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People | 19.04.2016

Von Aggsbach Dorf nach Downtown LA

„Home is where your story begins“ – heißt es so schön. Dass die Geschichte der Kerstin Lechner sie von der Wachau aus nach Hollywood führte, wo sie gerade an der Seite von Jake Gyllenhaal und Amy Adams einen Tom Ford-Film drehte – das ist ein Traum. Der wahr wurde.

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(© Dondee Quincena)

Ein American Dream. Aufgewachsen in Aggsbach Dorf in der Wachau, wo ihre Eltern die schöne Gasthof-Pension „Zur Kartause“ betreiben, hieß es für Kerstin und ihren jüngeren Bruder Stefan schon früh, im Familienbetrieb mitzuhelfen. Ein geborgenes Elternhaus, der Besuch der Modeschule in Krems –die Zukunft vorgezeichnet. Hätte ihr da nicht die TV-Serie „Baywatch“ eine tiefe Sehnsucht nach „mehr“ ins Herz gelegt. Mit einigen Fotos in der Tasche stellt sie sich – noch mit Zahnspange – beim internationalen Model-Agenten Wolfgang Schwarz vor, den sie nicht zuletzt mit ihrer bodenständigen Art überzeugen kann. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit entwickelt sich, sie werden Freunde. Eine Freundschaft, die auch die Distanz von nahezu 10.000 Kilometern aushält. 

Bald schon steht Kerstin am Podest des großen Modelwettbewerbs “Look Model Search“ – die Tür in die Welt der internationalen Modelszene öffnet sich. Sie übersiedelt nach Mailand. Fünf Jahre lang läuft sie für die großen Labels in den Modemetropolen – bis sie sich 2006
entscheidet, Schauspiel zu studieren: an der renommierten „New York Film
Academy“.  

Kerstin, aus welchem Grund war dir die von vielen so heiß angestrebte Karriere eines Models nicht mehr genug?

Ich liebe es, Model zu sein, ich liebe Mode und ihren Zeitgeist. Manchmal stelle ich mir vor, in den 1970ern geboren zu sein und eine Nacht im Studio 54 in New York getanzt zu haben! Ich fantasiere, ein Halston-Kleid zu tragen und eine Zigarette mit Bianca Jagger zu rauchen. Aber dann wache ich auf und realisiere, dass der Beruf Model ausstirbt. Schauspielerinnen ersetzen Models auf Magazin-Covern, die sogenannten „IT Girls“, wie Kylie Jenner oder Kim Kardashian, bekommen große Modekampagnen und die Werbeagenturen greifen zu „everyday people“. Als professionelles Model bleibt da nicht wirklich viel über. Gott sei Dank ist mir das schon vor acht Jahren aufgefallen. Schauspielerin zu sein, ist hingegen ein Beruf, in dem man Gefühle zeigen muss. Trauer, Lust, Freude und Eifersucht stehen an der Tagesordnung. Man wird bezahlt, um sich emotionell auszudrücken – im Gegenteil zum Modelberuf, in dem Gefühle nicht gefragt sind. Irgendwann war das einfach nicht mehr genug für mich, ich wollte mehr, sehnte mich nach Abwechslung. Für zehn Pfund Eintritt besuchte ich das „Underground Theater“ in London – und ich genoss jede Minute. Ich verliebte mich in das Metier und beschloss, diesen Weg zu gehen. So fiel mir die Schauspielerei in den Schoß.

Nach der dreijährigen Ausbildung in New York bist du 2010 nach Los Angeles übersiedelt – warum?

Da ich nicht die beste Sängerin und Tänzerin bin, wurde mir ziemlich schnell klar, dass der Broadway nicht wirklich meine Zukunft ist. Aber Theater, Film und Fernsehen liebe ich!

Dass Mekka der Entertainment-Indus-trie ist immer noch Los Angeles. Dort muss man sein, um für Werbungen, Filme und TV-Shows gebucht zu werden. Natürlich werden viele Shows und Filme auch in New York und anderen Staaten gedreht, aber wenn man die Kosten am Ende des Tages vergleicht, ist es billiger, in der Nähe der Studios in Los Angeles zu sein.  

 

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„Miss Oscar“ Als erste Österreicherin übergab Kerstin Lechner bei den 83. Academy Awards die begehrte Trophäe an die Laudatoren. (© Dondee Quincena)

Hattest du die Unterstützung deiner Familie, als du dich für eine sozusagen „risikoreiche“ Schauspiel-Laufbahn entschieden hast?

