Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 04.07.2018

Ich höre auf meine innere Stimme

Die Pottensteinerin erobert die Opernbühnen der Welt. Im Sommer feiert Daniela Fally ein „Homecoming“ in Grafenegg. Über Vor- und Mutterfreuden und die Schattenseiten eines Berufs im Rampenlicht.

Bild Bildschirmfoto 2018-07-02 um 14.25.38.png
(© Vanessa Hartmann), Haare & Make-up: Karla Goldoni

Die rechte kleine Zehe ist gebrochen. Eine schmerzhafte Voraussetzung für ein Shooting in High Heels. „Das macht nichts, ich nehme die Schuhe in die Hand“, lacht Daniela Fally. „Das möchte ich sowieso gerne einmal: Fotomotive, die mit klassischen Idealvorstellungen brechen.“ Die Wiener Staatsoper ist voll atemberaubender Kulissen. Stundenlang pilgern wir mit der bis zur letzten Minute charmanten Sängerin durch prunkvolle Säle, entdecken besondere Möbel und Winkel für unsere Fotos. Und dazwischen gibt die Sopranistin mit Weltruhm – unkompliziert und allürenlos – ein Interview mit viel Tiefgang.

 

NIEDERÖSTERREICHERIN: Sie sind erfolgreiche Opernsängerin – und Mama. Hat Sophie, 3, Sie verändert?
Daniela Fally: Sehr! Aber extrem positiv. Schon Jahre vor ihrer Geburt habe ich gemerkt, dass mir etwas Wesentliches im Leben fehlt. Wenn mein Beruf das auch vermuten lässt: Ich bin kein Mensch, der sich immer um sich selbst drehen will. Ich schaffe lieber gemeinsam statt einsam. Ich habe mir sehr gewünscht, dass sich der Fokus auf andere Menschen richtet.


War da auch Sehnsucht nach Erdung?
Vielleicht. Wobei ich grundsätzlich ein naturverbundener, geerdeter Mensch bin. Mir war immer klar, was wichtig ist im Leben. Aber als Mutter hinterfragt man noch einmal alles: Werte, Ethik, Moral … Man fragt sich, was man dem Kind alles mitgeben möchte.

Bild 1807_N_Me_DanielaFally_9(c) .jpg
WUNDERSCHÖN WANDELBAR. Daniela Fally beim exklusiven Shooting in der Wiener Staatsoper (© Vanessa Hartmann), Haare & Make-up: Karla Goldoni

Daniela Fally...

… wuchs in Pottenstein auf, ihr Papa war technischer Beamter bei der Post, ihre Mama arbeitete bei einem Steuerberater. Ihre berufliche Laufbahn startete zunächst als Journalistin bei der NÖN und als „Mädchen für alles“ am Stadttheater Berndorf. Intendant Felix Dvorak erkannte ihr Talent und gab ihr die Chance, sich auf der Bühne zu beweisen. Es folgten Musical- und Schauspielausbildung sowie das Operngesangsstudium in Wien und es ging steil bergauf: Daniela Fally (Koloratursopran) sang vier Jahre an der Volksoper Wien und debütierte 2006 an der Wiener Staatsoper, wo sie seit 2009 Ensemblemitglied ist. Die Liste der Gast­engagements ist lang und international: Sie reicht von den Salzburger und den Bregenzer Festspielen bis hin zu Auftritten in Japan, China, Dubai und den USA. 2018 debütierte sie an der Mailänder Scala, aktuell verkörpert sie „Ännchen“ in „Freischütz“ an der Wiener Staatsoper.
Daniela Fally lebt in Wien und in Pottenstein mit ihrem Verlobten, dem Sänger Gustavo Quaresma Ramos, und der gemeinsamen Tochter Sophie, 3.

 

Wie sind Sie als Mama?
Sehr liberal. Ich höre Sophie zu, nehme sehr viel an, was sie sagt und möchte. Ich lasse sie experimentieren und ihren Willen ausdrücken. Sie ist gerade in der sogenannten Trotzphase. Das ist ein fürchterlicher Ausdruck, denn eigentlich ist das eine spannende Phase, in der sie ihre Persönlichkeit entdeckt.


Bewundernswert! Sie kommen also gut klar damit?
Total! Natürlich setze ich auch Grenzen. Mir ist wichtig, dass sie „bitte“ und „danke“ sagt, sozial denkt, agiert und Rücksicht nimmt. Ansonsten kann man sich die meisten Erziehungsmaßnahmen sparen, wenn man es nicht auch entsprechend vorlebt. Kinder imitieren alles. Plötzlich sagt Sophie „ach Gottchen“, so wurde mir überhaupt erst bewusst, dass ich das oft sage (lacht).

