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People | 20.02.2018

„Man braucht eine dicke Haut“

Sie half in Brasilien, junge Frauen von der Straße zu holen. Heute leitet Susanne Raab die Sektion „Integration“ im Außenministerium – und ist die jüngste Sektionschefin Österreichs. Wie es ihr gelingt, bei diesem emotionalisierenden Thema kühlen Kopf zu bewahren.

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(© Armin Muratovic Fotografie)

Die Regierung ist noch „jung“, ein paar Demonstranten bringen sich vor der Mi­noritenkirche in Stellung. Susanne Raab überblickt das Geschehen aus ihrem Bürofenster. „Irgendwie ein beklemmendes Gefühl“, merkt sie kurz an. Die gebürtige Oberösterreicherin bekleidet im Außenministerium kein politisches Amt. Sie ist Sektionschefin. Und zwar mit ihren 33 Jahren die jüngste in Österreich. Es ist die Sektion „Integration“, die sie leitet. Sie kletterte ebendort konsequent die Karriereleiter hoch; sie hat es gelernt, bei dem Thema, das so stark emotionalisiert, kühlen Kopf zu bewahren. Das Aufgabengebiet kurz auf den Punkt gebracht: Ihr Team entwickelt, fördert und koordiniert Projekte und Strategien, die der Integration dienen sollen.

Widersprüche inklusive. Beschlüsse über flächendeckende Maßnahmen fasst die Politik. Immer wieder stehen ebensolche im Kreuzfeuer öffentlicher Kritik. Doch selbst auf diese angesprochen, bleibt Susanne Raab sachlich. „Es ist eine große Herausforderung, sowohl die Mehrheitsgesellschaft abzuholen, als auch die Zuwanderer zu fördern“, erklärt sie. Es sei kein „Elfenbeinturm-Ministerium“, in dem sie arbeitet, betont sie. „Wir schauen uns Kurse, Bildungseinrichtungen und Projekte vor Ort an, um zu sehen, wo der Schuh drückt.“ Manchmal gehen Schicksale sehr nah und sie erlebe auch, „dass es oft im Widerspruch steht, was für den Staat und was für den Einzelnen am besten ist“. Eine dicke Haut brauche es jedenfalls, sagt sie, die jüngst selbst bei einer TV-Diskussion um das sogenannte Verhüllungsverbot besonnen ihre Argumente vorbringt. Mit der Abgrenzung zwischen Privatem und Beruflichem habe sie schon noch zu tun, gibt sie zu. „Tür zu und hinter mir die Sintflut geht nicht. Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man etwas mit Herz macht.“ Umso dankbarer sei sie täglich ihrem Mann, der die Ruhe in Person sei und ein wunderbarer Zuhörer.

Gefährliche Mission. Aufgewachsen ist Susanne Knasmüller, so ihr Name vor der Hochzeit 2017, im Reiterdorf Ampfl­wang im Hausruckwald. Sehr naturverbunden und hoch zu Ross, versteht sich. Ihre Mama, eine gelernte Krankenschwester, widmete sich der Familie, der Vater war in der Immobilienbranche tätig. „Sie hatten nicht studiert, wollten uns aber alles ermöglichen“, ist sie dankbar. Beide Schwestern absolvierten jeweils gleich zwei Studien. Bei Susanne Raab waren es Jus und Psychologie. „Ich wusste nicht, wohin die Reise geht; ich habe mich nach Interesse entschieden“, blickt sie zurück.
Unbeirrbar verfolgt sie ihre Ziele bereits mit Anfang 20. So erfährt sie von einem oberösterreichisch-steirischen karitativem Projekt in Brasilien: einem Frauenhaus, das sich darum bemüht, Mädchen von der Straße, aus der Prostitution zu holen. Sie lernt Portugiesisch und während ihre Eltern aus Sorge noch darauf hoffen, dass sie die Teilnahme an der nicht ungefährlichen Mission aufgibt, packt sie schon die Koffer. „Diese Zeit hat mich sehr geprägt.“ Bis heute unterstützt sie das Projekt. „Und immer, wenn ich mit Problemen belastet bin, denke ich an diese Mädchen und hole mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Diese jungen Frauen haben selbst in der schlimmsten Not versucht, glücklich zu sein.“ Ein halbes Jahr verbringt sie dort, während des Studiums folgen zahlreiche Praktika im Ausland, etwa in einer Rechtsanwaltskanzlei in Bukarest.

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(© Armin Muratovic Fotografie)

„Tür zu, hinter mir die Sintflut geht nicht, wenn man etwas mit Herz macht.“ - Sektionschefin Susanne Raab

 

Abends einfach Susi. Später wird sie Universitätsassistentin am Institut für Zivilrecht in Innsbruck. „Die Unterrichtstätigkeit habe ich sofort geliebt, auch das wissenschaftliche Arbeiten. Ich wollte Professorin werden, letztlich habe ich aber die Arbeit im Team vermisst – und die Möglichkeit, direkt etwas bewirken zu können.“ Es ist ihr Interesse für Menschenrechte, das sie nach Wien ins Innenministerium führt, bevor sie 2011 ins Außenministerium wechselt.
Die Liebe fällt nach Niederösterreich, wo sie heute in einer kleinen Gemeinde nahe Himberg lebt. „Ich liebe es abends zum Heurigen zu gehen, die Landschaft und die Tatsache, dass ich dort nicht die Sektionschefin, sondern einfach die Susi bin.“ Themen, die sie tagsüber beschäftigen, versucht sie im Familien- und Freundeskreis außen vor zu lassen. „Andererseits interessiert es mich auch sehr, wie mein privates Umfeld darüber denkt. Somit bleibt es stets eine Gratwanderung.“
Integration sei eine Sisyphusarbeit, denkt sie jedenfalls selbst. „Es gibt immer viele Rückschritte, die Schritte vorwärts sind sehr klein und die Erwartungen sehr groß.“ Auch die von Ehrenamtlichen beispielsweise, denen sie großen Respekt zollt, die aber ebenso geschult werden und deren Arbeit auch mit öffentlichen Stellen koordiniert werden muss. Dass es gelingt, die Lage schnell zu überblicken und rasch Entscheidungen zu treffen, führt sie auf die Kombination aus ihrer juristischen und psychologischen Ausbildung zurück. „Ich bin aber keine One-Woman-Show; in der Sektion arbeitet ein ehrgeiziges Team mit rund 40 Leuten“, sagt Su­sanne Raab. „Es gibt Führungskräfte, die sich von guten Leuten einschüchtern lassen. Ich aber halte es mit dem Ratschlag von Papa: Hol‘ dir die Leute, die in den Bereichen, in denen du es brauchst, besser sind als du.“

Neue Brille. Noch vor ein paar Jahren hätte sie sich kaum vorstellen können, in den öffentlichen Dienst zu gehen. „Allerdings hatte ich auch nicht erwartet, dass die Arbeit hier so dynamisch sein kann“, lacht die Sektionschefin, die das Uni-Leben nicht ganz aufgab. Mit großer Leidenschaft geht sie parallel ihrer Lehrtätigkeit an der Donau Universität Krems nach. Ein Job, von dem beide Seiten profitieren, ist sie überzeugt. Während die Studierenden etwa brennend daran interessiert seien, vor welchem Hintergrund der Staat Entscheidungen trifft, „bekomme ich von den jungen Leuten immer wieder eine neue Brille aufgesetzt: einen wertvollen neuen Blick, der wiederum neue Denkprozesse anregt.“