Als ich 14 Jahre alt war und meine Freundinnen Lehrerin, Krankenschwester und Altenpflegerin werden wollten, gab es für mich nichts anderes, als Model zu werden.

Viele dachten sich ihren Teil, vor allem meine Lehrer, aber meine Mama und Oma haben mich immer unterstützt. Beim Papa hat es länger gedauert, da meine Berufsauswahl nicht wirklich real für ihn war, und ich denke, es war hart für ihn, das zu akzeptieren. Aber ich glaube auch, dass er jetzt schmunzelt. Heute wird er auch immer wieder von Bekannten darauf angesprochen, das macht ihn schon stolz!

Wie war dein Ankommen in Los Angeles?

Ich hatte gerade eine fünfjährige Beziehung beendet, also war es die richtige Zeit, aus New York wegzugehen. Meinen Abschluss, mein „goldenes Ticket“, hatte ich ja in der Tasche. Als ich nach Los Angeles kam, kannte ich niemanden – außer IKEA! Ich schlief die erste Nacht in einem völlig leeren Apartment, auf einer Decke, ohne Möbel, war aber die glücklichste Person. Zwei Tage später kaufte ich mir über Ebay ein Auto, das ich bis heute fahre. Ich nenne es „Dolores“, ein alter 1997er-Ford. 

Du hast dir dein Einkommen mit diversen Kellnerinnen-Jobs verdient ...

Ja, ich habe schon immer als Kellnerin, Hostess – das sind Empfangsdamen in US-Restaurants – oder Bartender gearbeitet. Diese kleinen Jobs sind nicht nur finanziell, sondern auch psychologisch hilfreich. Wenn man sich ständig nur Gedanken macht, ob man für einen Model- oder Schauspieljob gebucht wird oder nicht, dann zerht dass ziemlich an deiner Seele. Diese Jobs helfen dir zu relaxen. 

Hast du damals je an dir und deinem mutigen Lebensentwurf gezweifelt?

Niemals.

Verdankst du deine Stärke und den Glauben an dich selbst auch der bodenständigen Erziehung deiner Eltern?

Auf jeden Fall! Mein Bruder und ich hatten wirklich nie Regeln, die wir befolgen mussten, unsere Eltern vertrauten uns eigentlich immer. Natürlich gibt es Streitereien, das ist auch normal, aber im Großen und Ganzen haben wir uns ziemlich „zsaumg‘rissn“. Drogen waren und sind bis heute tabu. 

 
 
Kerstin Lechner
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Kerstin mit Neffen Laurenz, Ingrid und Fritz Lechner (© privat)
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Ingrid, Kerstin, Stefan und Fritz Lechner (© privat)

Gerade wurden in Los Angeles die Oscars verliehen. 2011, bei den 83. Academy Awards, warst du als erste Österreicherin überhaupt „Miss Oscar“. Wie bist du dazu gekommen?

Diese Geschichte erzähle ich oft, denn die ist ein Klassiker. Ich war Nummer 278 beim Vorsprechen, ja 2 7 8 !!!! Wir mussten uns vorstellen, eine Wasserflasche zu tragen – und das in einem langen Kleid. Eine unserer Aufgaben war, stilvoll und elegant durch den langen Korridor der Academy Awards in Century City zu stolzieren. Das hört sich nicht wirklich schwierig an, aber wenn du von 25 Leuten (Casting only!) dabei beobachtet wirst, kann dich das schon ziemlich nervös machen. Vor allem, wenn man einen Akzent hat …

Deine aufregendste Erinnerung an diese Nacht?

Die legendäre Madonna After-After-After-Party. Man durfte keine Fotos machen!

Wie hast du heuer die turbulente Oscar-Nacht erlebt?

Dieses Jahr war eher langweilig, da ich um vier Uhr früh am Set sein musste. Leider ging es sich nicht aus, Party zu machen. Ich habe mir Thai-Food bestellt, eine Flasche Wein aufgemacht und mit meinem Hund Baltazar die Academy Awards im Fernsehen angeschaut.

Als Jugendliche warst du ein Fan der amerikanischen Fernsehserie „Baywatch“. Hast du schon damals an eine Karriere im Land der Filmemacher geglaubt? 

