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People | 17.09.2018

Gemeinsam stark

Michael Strasser radelt von Alaska nach Patagonien. Mit dabei im Begleitfahrzeug: Freundin Kerstin Quirchmayr. Wie das junge Paar die „Ice2Ice“-Challenge bewältigen will.

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KANADA. Michael Strasser auf dem Weg zum Weltrekord (© Chris Wasser)

Das war eine ganz besondere Energie, die das Team bei der „Ice2Ice“-Präsentation umgab. Inspirierend. Da war ein Sog, eine Spannung, die Michael Strasser und seine Freunde – sie Mitarbeiter zu nennen, wäre zu wenig – aufbauten, der man sich nicht entziehen konnte. Jedes Mal, wenn in den Wochen darauf Pressemann Christoph Schnitter eine Info schickte, steckte ein bisschen Thrill im Aufmachen der Mail: Ist alles gut? Geht es weiter? Keine Unterbrechung?

Weltrekordjagd. Der Startschuss fiel Ende Juli. Das Ziel: 23.000 Kilometer in unter 100 Tagen. Von Alaska nach Patagonien. Extremsportler Michael Strasser aus Trautmannsdorf (Bruck an der Leitha) am Fahrrad, vier Menschen im Begleitfahrzeug, ab September fünf. Unter ihnen seine Freundin Kerstin Quirchmayr (Hasendorf, Bezirk Tulln).
Wie geht das alles? Überlebt die erst einjährige Beziehung diese Challenge ohne gröbere Blessuren? Freilich steckt die Tour voller (unerwarteter) Herausforderungen. Doch wenn man ihnen online – via Website, Instagram, Facebook – folgt, bestätigen all die Fotos von unterwegs die positive Stimmung im Interview knapp vor dem Start …

NIEDERÖSTERREICHERIN: Michael, was treibt dich an?
Michael: Die Challenge, noch einmal was drauflegen zu können. Vor zwölf Jahren war meine persönliche Challenge, mit dem Rad von Wien weg um den Neusiedler See zu fahren. 2013 war ich einer von vier, der Russland durchquert hat. 2016 führte mein Soloprojekt durch Afrika („Cairo2Cape“, Anm.). Wie weit kann ich gehen? Das ist ein Kampf mit mir selbst. Dass ich diesen Antrieb spüre, was tun zu müssen, motiviert mich täglich zu trainieren. Aber es ist auch ein Fluch, nach einem großen Projekt wieder nach Neuem zu streben. Ich hoffe, dass mein Leben irgendwann den Switch schafft; ich will nicht mit dem Leistungssport in Pension gehen. Wir träumen von einer 15 Quadratmeter Hütte, wohin man nur zu Fuß kommt, wo am besten kein Handy funktioniert (schmunzelt).

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ZUSAMMENRÜCKEN. Michael Strasser und sein Betreuerteam teilen sich quasi nonstop ein Begleitfahrzeug. (© Chris Wisser)

Bewundernswert, dass ihr als junges Paar dieses große Projekt durchzieht …
Michael: Wir haben viel darüber diskutiert. Es birgt Risiken, aber auch eine Chance. Wenn wir das als Paar überstehen, gibt es nicht mehr vieles …
Kerstin: … was uns schnell mal umhaut (lacht).
Michael: Den Ärger, schlechte Phasen kriegen die ab, die am nächsten stehen – also Kerstin, die es natürlich am wenigsten verdient. Damit mussten wir uns von Anfang an reflektiert auseinandersetzen.
Kerstin: Man kommt viel in Grenzbelastungen, wo einem alles zu viel wird. Aber man lernt, wie man da miteinander kommuniziert. Dass man Probleme nicht lange herumschleppt, nicht runterschluckt, sondern möglichst gleich anspricht und so schnell wie möglich eine Lösung findet.
Michael: Wir haben auch auf psychologischer Ebene gearbeitet.
Kerstin: Ich habe für das ganze Team umfassendes Training organisiert; wir haben einen Basic Life Support-Kurs gemacht, wo wir gelernt haben, notfalls auch einen Butterfly (Infusion, Anm.) setzen zu können.

Und genauso haben wir mit einem Kommunikationstrainer Konfliktmanagement gemacht. Außerdem waren wir, weil es für uns als Paar noch spezieller ist, bei einer Mediatorin.
Kerstin, du pausierst monatelang für „Ice2Ice“ mit deinem Job (sie ist Applikationsspezialistin für Labordiagnostik-Geräte, Anm.), steckst ganz schön zurück …
Kerstin: Es ist zwischen uns ein Geben und Nehmen. Das hier ist eine „once in a lifetime experience“; wir sind jung, haben noch keine Verpflichtung.

