch im ersten freien Winter bereist sie mit ihrem Partner Südostasien – „nur mit dem Rucksack“. Als 2007 das letzte Mal für die Saison in Salzburg der Vorhang fällt, werden die Ärmel hochgekrempelt: Es starten die umfassenden Umbau- und Renovierungsarbeiten in Kernhof. So viel wie nur möglich, macht das Paar in Eigenregie. Doch parallel dazu hält sie bis 2012 Sommer für Sommer den Festspielen die Treue.

 
Natürlich Lederschuhe
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Geduldige Kundschaft

Von den Einheimischen damals noch etwas skeptisch beäugt, öffnet im Frühjahr 2009 Doris Pfaffenlehner die Pforten zu ihrer Schuhmacherei. 40 Stunden Handarbeit stecken im Schnitt in einem Paar Herrenschuhe, 25 in einem Damenmodell. Das günstigste Paar beginnt etwa bei 1100 Euro. Kein unmutiger Schritt damals also, wenn man bedenkt, dass man in einer knapp 300-Seelen-Gemeinde kaum mit Laufkundschaft – vergleichbar mit der Wiener Innenstadt – zu rechnen hat. „Ich bin schon gut organisiert und sicher nicht blauäugig“, betont die ehrgeizige Frau. „Aber ich bin einfach überzeugt: Wenn man etwas wirklich will, dann wird‘s auch was.“

Es ist was geworden. Mehr als das. Von nah und fern kommen nun ihre Kunden zu ihr, „ohne dass ich besonders viel Werbung gemacht hätte“. Sieben bis acht Monate Wartezeit müsse man schon in Kauf nehmen, sagt sie. Nun sprach sie gar einen temporären Aufnahmestopp für Neukunden aus.

Den Maßschuhen liegt ein aufwändiges Prozedere zugrunde: Zunächst werden die Schuhleisten aus Holz gemacht, danach die Probeschuhe angefertigt, ehe die „echten“ Modelle entstehen. „Ich muss nicht nur das einarbeiten, was das Maßband zeigt, sondern auch ganz individuelle Typen: Manche tragen ihre Schuhe lieber weiter, andere lieber enger“, beschreibt sie. Verarbeitet wird nur qualitativ hochwertiges Leder: zumeist für die Herren Kalbsleder aus Oberösterreich und Frankreich, für die Damen feines Kalbs- oder Ziegenleder aus Italien. 

Von Dreikäsehochs und Käseschuhen

Seit ein paar Jahren muss Doris Pfaffenlehners Beruf den Rampenlichtplatz in ihrem Leben teilen. Das hat mit den BesitzerInnen der zauberhaften Maßschuhe im Miniformat in ihrer Garderobe zu tun. Charlotte ist fünf, Anton drei Jahre alt. Das quirlige Duo wächst auch ein bisschen in Mamas Werkstatt auf, ihr Arbeitspensum habe sie aber reduzieren müssen. „Ich mache, so viel ich kann. Aber: Ich hab‘ zum Glück ausschließlich nette, geduldige Kunden.“

Erst kürzlich bildete sie ihren ersten Lehrling aus: Kirsten Sandvoß, nebenher studierte Kostümbildnerin, rockte den Lehrlingswettbewerb sowie den europäischen Contest „Award for the Crazy Shoe“ mit jeweils ersten Plätzen (mit einem Käse nachempfundenen Modell).

Übrigens: Die Vermutung liegt freilich nahe, dass unter der Kundschaft der charismatischen Schuhmachermeisterin sich auch prominente Namen verbergen. Doch dazu schweigt Doris Pfaffenlehner mit einem Augenzwinkern. Ein weiterer Sympathiepunkt.

Info: www.pfaffenlehner.com