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People | 25.10.2017

Neue Welten

Eine Erfolgsgeschichte geht weiter: NÖKU-Chef Paul Gessl über die Wichtigkeit von Experimenten und der Vision von einem Campus Grafenegg.

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SYMBIOTISCH. „Kultur braucht unternehmerisches Denken, unternehmerisches Denken braucht Kultur“, ist Paul Gessls Credo (im Bild: vor einer Arbeit von Isa Stein in seinem Büro) (© Emmerich Mädl)

Von Museen über Theater, Musik und Tanz bis hin zu Sommerfestivals

Mehr als 30 Kunst- und Kulturmarken sind in der NÖ Kulturwirtschaft, der sogenannten NÖKU-Holding organisiert. Paul Gessl, der gemeinsam mit Al­brecht Grossberger als Geschäftsführer die Geschicke leitet, ist ein Mann der ersten Stunde: 2000 ließ er die Metallbranche hinter sich, um die NÖKU mitaufzubauen. 

NIEDERÖSTERREICHERIN: Was war für Sie ausschlaggebend, in die Kultur zu wechseln?
Paul Gessl: Die Triebfeder, die mir auch bei Bewerbungen wichtig ist: Neugierde, Neues gestalten zu wollen. Ich habe an der Montanuni Leoben studiert, war 15 Jahre lang in der Privatindustrie, wo es um Tonnen, Umsatz und Deckungsbeitrag ging. Somit bin ich ein totaler Querkopf, habe einen ganz anderen Blick auf Kunst und Kultur. Kompliment an mein Heimatland, dass man konkret einen Manager und keinen Künstler für die Position gesucht hat. Wir haben im deutschsprachigen Raum etwas Einzigartiges geschaffen: Keine andere Kunst- und Kulturorganisation ist so divers, so
heterogen, so interdisziplinär aufgestellt – und wirtschaftlich so klar durchdekliniert. Kunst und Kultur brauchen Organisation, klare Entscheidungen, Planungsübersicht; das sind die Kriterien der NÖKU-Erfolgsgeschichte.

Wie entgegnen Sie der Sichtweise, dass Kultur mehr Geld braucht, als sie einbringt?
Ohne öffentliches Commitment können Kunst und Kultur nicht auf einem hohen Niveau umgesetzt werden. Das Land hat uns immer unterstützt, aber ohne Intervention im personellen und inhaltlichen Bereich. Man hat uns Vertrauen geschenkt – und du kannst nur gute Leistung bringen, wenn du Entscheidungsfreiheit hast und Verantwortung übernehmen kannst. Kunst und Kultur sind aber auch klar ein Wirtschafts- und ein Tourismusfaktor und wichtig für die Identitätsstiftung eines Landes. Seit Jahren bemühe ich mich, die Diskussion darüber, was Erfolg in der Kultur ist, von einem rein quantitativen Ansatz über Besucherzahlen und Auslastung wegzubringen; man darf nicht nur nach Quote schielen, es muss die qualitative Diskussion möglich sein: Es muss auch danach bewertet werden, ob Uraufführungen, Auftragskompositionen, das Neue, das Experimentelle, das Überraschende umgesetzt werden.

 

 

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STARK IM TEAM.Mehr als 30 Kulturmarken sind in der NÖKU-Holding organisiert. Gessl: „Wir wollen den Vorteil einer Gemeinschaft betonen.“ (© Emmerich Mädl)

Wie haben Sie die Anfangszeit bei der NÖKU erlebt?
Erst kürzlich wurde ich in einer Diskussion in Wien gefragt: „Wie schafft man es, 15 Jahre Aufbauarbeit im Kunst- und Kulturmanagement so narbenfrei zu überleben?“ – Ganz einfach: Meine Frau ist in der Kosmetikbranche (lacht). Im Ernst: Ich habe mein Lehrgeld bezahlt. Es hat mich auch ein schwerer Bandscheibenvorfall geprägt. Ich bin sechs Tage die Woche unterwegs, identifiziere mich stark mit der Arbeit. Ich musste lernen, bis zu welcher Grenze ich die starke emotionale Komponente meiner Arbeit an mich ranlasse: Ich habe hier nicht mit Maschinen und nicht immer mit wirtschaftlich denkenden Menschen zu tun.

