Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 16.07.2015

Die Friedensbertha

Wir waren bei ihr Zuhause: Im nö. Schloss Harmannsdorf wo die Friedensnobelpreisträgerin einst lebte

Bild IMG_9052.jpg
"Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegputzen zu wollen – nur Blut, das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen werden." Zitat aus "Die Waffen nieder" (© Repro: Freya Martin)

Text und Fotos: Freya Martin

Wer kennt sie nicht? Bertha von Sutt­ner – die große Vorkämpferin für den Frieden und Pazifismus-Propagandistin, die als erste Frau weltweit im Jahr 1905 den Friedensnobelpreis erhielt. Eine der wohl bekanntesten Frauen und Persönlichkeiten am Vorabend der österreichischen Monarchie, die nicht nur Schriftstellerin, politische Journalistin und Gründerin der Öster­reichischen Friedensgesellschaft war – und das zu einer Zeit, als dies noch absolute Männerdomänen waren –, sondern die auch das Entstehen des pazifistischen Gedankens um die Jahrhundertwende entscheidend mitgeprägt hat.  

Alles für den Frieden!

Wenige wissen allerdings, dass Bertha 17 Jahre lang mit ihrem um sieben Jahre jüngeren Ehemann Arthur von Suttner in Niederösterreich, auf Schloss Harmannsdorf, zwischen Eggenburg und Maissau, lebte. Bis zum Tode des von Bertha innig geliebten Arthurs im Jahr 1902 war Schloss Harmannsdorf Lebensmittelpunkt und primärer Aufenthaltsort des Ehepaars Suttner. Schloss Harmannsdorf war es auch, wo die „Friedensbertha“ ihren weltberühmt gewordenen 1889 veröffentlichten Antikriegsroman  „Die Waffen nieder!“ verfasste und damit dem „Krieg den Krieg“ erklärte. Für uns öffnete Schlossherrin Vera Glawischnig ihre Pforten und ermöglichte uns einen unvergesslichen Rundgang.

Bild DSC00013.jpg
Schlossherrin Vera Glawischnig (© Freya Martin)

Das junge „Komtesserl“

Stigmatisiert war Bertha quasi schon von Geburt an, denn sie war das Ergebnis einer unstandesgemäßen Mesalliance zwischen der blutjungen Sophie von Körner und dem 75-jährigen Grafen Kinsky, der
einige Monate vor ihrer Geburt starb. Die Kinskys zählten damals zu den bedeutendsten und 
hervorstechendsten Aristokratenfamilien Böhmens und die gräfliche Verwandtschaft akzeptierte die junge Witwe mit ihrem Nachwuchs nicht wirklich. Ihr eigener Zwiespalt zwischen Aristokratie und Bürgerlichkeit und die damit verbundene Zugehörigkeit sollten Bertha von Suttner ihr Leben lang als Stigma und Hassliebe verfolgen. 

Nichtsdestotrotz wurde die junge Komtesse ganz im Stile der Zeit und des aristokratischen „savoir vivre“ erzogen; sie lernte Französisch, Italienisch, Englisch und Russisch. Diese Sprachenvielfalt sollte für ihr künftiges Leben und ihre spätere Tätigkeit als Friedensbotschafterin im In- und Ausland noch oft von Vorteil sein. Zudem war sie sehr wissbegierig und belesen, was für die damalige Zeit bereits gewisse emanzipatorische Tendenzen zeigte. Nachdem die ehrgeizigen Pläne von Berthas Mutter, eine gute Partie für ihre Tochter zu arrangieren, scheiterten, musste die schon 30-jährige Bertha eine Stellung als Gouvernante im Haus des Industriebarons Suttner in Wien annehmen. Schicksalshaft, denn genau dort verliebten sich Bertha und der jüngste Suttner-Sohn Arthur Gundaccar ineinander. Knapp drei Jahre lang dauerte die heimliche Liebe der beiden, bis die die Liaison der beiden entdeckt wurde. Bertha wurde aus dem Hause Suttner hinausexpediert und war wieder auf Jobsuche. Sie fand eine Anstellung als Privatsekretärin beim berühmten Dynamit-Erfinder Alfred Nobel in Paris – eine Tätigkeit, die zwar nicht lange währte, da Bertha zurück nach Wien zu ihrem Arthur wollte, jedoch die lebenslange Freundschaft zu Nobel begründete.

