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People | 21.03.2018

„Brav waren wir nie“

Sie genossen viel Freiheit, viel Natur und drehten von Kindesbeinen an gemeinsam Filme. Die Szyszkowitz-Schwestern über ihren Start ins Leben, ihre Revoluzzer-Mama und was es mit den „glorreichen Halunkinnen“ auf sich hat.

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Viel LIEBE, Viel SPASS, starker Zusammenhalt. Gwendolin, Aglaia, Roswitha und Cornelia Szyszkowitz (v. l.). (© Vanessa Hartmann)

Vier Schwestern an einem Tisch. Vier selbstbewusste Frauen mit umwerfender Ausstrahlung. Vier Mütter. Vier Ehefrauen. Und gleich zum Einstand: Herzhaftes Gelächter, als ich triumphierend – mit ungarischem Background – den Familiennamen völlig falsch ausspreche. Richtig, weil polnischen Ursprungs, sagt man nämlich „Schischkowitz“. Das Bauchkribbeln, der rote Interview­faden könnte unter einen der Tische im wunderschönen Café Ritter in Wien-Ottakring rollen, ist berechtigt. Das tut er bald auch, aber mit den Szysz­kowitz-Schwestern wird jedes Thema ein fesselndes Abenteuer …

Cornelia: Da ist sie!
(Aglaia kommt wegen einer Zugverspätung aus München ein paar Minuten nach ihren Schwestern an.)
Aglaia: Grüß Gott schön! Naaa, die Schwestern?! Super, da rutsch i mal eini. (Freudestrahlen, Bussis)


Niederösterreicherin:  Alle Schwestern an einem Tisch, obwohl ihr verstreut lebt. Wie oft seht ihr euch?
Roswitha: Zu selten. Wenn große Familienfeste sind, runde Geburtstage, eine goldene Hochzeit … Zu Weihnachten und Ostern treffen eher Teile aufeinander.
Gwendolin: Weil wir nicht mehr alle in das Haus unserer Eltern in Graz reinpassen. Zu meinem 40er im Juli sehen wir uns alle wieder.

Die Szyszkowitz-Schwestern

… haben alle geheiratet, aber ihre Mädchennamen behalten; nur Tierliebhaberin Gwendolin hat im Tausch für ein Pferd – wie sie lachend erzählt – mit einem Doppelnamen auch den Namen ihres Mannes angenommen. Sie ist mit 39 Jahren die Jüngste, ist Mama von Lola, fünf, und Louise, ein Jahr. Gwendolin Szyszkowitz-Schwingel leitet ihre eigene Filmproduktionsfirma und lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. Roswitha Szysz­kowitz, 45, hat eine Schauspielausbildung absolviert und spielte viel am Theater. 

Die Mama von Lucia, elf, Alma, neun und Wendelin, sechs, sattelte vor einigen Jahren um und ist heute Hauptschulpädagogin in Mödling, wo sie auch wohnt. Cornelia ­Szyszkowitz, 47, hat Psychologie studiert, ist Nachhaltigkeitsexpertin in einem Telekommunikationsunternehmen und Mediatorin. Sie lebt mit ihrer Familie – Laurin ist elf, Aurel ist acht – in Bonn. Die in der Öffentlichkeit Bekannteste ist Aglaia Szysz­kowitz, 50. Die Schauspielerin ist in München zu Hause und Mutter von Frederic, 19, und Samuel, 14.