Wie haben Sie den Aufbau der NÖKU vorangetrieben?
Wir haben pro Jahr ein bis zwei Betriebe integriert. Die meisten haben gesagt, sie sind anders, speziell, passen nicht rein. Das verlangte viel Kommunikation und Überzeugungsarbeit. Wir sind eine gemeinnützige Institution, eine Service- und Dienstleistungsgesellschaft für Kunst und Kultur. Die Holding wickelt Finanzielles ab, IT-Beschaffungsprozesse, Personalentwicklung, alles Operative bleibt in den Betrieben. Meine Vision war klar: Kultur braucht unternehmerisches Denken. Unternehmerisches Denken braucht aber auch Kultur. In der zweiten Entwicklungsstufe wollen wir den Vorteil einer Gemeinschaft betonen. Ein Detail: Wir bauen einen Newsroom auf – für einen gemeinsamen Weg im digitalen Kommunikationsbereich.

Grafenegg, wo Sie ebenfalls in leitender Position sind, haben Sie kürzlich als „Baby“ bezeichnet. Welche Entwicklungen liegen noch vor Ihnen?
Das ist eine Erfolgsgeschichte, aber zehn Jahre in der Kultur sind eben eine junge Geschichte. Wir sind nicht elitär, Karten gibt es um zehn bis 144 Euro. Wir verbinden dort Musik und Genuss, Musik und Natur, Musik und Architektur. Grafenegg ist ein Musikstandort, hat mit Proberäumen und Konzertsälen alle Infrastrukturen und die Aura eines Schlossparkes zur Entschleunigung, das zur Kreativität anregt – wie an englisch-amerikanischen Eliteuniversitäten. Ab März 2018 gibt es mit Cottages auch Übernachtungsmöglichkeiten. Das Festival bleibt, aber wir denken weiter: in Richtung Exzellenzförderung und Weiterbildung für junge, hoch talentierte MusikerInnen auf einem Campus Grafenegg.

Apropos Schloss: Auch Sie sind ein Schlossherr?
Ich bin Schlüsselbesitzer (lacht). Wir haben in der Nähe von Hollabrunn eine alte Schule übernommen, die einmal ein Schloss war. Wir wollten immer ein Haus mit Geschichte, da hast du aber die Verantwortung, immer etwas zu tun. Ich sehe das aber als Hobby. Ich spiele nicht Golf, bin kein Jäger. Wenn ich Freizeit habe, und das ist ohnehin selten genug, ist unser Garten mein Regenerationsbecken.

 


Paul Gessl 

... wurde 1961 geboren und wuchs mit vier Geschwistern in Hollabrunn auf. Er studierte an der Montanuniversität in Leoben, arbeitete auf Bohrplattformen und in der Metallbranche, ehe er 2000 Geschäftsführer der NÖ Kulturwirtschaft wurde. In der Holding sind rund 30 Kunst- und Kulturmarken organisiert – mit insgesamt 750 Vollzeitmitarbeitern. Zu Spitzenzeiten – etwa in der Sommerfestival-Saison – werden an die 1.300 Dienststellen abgerechnet. Paul Gessl lebt mit seiner Frau nahe Hollabrunn, sie ist beim Kosmetikkonzern Estée Lauder tätig. Das Paar hat zwei erwachsene Kinder: Die Tochter, 21, entschied sich für den touristischen Zweig und studiert in Madrid, der Sohn, 24, studiert auf der Universität für Bodenkultur in Wien.

 

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IM GESPRÄCH. Mit NIEDERÖSTERREICHERIN-­Herausgeber Josef Rumer und Redakteurin V. Kery-Erdélyi (© Emmerich Mädl)