Bild DSC00029.jpg
Imposante Frontansicht des Renaissancebaus, dessen Erbauung mit ca. 1610 datiert ist (© Freya Martin)

Heimliche Liebe und Heirat

Heimlich und ohne das Einverständnis der Suttners, heirateten Bertha und Arthur im Jahr 1876 und flüchteten daraufhin in den Kaukasus zur mächtigen und reichen Fürstin von Mingrelien, die ihnen Asyl anbot. Acht Jahre lang dauerte ihr kaukasisches Abenteuer. Arthur war in der Zwischenzeit von seinen Eltern enterbt worden und in finanzieller Hinsicht sah es keineswegs rosig aus. Die beiden Jungvermählten taten das einzige, was sie konnten, um Geld zu verdienen: schreiben. Unter einem Pseudonym begann Bertha in diesen Exiljahren Unterhaltungsromane sowie Kurzgeschichten für diverse Tageszeitungen im deutschsprachigen Raum zu verfassen und legte damit den Grundstein für ihre journalistische Tätigkeit. Auch Arthur publizierte, mehr schlecht als recht, in einigen deutschen Wochenmagazinen. Schließlich kehrte das junge Paar nach Aussöhnung mit Arthurs Familie nach Österreich zurück und ließ sich im niederösterreichischen Familienschloss der Suttners Harmannsdorf nieder, wo es 17 Jahre lang glücklich, allerdings mit stetig wachsenden Geldsorgen lebte. 

Kurz nachdem Arthur Suttner 1902 in Harmannsdorf verstorben war, musste das Schloss inklusive Ländereien wegen der hohen Verschuldung versteigert werden. Die verwitwete Bertha zog zurück nach Wien, wo sie sich mehr als je zuvor in den Dienst der Friedenssache stellte. Unzählige Reisen, Vorträge und Friedenskongresse prägten diese letzten Jahre Berthas. Zwei Reisen führten sie in die USA, wo sie sogar von Präsident Theodore Roosevelt empfangen wurde. Unermüdlich und bis zuletzt predigte Bertha von Suttner ihre Friedensforderungen an die Welt energisch und nachdrücklich. Nur sieben Tage vor den Schüssen in Sarajevo auf den Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau, dem Auslöser des 1. Weltkrieges, starb die große „Friedensbertha“ 1914 wahrscheinlich an den Folgen eines Krebsleidens in Wien. 

Bild DSC00009.jpg
Der aufwändig revitalisierte Schüttkasten, mittlerweile Ort für Konzerte und Veranstaltungen (© Freya Martin)

Schloss Harmannsdorf heute 

Noch immer strahlt Schloss Harmannsdorf den Glanz von Vergangenheit und Geschichte. Seit 1976 befindet es sich in Besitz der Familie Glawischnig. Bei meinem Besuch erzählt die Schlossherrin und studierte Betriebswirtin Vera Glawischnig, wie die Familie in den Besitz von Harmannsdorf kam. Eigentlich eher durch Zufall, da ihr Mann Prof. Dr. Erich Glawischnig als Universitätsprofessor an der Veterinärmedizinischen Universität Wien geeignete Stallungen für seine Schweinezucht und -forschung suchte. Vera Glawischnig war es, die die Annonce in einer Zeitung sah. Man trat mit den damaligen Besitzern, den Grafen Traun, in Verhandlung, und aus dem ursprünglichen Vorhaben, Schweine­stäl­le zu erwerben, wurde ein ganzes Schloss. In der Folge wurde neben der Schweinezucht ein Lehr- und Forschungsbetrieb für Studenten der Veteri­närmedizin eingerichtet und das Schloss sowie Schüttkasten, Orangerie und die weitläufigen Wirtschaftsgebäude peu à peu saniert. 

Erst nach und nach wurde der Familie bewusst, welch historisches Terrain
mit Harmannsdorf erworben wurde. Zwar war das Schloss bereits in den
Jahren des 2. Weltkriegs durch die russischen Besatzer leer geräumt worden, dennoch fühlte sich die Familie der Geschichte Bertha von Suttners
ernsthaft verpflichtet. Im 100-jährigen Jubiläumsjahr 2005 initiierte die Familie Glawischnig ein Symposium mit internationalen Ehrengästen, wie Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, sowie eine Bertha von Sutt­ner-Ausstellung in der Orangerie, die von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer eröffnet wurde. Der Schüttkasten mit wertvoller Secco-Malerei wurde in jahrelanger Arbeit aufwendig revitalisiert und dient nun als Ausstellungsraum und konzertanter Aufführungsort. 

Vor Kurzem konnte ein Ölgemälde der jungen Bertha mit dem enthusiastischen „Ich möchte die ganze Welt verändern“-Blick erworben werden, erzählt die ursprünglich in Bukarest geborene Vera Glawischnig stolz, die eine ebenso starke Frau und Persönlichkeit wie ihre Vorbewohnerin Bertha ist. Tiere spielten dabei immer eine große Rolle in der Familie der Glawischnigs. Zwanzig Jahre und rund 50 Würfe lang züchtete Vera Glawischnig auf Schloss Harmannsdorf Bernhardiner sowie Noriker, Haflinger und Pintos, fuhr Kutschenturniere, verwaltete die Schloss­agenda und zog nebenher drei Kinder groß. Bertha von Suttner bewundert sie, eine wahrhaft „outstanding person“ und engagierte Friedensvisionärin, die man nicht genug hochschätzen kann …

Bild DSC09928 - Kopie.jpg
Das kürzlich erworbene Gemälde der jungen Bertha mit dem "Ich kann die ganze Welt verändern"-Blick (© Freya Martin)