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People | 20.06.2018

Die Großfamilie

Wie die Badener Museumsdirektorin Ulrike Scholda den Alltag mit „fünf Kindern“ schupft und warum sie stets auf schönes Wetter hofft.

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(© Isabella Scholda)

Ihr Büro ist überdacht, schlechtes Wetter könnte Ulrike Scholda gleichgültig sein. Ist es aber nicht, schließlich hüpft sie am liebsten aufs Rad, um möglichst flott zwischen ihren „fünf Kindern in vier Häusern“ zu pendeln, verrät sie. Nennen wir die Kinder beim Namen: das Rollettmuseum (inklusive dem Stadtarchiv), das Puppenmuseum, das Kaiser- und das Beethovenhaus, allesamt „wohnhaft“ in Baden.
Mit der Leitung der Museen zelebriert Ulrike Scholda ihre „Heimkehr“.Sie wuchs in Baden auf, studierte in Salzburg Kunstgeschichte; eine Vielzahl spannender Tätigkeiten in der Museumsszene in Wien und Niederösterreich säumen ihren Werdegang. In Baden, wo sie und ihr Mann – Eltern zweier er­wach­sener Kinder – leben, arbeitet sie seit rund zwei Jahren tatsächlich das erste Mal.


NIEDERÖSTERREICHERIN: Sie leiten vier Museen mit jeweils unterschiedlichen Themen. Wie gelingt Ihnen das?
Ulrike Scholda: Das ist alles sehr komplex und wir sagen immer: Es gibt nichts, was es bei uns nicht gibt. Und zwar von der Mumie bis hin zur Puppe. Ich muss switchen können, flexibel sein, gleichzeitig sind gerade dadurch meine Tage immer sehr abwechslungsreich (lacht). Auch mein Team ist sehr vielfältig zusammengesetzt; wir haben Ehrenamtliche, Teilzeitkräfte, Studenten und Vollzeitmitarbeiter. Was wichtig ist: Wir haben ein gutes Klima, lachen viel. Mein Vorgänger hat mich unterstützt, mir alles mit Offenheit übergeben und die Mitarbeiter sind alle auf meinen Zug aufgesprungen. Das freut mich besonders.


Wie fühlt sich das berufliche „Home­coming“ an?
Wenn ich in Baden unterwegs bin, bin ich quasi immer im Dienst: Ich sehe, wenn ein Fenster in einem der Museen geschlossen werden sollte, wenn irgendwo ein Licht vergessen wurde (lacht). Andererseits kann ich schnell reagieren. Als sich im Vorjahr kurzfristig der Bundespräsident für einen Besuch ankündigte, habe ich mich am Sonntag aufs Radl geschmissen und war fünf Minuten später im Kaiserhaus. Dass ich hier alle kenne, half auch beim Einarbeiten. Es war aber auch eine bewusste Entscheidung: Die Möglichkeit die Stadt, in der ich lebe, mitgestalten zu können. Ich bin eine leidenschaftliche Badenerin! Ich schätze hier sehr die großartige Lebensqualität, das Kultur- und Naturangebot.


Worin sehen Sie Ihre Mission als Museumsdirektorin?
Ich möchte, dass die Bedeutung der Häuser mit all ihren Schätzen ins Bewusstsein der Bevölkerung dringt und dass sie der Stadt einen Mehrwert bringen. Nehmen wir das Beethovenhaus als Beispiel: Man erlebt dort so viel über das Hören, über die Person Beethoven, wie er gelebt hat; dieses Haus ist interes­sant für alle: für Erwachsene, Kinder und internationale Gäste. Ich wusste schon bei meiner Bewerbung, dass ich hinter all diesen Häusern voll und ganz stehen kann, denn sie haben ein großes Potenzial, auf das man weiter aufbauen kann.


Welche Zukunftspläne haben Sie?
Besonders das Rollettmuseum, das mit 200 Jahren das älteste in Niederösterreich ist, birgt noch so viele Schätze, die aufgearbeitet werden müssen und unbedingt ans Licht gehören.


