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People | 27.02.2017

Karriere auf Schwarzweiß

Mit vier Jahren startete sie ihre Schachkarriere, errang später mehrfach Weltmeistertitel. Heute lebt Susan Polgar in den USA und fördert mit ihrer Foundation junge Talente. Was ihr der „Outstanding Role Model Award“ bedeutet und warum jedes Kind Schach spielen sollte.

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Weltklasse: Schach-Genie Susan Polgar im Interview (© Stefan Diesner)

Von "Dollar-Läden" und großen Idolen

Zu einer Zeit, als es in Ungarn nur in speziellen „Dollar-Läden“ Barbies zu kaufen gab und eine Tafel Schoko mit der lila Kuh zelebriert wurde wie ein Hochzeitsfest, öffneten sie sich mit Schachfiguren die Pforten zu allen Kontinenten. Von den Eltern daheim unterrichtet und gefördert, bereisten die drei Polgar-Schwestern die Welt. Das Können der Ältesten war schon mit vier Jahren herausragend: Zsuzsanna Polgar besiegte bei einem Turnier mit Elfjährigen sämtliche Kontrahenten.

Nun steht sie vor mir, die mehrfache Schachweltmeisterin – und das Herzklopfen darf sein: Sie ist eine Ikone, eine der spielstärksten SchachspielerInnen der Geschichte – und zwar unabhängig vom Geschlecht. Vom hohen Ross keine Spur. Ein herzliches Du und das Interview in der Muttersprache sind ihr sofort willkommen. Seit den 1990ern lebt die heute zweifache Mutter Susan Polgar in den USA; mit ihrem zweiten Mann Paul Truong betreibt sie an der Webster University in St. Louis, Missouri, das Susan Polgar Insitute für Chess Excellence (SPICE).

Niederösterreicherin: Zsuzsa, du wurdest in Wien mit dem „Outstanding Role Model Award“ ausgezeichnet. Was bedeutet dir das?
Susan Polgar: Ich freue mich sehr über die Anerkennung meiner Arbeit! Sie findet ja nicht nur am Schachbrett statt, sondern vielmehr darüber hinaus – im Engagement für junge Talente.

Bei den „Women of the Year Awards“ von look! und den Bundesländerinnen wurden starke, innovative Frauen vor den Vorhang geholt. Warum braucht es solche Auszeichnungen? Und wie steht es um die Gleichberechtigung?
Nehmen wir Schach als Beispiel, eine von Männern dominierte Sportart. In den Klubs werden Mädchen gar nicht erst ermutigt, es mit Burschen aufzunehmen. Das ist eine größere Hürde, als sich im fairen Wettkampf zu messen. Deswegen gründete ich die Susan Polgar Foundation vor gut 15 Jahren, um vor allem für junge Spielerinnen ein Umfeld zu schaffen, wo sie nicht als zweitrangig gelten. Ich will ihnen zeigen: Wenn du willst und ambitioniert bist, kannst du alles erreichen.

Mit vier Jahren hast du ein Schachturnier gegen Elfjährige gewonnen. Wie hast du das erlebt?
Das war eine Sensation! Ich habe als Kindergartenkind mit der maximalen Punkteanzahl gesiegt.

Wie war das Gefühl, im Rampenlicht zu stehen? War es auch schwierig?
Ehrlich gesagt hat es mich nicht gestört (lacht). Ich musste mich einfach daran gewöhnen, oft dieselben Interviewfragen zu beantworten. 

 

 

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Rückblick: "Meine Kindheit war anders." (© Stefan Diesner)

Du hast selbst die Schachfiguren daheim entdeckt und deinen Vater gebeten, dir das Spielen beizubringen. Also komplett aus Eigeninitiative?
Ja! Papa ist Psychologe und er hatte die Theorie, dass jedes Kind bei entsprechender Förderung zu herausragender Leistung fähig ist. Er suchte nach einer Möglichkeit, das zu beweisen. Das war ein glücklicher Zufall! Papa freute sich über eine Spielpartnerin und bekam die Chance, seine Theorie zu untermauern. Basketballspielen kann nicht jeder, doch bei Schach spielen physische Gegebenheiten keine Rolle. Auch das Geschlecht nicht.

Also kein Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Spiel?
Nein, es gibt keinen! Nur dass es für Frauen schwieriger ist, erfolgreich zu sein. Ich war die erste Schachgroßmeisterin, derer gibt es heute schon mehrere, aber es mangelt an Trainerin­nen. Das sorgt schon für eine Startschwierigkeit für Mädchen. Meine Eltern hätten nie zugelassen, dass ich allein mit einem männlichen Schachtrainer auf Meisterschaften fahre. So geht es auch heute vielen. Und eine Begleitperson bedeutet Zusatzkosten ...
Das größte Problem ist, dass man junge Frauen von vornherein entmutigt. Geht ein Bursch in den Schachklub, ist die Rede von einem neuen Talent. Ist es ein Mädchen, heißt es: Oh, die ist süß, ist sie nicht hübsch?! Viele lassen sich so demotivieren, nehmen Schach nicht ernst, weil auch sie nicht ernst genommen wurden. Gute 90 Prozent hören deswegen auf. Es braucht einen starken familiären Background, um dranzubleiben. Das gilt für viele Männerdomänen.

Ihr wurdet zuhause unterrichtet, habt viel trainiert. Heute sprecht ihr mehrere Sprachen, habt mehrere Diplome. Wie war eure Kindheit?
Seit ich vier Jahre alt war, drehte sich alles um Schach. Ich hörte oft von Freundinnen: „Du hast es gut, dass du so viel reisen darfst!“ Mir war bewusst, dass mein Leben anders aussieht als das der anderen. Einerseits besser, andererseits schlechter. Ich musste auch verzichten. Wenn die anderen ins Kino gingen, trainierte ich oder war bei Wettkämpfen. Später habe ich immer versucht, die Reisen so zu gestalten, dass ich die Städte auch erleben konnte. Das motivierte. In den 1980er-Jahren war es für Ungarn schon ein Traum, einen Ausflug nach Wien zu machen. Als ich 25 war, hatte ich den Großteil Europas gesehen, war von China über Australien und USA bis nach Südamerika gereist.

Kam jemals die Rebellion, die Schachfiguren hinzuschmeißen?
Nein! Vielmehr war es so, dass ich nach all den gewonnenen Weltmeisterschaften das Gefühl hatte, alle Ziele erreicht zu haben. Ich habe mich sehr gefreut, als ich Schachgroßmeisterin wurde und damit eine Gleichberechtigung erreicht und eine künstliche Hürde überwunden habe. Es kam der Punkt, an dem mir klar wurde, dass ich für meine Sportart viel mehr erreiche, wenn ich mit dem aktiven Spiel aufhöre und mein Können, meine Erfahrung auf andere Art und Weise einsetze. 

Deine Vision ist, dass Schach zum Leben jedes Kindes dazugehört. Warum hältst du das für wichtig?
Es fördert das logische, das vor­ausschauende Denken. Sämtliche Denkprozesse werden durch Schach in spielerischer und noch dazu kostengünstiger Form trainiert.