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People | 07.05.2018

Mein Lebenskind

Liz und Kathy sind nicht nur ein eingespieltes Team, sie sind „beste Freundinnen“. Nun haben sie gemeinsam ein Buch geschrieben. Ein besonderes Buch über eine ganz besondere junge Frau. Kathy ist achtunddreißig und als „Downsyndrom-Kind“ der geliebte Lebensmittelpunkt ihrer Mutter Liz.

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Jetzt erst Recht! Kathy mit ihren goldenen Schuhen (© privat)

„Für meine Tochter ist die ‚Niederösterreicherin‘ ganz besonders wichtig, weil es in ihrem Alltag die einzige Türe in eine schillernde, glitzernde Welt der Mode, der Schönen und Erfolgreichen ist, in der sie sich so gerne imaginär bewegt“, schreibt uns Elisabeth „Liz“ Haselmeyer. „Kathy liest sehr gerne und kann es kaum erwarten, die nächste Ausgabe in den Händen zu halten. Da lebt sie richtig auf.“ Für uns ist dieses Kompliment eines der schönsten, das wir je bekommen haben. Dieser Brief befand sich im brandneu erschienenen  Buch „Lebenskind“, welches gerade auf der Leipziger Buchmesse – mit großem Erfolg – präsentiert wurde. Eine Mutter, die stellvertretend für alle Mütter „eine Hommage an unsere Kinder mit besonderen Bedürfnissen“ schrieb. An Kinder, die ganz besonders sind. So sagte die wortwitzige Kathy einmal: „Mein Geburtstag wird heuer teuer. Ich brauche 500 Euro!“ Ja, wofür denn? „Für Frau Merkel!“ Die deutsche Bundeskanzlerin hatte nämlich gerade in den Nachrichten gesagt, dass alle einen Beitrag leisten müssten, um den Euro zu retten. Diesen Rettungsschirm wollte die warmherzige Kathy unterstützen. Die kleine Kathy mit Trisomie 21 fühlt sich verantwortlich für eine Welt, die – zumindest noch bei Kathys Geburt – sich nicht besonders verantwortlich oder gar empathisch gegenüber Kindern mit angeborenen Besonderheiten zeigte ...

Niederösterreicherin: Frau Haselmeyer, am heurigen Opernball eröffnete ein Pärchen mit Downsyndrom, das berühmte „Gerber Fotoshooting für Babynahrung“ gewann ein kleiner Junge mit Downsyndrom aus Georgia, der Hollywood-Film „Wunder“, in dem es ebenso um ein Kind mit Gendefekt geht, überraschte mit enormen Einspielergebnissen. Dem entgegen steht die Tatsache, dass 90 bis 95 Prozent jener Kinder, die in einer pränatalen Untersuchung die Dia­gnose Trisomie 21 erhalten, abgetrieben werden. Wie erklären Sie sich das?
Liz Haselmeyer: Es ist die Besorgnis, dieser großen Herausforderung nicht gewachsen zu sein. Auch die Angst, dass die Partnerschaft den Anforderungen nicht standhält. Beziehungen mit Handicap-Kindern tragen wegen der Ex­tra-Belastung das höchste Trennungsrisiko. Man muss auch beruflich kürzer treten und sehr oft passt auch das private Umfeld nicht. Ausschlaggebend ist außerdem das Gespräch mit den Ärzten, die oft Panik machend agieren und wenig Hoffnung auf ein lebenswertes Leben zulassen.

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(© privat)
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(© privat)

Sie sagten mir, als Kathy geboren wurde, unterstellte man den Kindern mit Downsyndrom noch eine „vollkommene Idiotie“ ...
Ja, das war wirklich schlimm. Diese Kinder wurden auch so behandelt. Auch 1980 wurden Downsyndrom-Menschen noch oft in Höfen und Häusern gehalten und besuchten nur selten öffentliche Einrichtungen oder Veranstaltungen. Sie hatten keinen Stellenwert in der Gesellschaft. Dann hielt man ihnen auch noch vor, aggressiv zu sein, was bei lebenslänglichem „Hausarrest“ kein Wunder wäre.

Wie hat Ihr Umfeld auf Kathy reagiert?
Bei Kathy hätte man genauso reagiert, nur ließ ich es nicht zu und stellte mich jedem in den Weg, der meine Tochter nicht gleich wie meinen Sohn behandelte. Ich wollte meinen Mitmenschen zeigen, wie viel mir dieses Kind bedeutet, habe sie überall mitgenommen und extrafein herausgeputzt. Auch mir wurde von der älteren Generation in meinem privaten Umfeld öfters nahegelegt, meine Tochter zu manchem Fest nicht mitzunehmen oder sich nur sehr unauffällig in den hintersten Reihen zu bewegen. Bei der Fronleichnamsprozession zum Beispiel sagte ich mir: „Jetzt erst recht!“ Kathy ging mit ihren zweieinhalb Jahren sehr wohl mit einem entzückenden Kleidchen in den vordersten Reihen, noch dazu mit goldenen Sandalen, die ich höchstpersönlich mit einem Gold-Dekospray im Garten umgespritzt hatte. Um unseren gemeinsamen Auftritt bei dieser Prozession für alle unvergessen zu machen, trug auch ich – als Sahnehäubchen – goldene Pumps. Das war eine Aktion, die mir heute noch ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert. Damals war man ja noch der Meinung, „solche Kinder“ seien eine Strafe Gottes, während „gesunde Kinder“ sein Geschenk wären. Ich sage: Alle Kinder sind eine „Aufgabe Gottes“. So habe ich es während meiner gesamten Kinder- und Jugendarbeit gesehen und praktiziert.