Ein Beispiel?
Ein Phänomen, das kaum bekannt ist: die sogenannte Badener Kultur aus der Frühgeschichte. Dass es so früh in Österreich bzw. Ungarn eine Kultur gab, die nach Baden benannt ist, das wissen die wenigsten Badener. Etwas Konkretes aus der Zukunft: Wichtig wird für uns das Jahr 2020 mit Beethovens 250. Geburtstag. Im heutigen Beethovenhaus hat er drei Jahre verbracht, Teile der 9. Sinfonie sind dort entstanden.


Sie sind heute Museumsdirektorin. War das ein konkretes Berufsziel?
Vor zehn Jahren hätte ich das nicht gedacht (lacht). Aber die Vermittlungs­ar­beit war immer schon wichtig. Ich wollte nie im Elfenbeinturm sitzen und oh­ne Bezug zur Öffentlichkeit forschen. Wir bewahren Schätze nicht, um sie zu bewah­ren, sondern um sie – natürlich schützend – der Öffentlichkeit zur Ver­fü­gung zu stellen. Das ist unsere Verpflich­tung als öffentliche Sammlung. All die Schätze sind da, um wahrgenommen zu werden.

Zentrum der Macht

Premiere im Kaiserhaus Baden: Erstmals fokussiert eine fesselnde Schau die Vergangenheit im Ersten Weltkrieg und Kaiser Karl I.

Kurstadt, Beethoven, Biedermeier … Baden ist für prachtvollen Facettenreichtum bekannt, kaum aber für die Bedeutung im Ersten Weltkrieg. Dabei war es immerhin der letzte Kaiser, der die Stadt als Standort des Armeeoberkommandos auserkor. Im Gedenkjahr wagt sich Baden erstmals mit einer fesselnden Ausstellung über das Thema sowie über die Beleuchtung von Kaiser Karl I., der bis heute zu polarisieren vermag. Der Titel der vom renommierten Historiker Manfried Rauchensteiner kuratierten Schau im Kaiserhaus: „Baden – Zentrum der Macht 1917-1918“.

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ANKUNFT. Kaiserliche Familie am Bahnhof Baden (© Thomas Magyar / Rollettmuseum Baden Städtische Sammlungen)
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Ausgeklügelte Nachrichtenübermittlung. (© Thomas Magyar / Rollettmuseum Baden Städtische Sammlungen)

Dabei wird sowohl die Person des Regenten, das Schicksal der Soldaten als auch das Leben der Zivilbevölkerung beleuchtet. Zu den spektakulären Objekten zählen etwa technisch ausgeklügelte Geräte zur Nachrichtenübermittlung, eine digital interaktive Schautafel mit sämtlichen Standorten des Armeeoberkommandos inklusive historischer Fotos oder ein erst jüngst aufgetauchtes Tagebuch mit politisch brisantem Inhalt zur Sixtus-Affäre (geheime Verhandlungen von Österreich-Ungarn vor allem mit Frankreich).
Besonders unter die Haut geht der Raum, der dem Krieg gewidmet ist – nicht zuletzt verstärkt durch eine Tonaufnahme einer Rede von Karl I. Ebendort findet eine Auseinandersetzung mit dem Leben der Soldaten statt:  „Die Männer trugen an der Front Gewehr, Metallhelm, Munition; als das Giftgas kam, noch eine Gasmaske. Mit all dem konnte man aber gar nicht mehr laufen“, weiß Museumsdirektorin Ulrike Scholda. Persönliche Dokumente veranschaulichen den Wandel der Gefühle der Menschen daheim: Während zunächst mit patriotischem Eifer der Krieg „unterstützt“ wird, regieren später Meldungen gefallener Soldaten, die Heimkehr versehrter Söhne und Väter und Hunger den Alltag.
Trotz der düsteren Stimmung, die das Thema freilich mit sich bringt, gelingt der Schau immer wieder ein Augenzwinkern: Sei es durch pointierte Telegramme, historische Fotos oder durch zauberhafte Kinderschuhe der kaiserlichen Familie.
Info: bis 4. November 2018, kaiserhaus-baden.at