Ängste?
Manchmal taucht auf: Geht das alles eh gut? Schon ein kleiner Sturz, wenn er sich das Schlüsselbein bricht, könnte auch das Projektende bedeuten.
Michael wird sich nicht richtig ausrasten, er wird ständig in einer Grenzbelastung sein, machst du dir Sorgen um ihn?
Kerstin: Letztes Jahr sind wir beispielsweise gemeinsam den Deutschland-Rush gefahren: 800 Kilometer in vier Tagen.  Jeder hat seine Grenzen woanders, aber eine Grenzbelastung kenne ich von mir auch. Da denkt man nicht mehr so rational, wie wenn der Zuckerspeicher voll und man erholt ist. Wir haben uns schon in solchen Situationen erlebt, wissen wie wir da miteinander umzugehen haben. Und Sorgen, dass wirklich etwas Schlimmes passiert, habe ich nicht. Da ist eine Art Urvertrauen, dass alles gutgehen wird.
Woran denkst du, wenn am Rad Müdigkeit und Schmerzen kommen?
Michael: An Sarah, meine Mitbewohnerin. Sie motiviert und inspiriert mich seit Jahren. Wir haben uns beim Mountainbiken kennengelernt, heute sitzt sie im Rollstuhl. Trotzdem ist sie positiv! (Spendenitiative „Racing4Charity“, strassermichael.at, Anm.) Fünf Sekunden später denke ich: Vergiss die Schmerzen! Klar, wenn ich mir den Oberschenkel breche, wird‘s schwer, aber mit einem gebrochenen Finger geht‘s weiter. Es ist ja kein Gesundheitssport, ich will schauen, was geht. Das Team wird am Ende mindestens so fertig sein. Ich habe den leiwandsten Job! Wenn ich angefressen bin, kann ich flüchten: Ich fahre vorne. Die vier müssen sich rund um die Uhr arrangieren, die sitzen 100 Tage im Auto nebeneinander.

 

Wir haben beide eine Art Urvertrauen: Es wird gut gehen.

- Kerstin Quirchmayr

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KONZENTRIERT. Mit Freundin Kerstin Quirchmayr (© Chris Wisser)
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Start in Alaska (© Chris Wisser)

Macht dir irgendetwas Angst?
Michael: Vor der Afrika-Tour haben mich Albträume gequält, dass mir ein Soldat in den Rücken schießt, während ich mit dem Rad fahre. Solche Träume hatte ich jetzt nicht. Ich bin ja grundsätzlich ein positiver Mensch. Ich denke, dass das Leben alles in allem gerecht ist. Wenn man Positives sät, wird man Positives ernten. Wovor ich Angst habe? – Vor Prozessen, die wir nicht beeinflussen können. Vielleicht ein bissl vor Behörden, wobei ich die Erfahrung gemacht habe, dass selbst die mal ein Auge zudrücken …
Kerstin: … wenn man den passenden Stempel nicht dabei hat (lacht).
Michael: Wir glauben beide ans Gute, das ist unsere gemeinsame Basis. Für uns zählen Momente, nicht Dinge. Und ich hoffe, dass ich irgendwann die Chance habe, Kerstin für all die letzten Monate etwas zurückgeben zu können. Ohne sie würde es vieles nicht geben.
Kerstin: Gemeinsam ist man stärker als allein.

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BEIM RADELN VERLIEBT. Michael Strasser und Kerstin Quirchmayr (vor „Ice2Ice“) (© Craig Kolesky)
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SELF(WO)MAN. Michael Strasser und Betreuerin Viktoria Klammerth warten das Rad während der „Ice2Ice“-Tour. (© Chris Wisser)
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INSPIRIEREND. Das Doppelinterview (© Chris Wisser)

FAKTEN:

Distanz: 23.000 Kilometer (14 Länder)
Höhenmeter: 185.000 m
Betreuerteam: Kerstin Quirchmayr, Chris Wisser (Kamera, musste aus gesundheitlichen Gründen abbrechen),
Samuel Renner (Kamera ab Ende August), Viktoria Klammerth (Übersetzerin), Viola Minixhofer (Physiotherapeutin),
Christian Wohlmutter (Verstärkung ab September)
Start: Prudhoe Bay / Alaska
Ziel: Ushuaia / Patagonien


www.strassermichael.at

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