Vier Mädchen unter einem Dach. Wie war eure Kindheit?
Cornelia: Lustig! Wir haben die ersten Jahre in Hannover verbracht, Witti ist auch dort geboren (so wird Roswitha genannt, Anm.) und kamen erst später nach Graz zurück.
Aglaia: Ich habe zur Vorbereitung auf meinen 50er in meinem Tagebuch gelesen: Wir waren viel draußen, haben mit unseren Eltern viel unternommen. Eine liebevolle, schöne Kindheit.
Roswitha: Und das Beste war, dass unsere Eltern viel unterwegs waren. Ich hatte einmal eine Prüfung zwischen 4 und 5, da habe ich der Lehrerin gesagt, dass ich nicht lernen konnte, weil meine Eltern nicht da sind und meine älteste Schwester jeden Abend Party macht (alle lachen).
Cornelia: Da war auch relativ wenig Druck im Schulischen; es galt: Hauptsache Matura. Wir waren freiere Kinder, als es in Österreich üblich war. Damals hieß es: Die guten Kinder sind die, die man nicht hört. Das waren wir nicht.
Roswitha: Unsere Eltern waren auch stolz darauf; sie wollten sicher nicht, dass wir brav sind.
Gwendolin: Unsere Mutter erzählt selbst gerne, dass Aglaia einmal mit einer Strumpfhose auf dem Kopf in die Schule wollte – und sie hat sie gelassen.
Roswitha: Moment, das war ich! Ich wollte blonde Zöpfe, damit mich der Prinz heiratet, also habe ich mir eine gelbe Strumpfhose aufgesetzt.
Gwendolin: Das würde ich meiner Tochter nicht erlauben; aber Mutti fand das antiautoritär und frei.
Cornelia: Sie war eine Revoluzzerin. Sie hat bei uns in der Volksschule den Elternverein gegründet und sich für uns eingesetzt. Wir hatten auch nie die Vorgabe, einen bestimmten Beruf ergreifen zu müssen. Auch wenn sich in der Medizinerfamilie wohl alle gefreut hätten, wenn wir Medizin studiert hätten. Aglaia hat es auch probiert …
Aglaia: Ein Jahr, dann habe ich aufgegeben.


Wofür habt ihr euch letztlich entschieden? (siehe auch Kurzbios, Anm.)
Aglaia: Also ich bin Tierärztin (alle lachen, schließlich ist sie die bekannte Schauspielerin).
Gwendolin: Ich habe eine Produktionsfirma und mache Dokumentar- und Unternehmensfilme. Ich mache alles, was hinter der Kamera passiert. Vor der Kamera ging es für mich nicht; ich habe früher schon Lachkrämpfe gekriegt, wenn wir gemeinsam Filme gedreht haben.
Aglaia: Das machen wir noch immer!
Roswitha: Zu großen Festen gibt es Filme, Theaterstücke …
Cornelia: Musikvideos oder Bücher.
Aglaia: Unser erster Film war „Die glorreichen Halunkinnen“.
Gwendolin: Aglaia war die Kühne, Cornelia die Böse, Roswitha war die Fromme und ich die Schöne. Die Fromme sollte auf mich aufpassen, ich wurde trotzdem von der Bösen entführt – und die Kühne rettete mich.


Roswitha, du warst Schauspielerin und bist heute Pädagogin. Wieso?
Roswitha: Ich habe das Theater bis heute sehr, sehr gerne. Diese alten, schönen Texte. Als ich mein erstes Kind bekam, dachte ich mir: Wir – mein Mann ist Kameramann – sind beide freischaffend und wollen mehrere Kinder, das geht sich irgendwann nicht aus. Da hatte ich von heute auf morgen das Bedürfnis, noch einen Beruf zu lernen. Heute bin Hauptschullehrerin und es ist viel schöner, als ich je gedacht habe. Obwohl dieser Beruf so anstrengend ist, ist er so schön, weil ich Kinder unterstützen und begleiten darf, weil ich jeden Tag weiß, dass das wichtig ist, was ich tue.


Eure Mutter, eine renommierte Psychotherapeutin, euer Vater, ein bekannter Unfallchirurg. Habt ihr diese Bekanntheit als Kinder gespürt?
Cornelia: Wir hatten einen Großonkel, der Maler war, ein Onkel war beim Fernsehen … Dass der Name so bekannt ist, war ab einem gewissen Alter gar nicht so schön. Das ist einer der Gründe, warum wir jung aus Graz weg sind. Immer wenn wir den Namen gesagt haben, hieß es: „Ah, bist du verwandt …?“ – Ja, sind wir. Alle Szyszkowitz sind miteinander verwandt (lacht).