 

Ihr Verlobter Gustavo Quaresma Ramos ist ebenfalls Sänger; wie managen Sie die Familie?
Zwei Sänger sind schon per se eine Herausforderung, zwei Sänger mit Kind erst (lacht)! Es ist ein großer Organisationsaufwand. Ich halte nichts davon à la Heidi Klum der Welt zu vermitteln, alles sei ganz leicht. Das ist ein unrealistisches Frauenbild, das nur Druck macht. Ich finde es sympathischer zu sagen: Ja, es ist eine Challenge, aber wir nehmen sie gerne auf uns, weil es uns erfüllt, weil es schön ist, Beruf und Mutterschaft gleichzeitig haben zu können. Für wen wollen wir bitte Theater spielen? Wir müssen umgekehrt stolz sein, was wir alles schaffen, wie leistungsfähig wir sind. Jeder Chef kann nur glücklich sein, Mütter in seiner Firma zu haben: Wir haben Flexibilität, Durchhaltevermögen und Belastbarkeit drauf.


Wie gelingt es Ihnen, paarweise zu (über)leben?
Manchmal besser, dann wieder weniger (schmunzelt). Wichtig sind kleine Auszeiten, kleine Inseln. Ein Abendessen, ein Thermenwochenende, so dass man zu zweit aufmerksam miteinander reden kann.

Bild 1807_N_Me_DanielaFally_12(c).jpg
AUTHENTISCH. „Auf der Bühne bin ich die Sängerin, wenn ich abgehe ein ganz normaler Mensch“, sagt Daniela Fally. (© Vanessa Hartmann), Haare & Make-up: Karla Goldoni

Ihre Laufbahn klingt märchenhaft: Sie haben am Stadttheater Berndorf als Mädchen für alles gestartet – und standen plötzlich auf der Bühne. Wie ging das?
Felix Dvorak (Intendant, Anm.) hat uns Helferlein ein paar Sätze auch auf der Bühne sagen lassen und schnell gesehen, dass ich eine gewisse komödiantische Ader hatte. Er nahm mich zur Seite und sagte mir, dass ich echt Talent habe. Das hat mich angespornt, sonst war ich eher unsicher.


Die Sehnsucht nach der Bühne war von Anfang an da?
Ja! Das klingt jetzt vielleicht seltsam: Auf der Bühne bekam ich eine Größe, eine Ausstrahlung, die ich im Leben nicht hatte. Wenn ich allein da oben stand, hatte ich keine Angst. Es fühlte sich an wie mein kuscheliges Wohnzimmer. Es war wunderschön – wie von oben gewollt. Ich hatte mich da lange zurückgehalten, weil ich zu Bodenständigkeit erzogen wurde und meine Familie mir immer gesagt hat, ich soll vorsichtig sein mit Bühnenberufen. Ich habe deswegen länger gebraucht, bis ich mich ganz aufs Pferd setzen getraut habe (lacht).


Wie empfinden Sie die große Aufmerksamkeit auf der Bühne, die Ihnen entgegengebracht wird – und die Übergänge zum „normalen“ Leben?
Alles wird zur Normalität. Wenn man bei der Bühnentür hineingeht, ist man die Sängerin. Wenn man hinausgeht, der ganz normale Mensch. Diese positive Welle seitens des Publikums ist unglaublich schön, aber es gibt durchaus auch andere Wellen, die genauso dazugehören. Ich erlebte auch schon eine Premiere, bei der die Inszenierung einen richtigen Buh-Orkan bekommen hat. Das hat uns sehr getroffen. Vielleicht härtet man ja irgendwann ab … Aber wenn man sieben Wochen lang sein Äußerstes gibt und versucht, die Vision eines anderen (Regie, Anm.) zum Leben zu erwecken, dann erschüttert so etwas. In der Oper ist selbst der Gesang nur bis zu einem gewissen Grad meine Verantwortung. Wenn ich beispielsweise schwere Requisiten schleppen, robben oder springen muss, ist natürlich auch die Gesangslinie gefährdet. Wir sind da schon „fremdabhängig“. Umso mehr freue ich mich auf das Konzert am 14. Juli in Grafenegg, wo ich selbst verantwortlich zeichne.


