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People | 22.01.2018

Die Reithalle wird zum Raumschiff

Der achte Österreichische Filmpreis wird futuristisch und spektakulär: Die Klosterneuburgerin Mirjam Unger inszeniert die große Gala in Grafenegg. Wie alles begann, wohin die Reise führt.

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(© Pamela Rußmann)

Ob sie schon einmal geschossen hat, wollten die Polizisten wissen. Es sei eine gute Gelegenheit, es im Beisein eines Ausbilders zu versuchen. Sie zögerte, beschreibt sie. Von Waffen hatte sie davor kaum eine Ahnung, selbst als Kinderspielzeug waren sie daheim tabu. „Da waren hochrangige Beamte und das Filmteam. Blamieren wollte ich mich nicht“, sagt Mirjam Unger, die schon beim Erzählen solch eine Spannung aufzubauen vermag, dass man sich den Atem anhaltend nach einer Auflösung sehnt. „Ich habe mich total konzentriert – und acht Mal ins Schwarze getroffen. Da verging allen das Lachen“, triumphiert die Filmemacherin.

Sie mag es, sich mit Dingen zu konfrontieren, die ganz weit weg von ihr sind. So wie diesmal, als sie die „Am Schauplatz“-Reportage „Frauen an der Waffe“ für den ORF drehte. Dabei begleitete und interviewte sie eine Soldatin, eine Polizistin und eine Jägerin. „Ich verwende das filmische Mittel bewusst, um in Dialog zu treten. Wenn ich das dann herzeige, weitet sich der Dialog hoffentlich aus – sonst driftet man immer weiter auseinander.“ Die Erkenntnis der Klosterneuburgerin diesmal: „Ich hatte das Gefühl, dass Frauen einen sehr unaufgeregten Umgang mit der Waffe haben – und dass die Waffe weniger mit dem Selbstwert gekoppelt ist, als vielmehr mit der Aufgabe, die sie übernehmen.“

Fenster in andere Welten. Den Künstlernamen Jamie Joseph hatte Mirjam Unger als Kind kreiert; in ihrer Fantasie malte sie sich aus, eines Tages in die USA zu gehen, um Actionfilme zu machen. Der Fernseher und das Kamerakino in Wien-Währing mit den roten Plüschsitzen waren für ein Mädchen, das gut behütet aufwuchs, das Fenster in andere Welten. „Filme haben mich genährt“, sagt sie. Ihre Oma erkennt früh die kreative Sehnsucht der Enkelin und schenkt ihr einen Fotoapparat. „Meine filmische Annäherung geschah somit über die Fotografie – mit meiner kleinen Yashica, meinem Heiligtum.“ Das Berufsbild einer Filmemacherin ist zunächst nicht greifbar, sie wird Journalistin, macht unter anderem die Ö3-Sendung „Zick Zack“. Es folgen erste TV-Reportagen für das Jugendformat „X Large“ und FM4-Radiosendungen – und mit 23 der Start an der Filmakademie. Christoph Grissemann gibt damals in ihrem Aufnahmeprüfungsfilm den Hauptdarsteller, gut zwei Jahrzehnte später holt Mirjam Unger den FM4-Kollegen und Freund in ihren Spaceshuttle in Grafenegg – als Moderator für eine besondere Gala.

Science Fiction. Seit 2016 sorgt sie im In- und Ausland mit „Maikäfer flieg“ für viel Furore: Die Akademie des Österreichischen Films zeichnet ihre Christine Nöstlinger-Romanverfilmung mit zwei Preisen aus (Beste Tongestaltung, Bestes Kostümbild). Als der Film zuletzt im ORF-Hauptabendprogramm ausgestrahlt wurde, schauten 700.000 Menschen zu. Nun inszeniert Mirjam Unger selbst den achten Österreichischen Filmpreis – im Jänner 2018 in Grafenegg. „Diese Gala ist meine erste Bühnenarbeit“, sagt sie und sprüht Funken der Vorfreude. „Mein Ansatz ist Humor! Ich möchte, dass gelacht wird.“ Als große Ehre empfindet sie es, gefragt worden zu sein. Also schart sie die besten Leute um sich, sagt sie. Zu ihnen zählt Szenenbildner Conrad Reinhardt, die Kostüme machen die renommierten Modeschöpfer Helga Ruthner und Hermann Fankhauser alias „Wendy & Jim“, die schon Rihanna und Kim Kardashian einkleideten. Denn es wird ein Motto geben. „Ich möchte eine Science Fiction-Gala machen!“

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AUDITORIUM GRAFENEGG. Die Gala avanciert heuer zur Fantasiereise (© Viktor Brazdil)
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AUDITORIUM GRAFENEGG. Die Gala avanciert heuer zur Fantasiereise (© Oliver Oppitz Photography / KGP Productions)

Die Vision. Das Kopfkino startete schon bei der Begehung in Grafenegg: „Conrad (der Szenenbildner, Anm.) und ich fanden, dieser große, ehrwürdige Konzertsaal sieht aus wie ein riesiges Raumschiff. Unser Motto ist ein Plädoyer für mehr Fantasie, dass wir nicht nur realistische Filme haben, sondern auch die Möglichkeit, Welten zu erschaffen.“  „Gudrun Von Laxenburg“, deren Mitglieder ohnehin in futuristischen Kostümen auftreten, serviert den musikalischen Part, als Co-Autor lud Mirjam Unger Mathias Zsutty ein, einen Pointenjongleur, der für die ORF-Comedysendung „Willkommen Österreich“ schreibt. Und moderiert wird die Gala eben von Christoph Grissemann und Schauspielerin Hilde Dalik. „Bei den ,Vorstadtweibern‘ haben sich die beiden ,gefunden‘ – und hatten dort backstage schon einen Wahnsinnsschmäh.“
Parallel wird freilich auch filmisch ehrgeizig gearbeitet. Mirjam Unger und Sandra Bohle, ihre „Maikäfer flieg“-Co-Autorin, schreiben gerade am Drehbuch einer Köhlmeier-Verfilmung. Als Vorlage dient der Roman „Das Mädchen mit dem Fingerhut“. „Was mich dabei besonders freut: Wir bekommen Unterstützung von der Europäischen Filmförderung. Es würde mir wahnsinnig gut gefallen, mit dem Film die Grenzen von Österreich zu sprengen“, sagt sie. Auch im Fernsehen bahnt sich die Öffnung einer neuen Tür an: Erstmals könnte die Niederösterreicherin einen Krimi inszenieren – und zwar einen Landkrimi Tirol aus der Feder „ihrer“ Kamerafrau Eva Testor („Maikäfer flieg“).

Mirjam Unger

… wurde 1970 in Klosterneuburg geboren. Sie startet 1989 als Journalistin und Präsentatorin beim ORF
(„X Large“); ab 1995 moderiert sie die regelmäßigen FM4-Sendungen „Connected“ und „Homebase“. An der Filmakademie Wien studiert sie Regie, seit 2000 ist sie freie Regisseurin und Autorin für Kino und Fernsehen. Einige wichtige Arbeiten: „Viennas Lost Daughters“, „Oh Yeah, She Performs“, „Meine Narbe“, „Maikäfer flieg“. Mirjam Unger ist Mama einer 22-jährigen Tochter. Sie und der Schauspieler, Autor, Kabarettist und Musiker Gerald Votava sind seit 17 Jahren ein Paar, gemeinsam haben sie einen 15-jährigen Sohn. Die Familie lebt in der Nähe von Klosterneuburg.