JA! Ich war der größte Fan von Pamela Anderson. Sobald ich vom Schulbus ausgestiegen bin, rannte ich nach Hause, um die Show ja nicht zu verpassen! Ich war so hingerissen, als „CJ Parker“ mit ihren großen, falschen Brüsten und ausgebleichten Haaren im Zeitlupentempo am Strand von Santa Monica (nicht Malibu!) gelaufen ist und – laut Skript – Leben gerettet hat, dass ich immer zur Mama gesagt habe: Da werde ich auch mal sein und genau dasselbe machen! Leider hat es mit den großen Brüsten nicht so geklappt (lacht herzlich).  

In Wolfgang Pucks Steakhouse „Cut“ hast du vor drei Jahren deinen Lebenspartner, den (Noch-)Manager von Pop-Diva Maria Carey, Michael Richardson (51), einen gebürtigen Engländer, getroffen ...

Ja, es war Liebe auf den ersten Blick! Wir denken und fühlen genau dasselbe. Er ist super aufgeschlossen, total sympathisch und weltoffen, er ist mein „soulmate“. 

Wie verbringst du deine Freizeit?

Mit viel Sport, Bikram Yoga und Fernsehen – und ich koche auch leidenschaftlich gern. Wenn ich von Proben nach Hause komme, muss ich einfach für mich alleine sein. Manchmal schaue ich mir auch fünf Filme am Tag an, das ist meine Art, Energie zu tanken und zu relaxen.

Kerstin Lechner
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Kerstin mit Lebenspartner Michael Richardson (© privat)
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California Beach Girls in Santa Monica (Talesha Byrd, Kerstin Lechner, Maria Granberg) (© privat)

Gibt es jemanden, der dir in L.A. deine Leibspeise „Krenfleisch mit Semmelknödel“ kocht?

Leider habe ich diese Person oder das Res­taurant noch nicht gefunden. :-) Aber Gott sei Dank gibt es ja viele YouTube-Channels, die es mir leichter machen, gewisse Gerichte nachzukochen. Aber so gut wie bei der Mama ist es mir noch nicht gelungen.

Du hast die begehrte Green Card, bist nun ein „Cali girl“ – hast du trotzdem Heimweh?

Heimweh hab ich selten, aber meine Familie geht mir schon ab. Ich bin ja erst vor Kurzem Tante geworden und verfolge die Wachstumsschübe des Kleinen leider nur via Facetime. 

Welchen Rat würdest du jungen Frauen geben, die ebenfalls eine Karriere wie die deine anstreben?

Den besten Tipp, den ich geben kann, ist, nie aufzugeben, egal, was Menschen von dir denken,  und an sich zu glauben – und ein guter Job als Kellnerin. :-)

Hollywood ist der Ort der Träume. Wovon träumst du?

Verrate ich nicht, sonst geht‘s ja ned in Erfüllung!

 
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(© Dondee Quincena)

Wordrap:

Welches Poster zierte dein Jugendzimmer ... Pamela Anderson – all day! 

Woran glaubst du ... an mein Karma.

Wofür würdest du deine Gage opfern ... Für „Die Villa“ in Aggsbach Dorf. 

Was trifft dich mitten ins Herz ... mein Neffe Laurenz. 

Über welchen Red Carpet möchtest du gehen … Golden Globes, bei den Acadamy Awards war ich ja schon.

Schnee in der Wachau ...  muass ned sein. 

Californication ... nie gesehen. ;-) 

 

Und das sagen Kerstins Eltern:

„Wie heißt es so schön: ‚Die Kinder sind uns nur kurz geliehen, bis sie erwachsen von uns ziehen.’ Auch wir mussten Kerstin ziehen lassen, weil es ihr in Aggsbach Dorf zu eng wurde. Unsere Tochter hatte schon immer einen sehr starken Willen! Wir wussten aber auch, dass sie es durch ihre positive Art, auf Menschen zuzugehen, und ihren gefestigten Charakter überall schaffen wird. Als Familie stehen wir zusammen und geben ihr Rückhalt. Oft telefonieren wir mehrmals am Tag oder besuchen sie – egal, wo sie gerade wohnt –, um ihre Freunde kennenzulernen. Kurz: Wir waren meistens da wenn‘s eng wurde und Kerstin das zuließ. Deshalb danken wir ihr auch von ganzem Herzen dafür, dass sie uns an ihrem Leben teilhaben lässt. Möge ihr großer Traum in Erfüllung gehen, das ist unser Herzenswunsch. Wir sind so stolz auf Kerstin!“ – Ingrid und Friedrich Lechner, Aggsbach Dorf