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People | 03.10.2018

Hoppala!

Es gibt sie in herzig-harmlos und verheerend. Nadja Maleh kennt alle Hoppala-Arten. Wir philosophieren mit der Kabarettistin über das neue Programm, das sie hierzulande in St. Pölten erstmals zelebriert.

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(© Markus van der Man)

Auf der Mariahü

„Geh, wieso haben‘s jetzt neue Menükarten?! Viel zu schön!“ Nadja Maleh blättert stirnrunzelnd in der Getränkekarte ihres Stammlokals, dem altehrwürdigen Café Westend auf der Wiener Mariahü. Dann wird es ein Hollundersaft. „Old fashion“, das taugt ihr, wenngleich sie seit kurzem auch auf Instagram ihr pointiertes Unwesen treibt. Der Balanceakt auf Social Media gelingt ihr gut, sagt sie, „weil mein Publikum niveauvoll und super ist“. Das liegt freilich an der Sängerin und Kabarettistin, die auf der Bühne bisweilen in zig Figuren zu schlüpfen vermag. So auch bei ihrem aktuellen Programm „Hoppala!“.

NIEDERÖSTERREICHERIN: Wie kommst du auf „Hoppala!“?
Nadja Maleh: Meine Inspiration ist das Leben. Es ist voller Hoppalas, damit habe ich mich in letzter Zeit beschäftigt. Was ist ein Fehler? Wie gehen wir mit Fehlern um? Es gibt unterschiedliche Fehlerkulturen, manche Länder sind richtig perfektionistisch. Manchmal ist ein Hoppala sogar ein Segen. Da vergisst der Bakteriologe übern Urlaub die Nährbodenplatte und als er zurückkommt, ist alles voller Schimmel. Juchu, Entdeckung des Penicillins! Engländern graust ja vor gar nix, wir kennen ja die englische Küche. Außerdem war es clever, das Programm so zu nennen: Bei jedem Hoppala auf der Bühne wird man glauben, es war Absicht.

Zum neuen Kabarett gesellte sich kürzlich auch dein zweites Album …
Musik hat mir immer schon viel bedeutet, aber ich habe viele Jahre gebraucht, um den Mut dafür zusammenzukratzen. Ich habe schließlich Gesangsunterricht genommen, die innere Sehnsucht durfte direkt proportional mit dem Können wachsen. Nun schreibe ich Liedtexte, meine wundervollen Musiker setzen sie um. Mein kreativer Ausdruck ist vielseitig. Ich designe auch, zum Beispiel ein süßes Booklet mit Gutscheinen für ein gutes Leben: für eine Umarmung mit Bussi, für ein ehrlich gemeintes Kompliment oder für eine Teufelsaustreibung, wer‘s mag (lacht).

Was hältst du davon?
Es gibt andere Wege, mit Menschen umzugehen, die sich verirrt haben.

Deine Mama ist Psychotherapeutin, du hüpfst zwischen vielen Charakteren. Gibt es da einen Zusammenhang?
Ich glaube, meine Mutter würde das, wenn sie sich meine multiplen Persönlichkeiten anschaut, nicht als klinisch beurteilen (lacht). Aber ich habe durch sie schon jung einen analytischen Blick bekommen. Meine Eltern – mein Vater war Arzt und starb leider schon vor Jahren – waren beide sehr gute Analytiker. Sie haben mir beigebracht, alles aus mehreren Blickwinkeln anzuschauen. Außerdem haben sie mir die Fähigkeit mitgegeben, sich mit dem gegenüber zu verbinden, einen ehrlichen Kontakt aufzunehmen.

Spürst du demnach stark, wie dein Publikum auf dich reagiert?
Das muss ich! Wenn es eine Liebesgeschichte zwischen Publikum und mir werden soll, ist das wie bei jeder Liebesgeschichte: Es ist wichtig, gleichzeitig bei sich und beim anderen zu sein. Wenn man sich vergisst, ist es genauso blöd, wie wenn man den anderen verliert.

Macht es Druck, wenn die Leute von dir erwarten, ständig lustig zu sein?
Das ist Segen und Fluch zugleich. Es bedeutet Druck, aber auch eine Herausforderung, denn so entwickle ich mich ständig weiter. Ich schaue aber prinzipiell auf alles mit Humor. Das bin schon ich, das ist meine Persönlichkeit. Ich kann natürlich nicht immer rasend komisch sein, ich bin ein normaler Mensch und pupse auch keine Konfetti.