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FILMREIF. Die schönen Szyszkowitz-Schwestern im Familienalbum: Cornelia, Roswitha, Gwendolin, Aglaia (v. l.) (© privat)

Außer Roswitha, die in Mödling zu Hause ist, lebt ihr heute alle in Deutschland. Sehnsucht nach Österreich?
Gwendolin: Das Nachhausekommen ist immer etwas Besonderes; da ist es schon schön, durch die Straßen von Graz zu gehen …
Cornelia: … und den Kindern alles zu zeigen.
Aglaia: Da ist schon eine Sehnsucht, nach Österreich im Allgemeinen. Gerade jetzt bin ich auch etwas zwiegespalten: Unsere Eltern werden älter – es wäre so viel schöner, wenn zumindest eine von uns vor Ort wäre.
Cornelia: Wir versuchen, uns so zu organisieren, dass wir sie gut unterstützen und sie oft in Graz besuchen.


Gibt es kreative Projekte, die euch verbinden?
Aglaia: Wir haben gemeinsam ein Kinderbuch geschrieben.
Gwendolin: Es heißt: „Schmutz, sagt der Utz, ist der beste Sonnenschutz“.
Roswitha: Es geht um Schwestern, die ihre Kinder ganz unterschiedlich erziehen: Die eine hat einen Pferdehof und die Kinder sind Dreck gewöhnt.
Aglaia: Die andere wohnt in der Stadt und steckt ihr Kind in einen Ganzkörper-Sonnenschutz-Anzug. Da geht es um überbehütende Eltern. Dann müssen sich die Cousinen einen Tag am Pferdehof allein durchschlagen und erleben viele Abenteuer …
Gwendolin: Fotografiert hat dafür Christian Jungwirth unsere Kinder.
Aglaia: Das Buch ist jetzt fertig und wir sind offen für einen Verlag!


Wie seid ihr als Mütter?
Roswitha: Meine Kinder dürfen viel! Auch gefährliche Dinge machen wie alleine in den Wald oder im Dunkeln allein zum Turnen gehen. Das ist ja schon ganz unüblich.
Aglaia: Da ist eine Hysterie unter den Eltern; die Angst hat zugenommen.


Ihr habt keine? Warum nicht?
Aglaia: Weil unsere Eltern uns in die Welt hinausgeschickt haben und gesagt haben: Das schaffst du!


Was ist schön am Älterwerden?
Roswitha: Wir sind doch nicht älter geworden!
Aglaia: Boah, das ist eine Unverschämtheit! (alle lachen) Im Ernst: Der Blick weitet sich. Mit 40 war ich mittendrin, hab‘ mich um mich selbst, Job und Kinder gedreht. Mit 50 sieht man das Leben aus einem neuen Blickwinkel, weil man Zeit für sich zurückbekommt. Man hat große Kinder und begleitet die Eltern in oft umgedrehter Rollenverteilung. Das ist schön, aber nicht immer leicht. Man sieht mehr die Entwicklung der Dinge. Man erkennt klarer, was man mag und was nicht, mit welchen Menschen man Zeit verbringen will, mit welchen nicht. Das empfinde ich als bereichernd und beruhigend.

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(© Luna Filmverleih)

KINOTIPP:

Aglaia Szyszkowitz, Devid Striesow und Erwin Steinhauer ringen in einer schauspielerischen Meisterleistung um eine Ehe. Michael Kreihsl adaptierte David Glattauers Erfolgsstück „Die Wunderübung“ für die Kinoleinwand. Wir finden: eine grandiose Dramödie voller unerwarteter Wendungen.