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People | 18.09.2015

Die mit dem Wolf tanzt

Wie die Profilerin Lügner entlarvt: Ein packendes Gespräch mit der Gänserndorferin Patricia Staniek

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Als Coach spaziert Patricia Staniek mit Managern durchs Wolfsgehege (© Manfred Staniek)

Taschendiebe meiden sie. „Wenn ich am Stephansplatz unterwegs bin, suchen Kleinkriminelle das Weite“, lacht Patricia Staniek. Die gebürtige Niederösterreicherin ist Profilerin und hat die Gabe bzw. Methoden intus, mit denen sie Handlungsabsichten durch Körpersprache und Mimik zu erkennen vermag. Sie kennen vielleicht US-Serien wie „Mentalist“ oder „Lie to me“? „Die Geschichten drumherum sind meist erfunden, doch die Strategien, Täter zu entlarven, sind durchaus real“, schildert sie. Es gibt 176 offensichtliche Lügensignale, erklärt Patricia Staniek. Wer ihr etwas vormachen will, zieht den Kürzeren, ist sie überzeugt.

Als am 11. September 2001 die Terroranschläge in den USA die Welt erschütterten, meldete sich ein Wissenschaftler zu Wort, der gleichermaßen verblüffte wie polarisierte. „Professor Paul Ekman sagte: Hätte man die Leute etwa am Flughafen entsprechend geschult, wären die Täter aufgefallen. Das ließ mich einfach nicht mehr aus“, erinnert sich jene Frau, deren Hobby seit früher Kindheit darin bestand, Menschen zu analysieren...

Um Lügner zu entlarven, achtet Patricia Staniek etwa auf die sogenannten „Micro Expressions“ (nach Prof. Ekman). Diese Methode basiert auf der Theorie, dass man beim Lügen gar nicht anders kann, als für Bruchteile von Sekunden seine wahren Emotionen zu zeigen. Hier eine durchaus amüsante Serie, bei der Kabarettistin und Schauspielerin Susanna Hirschler die Grundemotionen mimt:

Die acht Grundemotionen
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Echte Freude
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Fake oder Social Smile
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Überraschung
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Traurigkeit
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Angst
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Verachtung
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Ärger
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Ekel oder Abneigung

Der Anfang

Sie war erst drei Jahre alt, als sie Erwachsenen ungemütlich wurde. „Ich liebte es, Familienfeiern zu beobachten. Dann erklärte ich offen, welcher Mann welche Frau sehr gerne mag. Leider waren das nicht zwingend Ehepartner“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Als Jugendliche grübelte sie über jene Menschen, die sich nahe ihres Hauses in Stockerau vor den Zug warfen. „Ich fragte mich, was sie dazu bewegt hatte, wie man diese Suizide verhindern hätte können.“ Für ihr Bestreben, Psychologie studieren zu wollen, sei ihre Mama leider nicht offen gewesen. So wurde sie Sekretärin, arbeitete sich aber rasant in Führungspositionen hoch. Ihr Erfolgsgeheimnis? „Ich konnte Ziele verfolgen und parallel respektieren, dass meine Mitarbeiter Gefühle haben“, sagt sie. „Therapiert“ habe sie diese nie, aber signalisiert, dass sie Verständnis für private Sorgen hat.

Ein Tief als Chance

Nach dem steilen Aufstieg kommt ein Tief: Sowohl die Firma, in der ihr Mann arbeitet als auch jenes Unternehmen, in dem sie tätig war, gehen in Konkurs. Beide stehen ohne Job, mit einem kleinen Kind da. „Es hatte nichts mit uns zu tun, aber wir mussten schnell handeln“, sagt sie. Bestärkt durch ihren Mann, besinnt sie sich wieder auf ihre ursprünglichen Interessen, verschlingt Fachbücher und hält nur wenige Wochen später ihr erstes Seminar zum Thema „Selbstverkauf und Rhetorik“ ab. „Von Didaktik hatte ich damals noch keine Ahnung und trotzdem wurde es ein voller Erfolg.“ Seither hat sie – nunmehr seit mehr als zwei Jahrzehnten selbstständig – unzählbar viele Kurse und Seminare absolviert; da sind sogar welche für Hypnose dabei.