Hast du auch eine melancholische Seite?
Das Leben ist Kontrast. Wenn es eine extrovertierte, lustige Seite gibt, muss es auch eine introvertierte, melancholische, sensible geben. Es heißt doch: Komik ist Tragik in Spiegelschrift. Wir erkennen und fühlen tragische Situationen und versuchen sie mit Komik umzudrehen.

Wieso gibt es noch immer viel weniger Frauen auf der Kabarettbühne?
Weil wir bei allem, wo es wichtig ist, in der Minderzahl sind.

Gibt es einen Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Schmäh?
Ich würde eher auf die Einstellung schauen, wie ein Mann und eine Frau was macht. Das ist jetzt generalisierend und natürlich gibt es Ausnahmen, aber es gibt eine große Selbstverständlichkeit, mit der Männer etwas starten, eine Sache tun. Wir dürfen uns da ruhig inspirieren lassen: zu ein bissl mehr Selbstverständlichkeit und ein bissl weniger „ist das eh gut genug?“!

 

 

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"Wir fühlen und erkennen Tragisches und versuchen, es mit Komik umzudrehen", sagt Nadja Maleh. (© Henrik Spranz)

Wieso bist du Schauspielerin bzw. Kabarettistin geworden?
Fragen wir den lieben Gott! Ich war schon im Kindergarten der Clown, in der Schule habe ich Loriot-Sketches gemacht. Mit 24 war ich dann mal arbeitslos und dachte mir: Bevor ich warte, mache ich was eigenes. Da habe ich dann mit meiner Kollegin und Freundin Valerie Bolzano ein Kabarett-Frauenduo gegründet – und festgestellt: Das funktioniert! Die Kabarettschiene liegt mir mehr als tragische Sachen. Ich schreibe meine Texte selbst und es gibt nichts Geileres, als entscheiden zu können, was du spielst.

Weil du Gott immer wieder erwähnst: Bist du religiös?
Nein, aber ich habe keine Angst vor dem Wort Gott. Ich bin eher spirituell; mein Weg ist der Weg der achtsamen Wahrnehmung. Ich meditiere auch; nicht weil ich die Erleuchtung erlangen will, sondern weil es mir gut tut.

Dein Vater war gebürtiger Syrer. Wie kam er nach Österreich?
Damals hat man das einfach Immigrant genannt; wenn ein Mensch zu Hause wenig Perspektiven hatte, ein neues Leben anfangen und hier Medizin studieren wollte, dann hatte das damals noch einen normalen Namen. Heute haben wir in unseren Köpfen nur noch ein Bild: Wenn jemand von A nach B geht, ist er ein Flüchtling oder ein Wirtschaftsflüchtling. Das ist unerträglich, dass wir so labeln und dahinter nicht mehr den Mensch sehen.

Wie geht es dir mit der Situation in Syrien?
So viele Jahre, so viele Tote, so viel Elend – ein Land traumatisiert auf Generationen. Vorher wusste niemand, wo Syrien ist, wenn ich gesagt habe, dass dort meine zweite Heimat ist. Heute weiß man es aus den falschen Gründen. Es ist absurd, welchen Ruf Syrer hier heute haben; auch ich würde flüchten, wenn mir mein Leben unterm Arsch weggebombt wird. Ich verstehe, dass fremde Kulturen verwirrend sind, aber es sind freundliche, großzügige, humorvolle Menschen – das sagt jeder, der einmal dort war.

Gibt es Themen für dich, über die du nicht scherzt?
Als halbe Araberin erlaube ich mir, selbst darüber Scherze zu machen. Ich mache vorrangig Witze über Dinge, die Teil von mir sind. Humor will ja nicht kaputt machen und verletzen, sondern durch das Aufzeigen von Absurditäten eine Leichtigkeit, eine Erträglichkeit ins Leben bringen.

Info

Nadja Maleh „Hoppala!“ – Wien-Premiere: 10. Oktober 2018, Kulisse; Niederösterreich-Premiere: 20. Oktober 2018, St. Pölten/Stadtsäle, www.cityhotel-dc.at, www.nadjamaleh.com