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People | 18.04.2017

Thank you for... Vier Trophäen

Der Abräumer beim Österreichischen Filmpreis 2017: „Thank You For Bombing“ von der in Seibersdorf aufgewachsenen Regisseurin Barbara Eder. Wie eine furchtlose Kreative Drehtage in Kriegsgebieten erlebte und warum ihr Privatleben ein Drahtseilakt ist.

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JOURNALISMUS ALS KRAFTAKT. Manon Kahle als ehrgeizige Kriegsreporterin. Außerdem in den Hauptrollen: Erwin Steinhauer und Raphael van Bargen (© Lotus-Film)

Anfang 30 war das mit dem Kinderkriegen eine Zeit lang präsent. „Aber ich wusste, dann komme ich nicht dorthin, wo ich hinwill“, sagt Barbara Eder, 40. „Ich hätte einen Mann gebraucht, der für meine Karriere reduziert arbeitet oder zuhause bleibt. So einen habe ich bisher nicht getroffen“, lacht sie. Umgekehrte Beispiele, Frauen die zugunsten der Karriere der Ehemänner zurückstecken, gebe es genug, will sie betont wissen.
Dorthin zu kommen, wo die Filmemacherin heute steht, dafür hat sie karge Zeiten in Kauf genommen. Manchmal reichte trotz mehrerer Jobs das Geld für die Miete nicht. Mittlerweile sorgt sie für viel Furore mit ihren Produktionen: Mehrere Preise gab es für den US-kritischen Streifen „Inside America“ 2011 und 2012. In „Thank You For Bombing“ beleuchtete Barbara Eder das Leben von KriegsberichterstatterInnen – vier Trophäen heimste das Drama kürzlich beim Österreichischen Filmpreis ein. Wir trafen die Filmemacherin zum Interview.


NIEDERÖSTERREICHERIN: Wie sind Sie aufgewachsen?
Barbara Eder: Ich hatte eine superschöne Kindheit! Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater hat im Forschungszentrum Seibersdorf gearbeitet. Wir waren nicht reich, aber meine Kreativität haben meine Eltern immer unterstützt. Mit 28 hatte ich ein richtig mieses Jahr, in dem drei Filmprojekte abgesagt wurden. Ich fühlte mich als Versagerin, als ich meiner Mama heulend gesagt habe: Ich gebe auf. Und sie darauf: „Wenn du auch Misserfolge hast, ich bin immer die stolzeste Mama auf der ganzen Welt. Wir kratzen das Geld schon zusammen.“ Mit diesem Rückhalt habe ich es geschafft. So sind meine Eltern, auch meine Schwester, deswegen schätze ich sie wahnsinnig.

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GERÜHRT IM PREISREGEN. Acht Nominierungen gab es von der mit prominenten Filmschaffenden besetzten Jury für Barbara Eders Kriegsreporterdrama. (© eSeL)

Barbara Eder

... wuchs in Leithaprodersdorf und Seibersdorf auf. Sie besuchte das Theresianum in Eisenstadt, war nebenher schon kreativ: Sie machte erste Filme, gründete eine Schülerzeitung und eine Band, malte. Schließlich absolvierte sie an der Filmakademie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien ein Regiestudium. Einige Produktionen: „Thank You For Bombing“, „Cop Stories“, „Blick in den Abgrund“, „Inside America“, „Wir sind Kaiser“, „Wunderbar! – Harald Serafin auf Hoher See“ u.a. Derzeit arbeitet sie unter anderem an einem „Tatort“ und entwickelt gerade einen Kinofilm: eine „bitter-sweet Komödie“, wie sie sagt.

Und jetzt: Acht Nominierungen, vier Preise...
Überwältigend! Es war ein schwieriges Projekt, Dienst nach Vorschrift ging da nicht, alle gaben mehr. Wir haben dann groß gefeiert, Erinnerungen vom Dreh ausgetauscht und über die Menschen in Afghanistan geredet, mit denen wir nun so verbunden sind.