Das wird für Sie einmal mehr ein niederösterreichisches Homecoming; das Konzert im Wolkenturm mit dem Tonkünstler-Orchester ist fast ausverkauft. Wie fühlt sich ein Auftritt „zu Hause“ an?
Ich liebe es! Es ist so schön: Da gibt es auch ein Publikum, das richtig mit meiner Karriere mitgewachsen ist. Aus Pottenstein und Berndorf werden Busse organisiert, wenn ich in der Nähe auftrete; nach Mörbisch kamen sie mit einem riesigen Transparent! Und wenn mich Menschen ansprechen und sagen, dass ich in einer schweren Lebensphase ihnen mit einem Auftritt ein Stückchen Glück gebracht habe, dann weiß man, wofür das alles. Es ist doch eine schwere Arbeit, bei der man sich ständig aller Kritik aussetzt.


… und sich verletzbar macht, weil doch das Singen aus tiefstem Herzen kommt?
Auf jeden Fall! Wir breiten da unsere Seele auf. Und ich kämpfe permanent mit der Frage, wie weit man bei Wünschen anderer mitmacht, wie weit man auch dagegen sein kann. Eine Frage, die Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlicher Kraft beantworten. Manche hören sogar auf. Ich jedoch liebe die Oper.

 

Beruf und Mutterschaft ist eine Challenge, aber es erfüllt mich. - Daniela Fally

Bild 1807_N_Me_DanielaFally_2(c) .jpg
GEBROCHENE ZEHE. Trotz Schmerzen blieb die Opernsängerin beim Shooting gelassen und nahm den Schuh lachend in die Hand: „Solche Fotos hatte ich noch nicht!“ (© Vanessa Hartmann), Haare & Make-up: Karla Goldoni

Ihre Kollegin Elisabeth Kulman richtete den Fokus auf Ungerechtigkeiten, als sie „art but fair“ initiierte: für faire Entlohnung und respektvollen Umgang mit Künstlerinnen und Künstlern. Wie erleben Sie dieses Thema?
Opern werden weltweit geschlossen, es gibt einen sehr kleinen Markt und viele, sehr gut ausgebildete Sängerinnen und Sänger. Am Ende des Tages möchte jeder die Miete bezahlen; das macht den Zusammenhalt untereinander nicht einfach. Umso schöner ist es, wenn sich Menschen darum bemühen. Diese Initiative ist mutig und wichtig.


Sie mussten heuer den Auftritt beim Opernball krankheitsbedingt absagen, in Paris wurde einmal durch einen versehentlichen Schlag Ihr Kehlkopf getroffen – wie präsent ist die Angst um die Stimme?
Gar nicht! Als der Schlag auf den Kehlkopf passierte, war ich überrascht, dass so etwas überhaupt möglich ist. Die Verkühlungsgefahr ist groß. Dass ich beim Opernball nicht auftreten konnte, das war schlimm. Das war mein Lebens­traum und überhaupt der Grund, warum ich Sängerin geworden bin: Weil ich beim Opernball Eva Lind gehört habe, als sie den „Frühlingsstimmenwalzer“ gesungen hat. Aber ich hatte eine Kehlkopfentzündung und Bronchitis; so etwas trifft jeden Sänger, da kann man nichts machen.


Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Das zu sagen, ist heute schon fast unpopulär, aber ich bin sehr zufrieden mit dem Status quo. Ich habe mein Leben lang viele Visionen verfolgt, aber im Moment möchte ich es gerne nehmen, wie es kommt. Ich singe, moderiere sehr gerne, unterrichte meine Gesangschüler unfassbar mit Freude; aber ich schließe auch nicht aus, dass noch ganz andere Bereiche kommen. Ich lasse alles offen, da kommt meine gläubige Seite durch: Ich will vertrauen. Wenn es mir auch nicht immer gelingt, meine Grundregel ist, auf die innere Stimme zu hören und dem zu folgen, was einem ein gutes Gefühl gibt. Das weist einem ganz deutlich den Weg.

 

Wordrap:

Als Kind wollte ich … Lehrerin werden.
Diese Rolle würde ich sehr gerne singen … Lucia di Lammermoor (Gaetano Donizetti)
Nachts liegt mein Handy … leider immer noch neben dem Bett, obwohl ich das verabscheue (schmunzelt).
Facebook ist … Segen und Fluch gleichzeitig.
Ein lustiger Hoppala war, … als ich als Hochschwangere in einem selbstgedichteten Medley über Vergesslichkeit gesungen habe und dann wirklich in einer Strophe den von mir selbst geschriebenen Text vergessen habe (lacht).
Mein Lebensmotto … Das ist nicht von mir, aber dieser Spruch begleitet mich schon lange: Kreiere eine Lebensvision, die dich jeden Tag voller Begeisterung aus dem Bett springen lässt.