Ihrer Tochter wurde vor 25 Jahren die Firmung verweigert, weil „ein Kind mit Behinderung das Sakrament nicht verstehen könne“. Später hat sich ein anderer Priester „im Namen der Kirche“ bei Ihnen entschuldigt. Sie ließen Kathy aber dann nicht mehr firmen. Warum?
Damals war ich wirklich sehr enttäuscht von der Kirche und habe die Firmung von Kathy einmal zurückge­stellt. Dann waren viele Jahre arbeitsmäßig sehr turbulent, auch meine kranken Eltern habe ich nebenbei noch gepflegt, sodass ein fixer Termin nicht mehr zustande gekommen ist. Aber ich möchte dieses Fest der Firmung für meine Tochter auf jeden Fall nachholen, mit Pauken und Trompeten!   

Von St. Pölten aus sind Sie mit Ihrer Tochter in ein kleines Reihenhaus am Land gezogen, wo Sie in einer fröhlichen Damen-WG leben. Wie gestaltet sich euer Zusammenleben?
Absolut harmonisch! Wir empfinden eine tiefe innere Verbundenheit mit absolutem Respekt, Wertschätzung und Vertrauen. Keiner engt den anderen ein. Wir entscheiden gemeinsam, kochen unsere Lieblingsgerichte, lieben unsere Fernsehabende, respektieren aber auch den Rückzug des anderen. Wir blättern in unseren Journalen, beraten uns über die neuesten Modetrends und lästern über die Männerwelt, wir gehen essen, ins Kino oder fahren an die Donau. Wie es uns gefällt. Eben beste Freundinnen! Nur eines gibt es bei uns nie – Streit. Sind wir einmal nicht gleicher Meinung, werden die Differenzen innerhalb von Minuten aus der Welt geschafft. Kathy entschuldigt sich immer sofort schriftlich und mündlich, wenn sie glaubt, unrecht getan zu haben. Sie kann es nicht sehen, wenn ich enttäuscht oder traurig bin …    

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„LEBENSKIND“. Elisabeth Haselmeyer, Österreichische Literaturgesellschaft, ISBN: 978-3-03886-005-1, € 14 (© Elisabeth Haselmeyer)
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(© Elisabeth Haselmeyer)

Kathy punktet mit einem grandiosen Wortwitz, den Sie im Kapitel „Göttliche Aussagen“ aufzeigen. Auch ist sie eine überaus begabte Malerin, deren farbintensive Bilder beeindrucken. Wie wurde sie gefördert?
Ich habe sie neben den allgemeinen Schulen eigentlich immer selber unterrichtet. Sprachbegabt war sie schon als Kleinkind, und in Großbuchstaben lesen konnte sie schon, bevor sie in die erste Klasse kam. Kathys Lieblingsbeschäftigung war immer das Malen, sie hat sich als Autodidaktin alles selber beigebracht.

Auch Sie haben den Film „24 Wochen“, ein deutsches Drama über eine Spätabtreibung, gesehen. Welche Gefühle haben Sie dabei begleitet?
Er hat mich unglaublich berührt und so manches Tränchen fand seinen Weg. Großes Kompliment an die Regie und die Schauspieler! Als der Film aus war, bin ich sofort zu meiner Tochter ins Zimmer gelaufen, habe sie gedrückt und ihr gesagt, wie froh ich bin, dass ich sie habe.

Was lernen Sie – abseits von Madonna-Konzert-Besuchen – von Kathy?
Dass es eigentlich nicht viel braucht, um Mensch zu sein. Ein einfacher, guter Mensch!  
Ihr Sohn Alexander ist ein erfolgreicher Tierarzt und seiner Schwester sehr eng verbunden.

Wie wichtig war der Bruder in Kathys Kindheit?
Sehr wichtig! Kathy hat von ihrem Bruder spielerisch sehr viel gelernt, da er nur um fünfzehn Monate älter ist. So hat sie ihm alles nachgemacht und war auch bei seinen Freunden immer voll integriert. Alexander war immer eine sehr wertvolle Bezugsperson, und das wird er auch immer bleiben.  

Als Autorin haben Sie vor diesem ersten Buch Gedichte veröffentlicht. Hat Sie das Schreiben getröstet?
Ja, absolut! Ich schrieb zwar schon in meiner Kindheit gerne, aber nach Kathys Geburt, als ich niemanden zum Reden hatte, habe ich mir meine Schriftstellerei als Therapie verordnet. Damit habe ich mich frei und glücklich geschrieben.

Welche weiteren Projekte stehen gemeinsam mit Kathy an?
Wir haben geplant, zu ihrem 40. Geburtstag eine Vernissage zu veranstalten. Ab Herbst wäre vorgesehen, an einem weiteren gemeinsamen Buch zu arbeiten.

Hätten Sie drei Wünsche für Kathy frei, welche wären diese?
Ich würde mir wünschen, dass Kathy – gefördert durch unsere gemeinsamen Projekte – als Illustratorin, Co-Autorin und Malerin Anerkennung finden könnte, dass wir beide gesund bleiben und noch viele humorvolle Jahre in dieser wunderbaren Innigkeit vor uns liegen. Und dass Kathy beispielgebend für viele Familien sein könnte, die ein Kind mit Downsyndrom erwarten.

Wie werdet ihr den Muttertag feiern?
(lacht) Sicher in unserem „Homedress“ bei einem reichlichen Frühstück, das mir Kathy mit allem, was das Herz begehrt, zubereiten wird. Die Blumen kommen natürlich aus dem Garten. Mit erhobenem Glas und einem lauten „Auf uns!“ prosten wir uns lächelnd zu.
Mehr braucht es nicht, da mein „Lebenskind“ durch seine liebevollen Zuwendungen jeden Tag zum Muttertag werden lässt.