Es war eine intensive Zeit...
Ja! Wir kamen in ein Land, das komplett zerstört ist und fanden so tolle Menschen, denen wir vertrauen konnten, mit denen wir Freundschaften schlossen. Wie mit einem der Stringer (journalistischer Netzwerker, Anm.), der Verbindungen zum Geheimdienst, zu Botschaften hat, der früher selbst Journalist war. Wenn du dann fährst, denkst du: Dieser neue Freund, der bleibt jetzt zurück in diesem Elend.


Wie haben Sie als Frau die Dreharbeiten erlebt?
Wenn Menschen für mich arbeiten, sind das klare Verhältnisse, auch dort. Der Alltag ist eine andere Sache. Eine Schleierpflicht gibt es nicht, aber ich wollte nicht auffallen, also habe ich mich traditionell gekleidet.
Ich habe mich ein Jahr auf Afghanistan vorbereitet, viel von den Journalisten gelernt. Die Taliban sind nicht das einzige Thema. Das Land ist so arm, es geht ums reine Überleben.


Hatten Sie Angst um Ihr Leben?
Ich habe eine intensive Ausbildung bei der deutschen Bundeswehr gemacht und gelernt, wie ich mich verhalte, wenn ich als Geisel genommen werde. Ich wusste, wie weit ich weggehen muss von einem Rucksack voller Sprengstoff. Ich will keine Angst vor dem Leben haben! Aber es war klar: Wenn das Risiko zu hoch wird, wird der Dreh sofort abgebrochen. Das ist auch passiert. Wir mussten alles nach Jordanien transferieren – ein Kraftakt!

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KRIEGSREPORTERALLTAG. Aus „Thank You For Bombing“ – die Preise im Detail: „Bester Spielfilm“ (Produzenten Tommy Pridnig, Peter Wirthenson), „Beste Regie“ (Barbara Eder), „Bestes Drehbuch“ (B. Eder, T. Pridnig), „Bester Schnitt“ (Monika Willi, Claudia Linzer) (© Lotus-Film)

Wie geht all das mit dem Privatleben? Leben Sie in einer Beziehung?
Ich habe immer wieder Beziehungen, auch lange, aber momentan nicht. Ich glaube nur an Beziehungen innerhalb von uns Filmschaffenden. Wer sonst soll mich verstehen, wenn ich bis sechs Uhr morgens an einem Drehbuch schreibe oder monatelang weg bin?


Sie arbeiten in einem Bereich, der stets männerdominiert ist...
Ich wollte nie akzeptieren, dass es einen Unterschied gibt. Doch natürlich habe ich es als junge Regisseurin erlebt, dass man mich nicht ernst nahm. Am Set war es nie eine Frage: Da gibt es eine klare Hierarchie, für meine Arbeit wurde ich immer respektiert. Aber bei der ersten Einschätzung, ob man der Frau Eder nun zwei Millionen Euro in die Hand gibt, spielt es eine Rolle.


Sie lebten eine Zeit lang in Texas –das inspirierte Sie zum Film „Inside America“. Worum geht es dabei?
Der Film spielt an der mexikanischen Grenze, wo der Großteil der Bevölkerung die Hispanics sind. Trotzdem kommt der weiße Lehrer in die Highschool-Klasse und redet vom amerikanischen Traum, davon, dass man alles werden kann. Aber die Menschen dort haben nicht die gleichen Rechte und Chancen! Der Film zeigt, wie mit Minderheiten umgegangen wird, mit Faschismus. Die Trennung war dort klar: Amerikaner oder Hispanic. Da gingen Mädchen nicht in die Sonne, weil sie mexikanischen Ursprungs waren und es dort als hässlich galt, zu dunkel zu sein. Der Film ist sehr Amerika-kritisch; seit Trump gewählt wurde, ist die Anklickrate auf iTunes massiv gestiegen...