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Patricia Staniek – Coach und Profilerin mit ansteckender Lebensfreude (© Moni Fellner)

Das Profiling

Ein fixer Pfeiler wurden ihre Entwicklungsprogramme für Unternehmen bzw. deren Mitarbeiter. „Ich bringe die Leute zusammen, verwickle sie in oder provoziere sie zu Diskussionen. So bekam ich charmante Spitznamen wie ,die Turbo-Irritatorin’ oder ,der Punk unter den Coaches’“, schmunzelt sie.

2001 beginnt ihr Jugendtraum wahr zu werden: nämlich die dunklen Seiten der Menschen verstehen, analysieren zu können. Nach 09/11 setzt sie alle Hebel in Bewegung, um Professor Ekmans Methoden zu erlernen: in den Gesichtern, der Körpersprache der Menschen zu lesen. Nach ihrer Ausbildung dazu in Deutschland, trägt sie prompt zur Lösung eines Mordfalls bei. „Es wurde mir ein Video in einer mir fremden Sprache vorgespielt. Ich konnte festmachen, was den Kriminalbeamten irritiert hatte“, sagt sie. Jener Polizist aus dem Ausland baut nunmehr seit Jahren auf die Analysen der Profilerin. Und auch hierzulande schätzen Detektive, Bodyguards und Sicherheitsleute ihre Schulungen.

Nun folgt Patricia Staniek auch dem engagierten Lockruf von Marktforschung und Werbebranche. So arbeitet die heute in Gänserndorf lebende Expertin etwa an einem Zeichentrickfilm, in dem Gemüse möglichst authentisch menschliche Gesichtsregungen zeigen soll. Zudem ist die Profilerin ab Oktober Gastdozentin an der Hauptuni Wien am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Ihr Schwerpunkt: Profiling für Marketing und Werbung. Im Detail: Wie wecke ich bestimmte Gefühle beim Kunden, die im Idealfall zum Kauf von Produkten motivieren.

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(© Manfred Staniek)

Die Sache mit den Wölfen

Richtig zum Funkeln bringt man Patricia Stanieks Augen aber mit der Frage nach der Liebe zu Wölfen. Schon als Kleinkind bekommt sie einen Halbwolf geschenkt. „Black und ich waren von Beginn an aufeinander fixiert“, schwärmt sie. Die Vision, eines Tages mit Wölfen zu arbeiten, begleitete sie Jahrzehnte hindurch. Bis zur Eröffnung des Wolf Science Centers (WSC) im nö. Ernstbrunn. Als Zaungast beobachtete sie dort die Forscher. „Das war vermutlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich neidisch war“, gibt sie zu. Sie bleibt vorerst im Hintergrund, saugt sämtliche Eindrücke in sich auf. „Plötzlich war mir klar: Wölfe verhalten sich im Gehege wie Menschen in Organisationen, wie die Mitarbeiter eines Unternehmens. Ich rief Professor Kurt Kotrschal (Gründer und Leiter des WSC, Anm.) an und musste ihm das sofort mitteilen. Er hielt mich vielleicht für verrückt, aber ich durfte trotzdem kommen“, beschreibt sie. „Die Begegnung mit den Wölfen wurde zum absoluten Glücksmoment. Sie ziehen sämtliche Aufmerksamkeit auf sich, man lebt sofort in der Gegenwart, blendet alles aus und genießt den Moment.“ Die ideale Erfahrung für Manager, fand sie und sie bekam tatsächlich das OK vom Forscherteam. Seither pilgert sie regelmäßig mit Führungskräften zu den Wölfen. Das Ziel nach behutsamen Besuchen: die freiwillige Kontaktaufnahme der Wölfe mit ihren Seminarteilnehmern. „Ein stets erhebendes Gefühl.“

Ein solches war für Patricia Staniek selbst übrigens die Auszeichnung für ihr erstes Buch: „Profiling – Ein Blick genügt und ich weiß, wer du bist“ wurde als bestes und beliebtestes Sachbuch mit dem Titel „Buchliebling 2014“ gekürt. Auf ihren Lorbeeren ruht sich die Neo-Autorin aber nicht aus: Sie arbeitet bereits wieder an zwei neuen Werken.

Infos

Patricia Staniek: www.patricia-staniek.com
Wolf Science Center Ernstbrunn: http://www.wolfscience.at