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People | 15.10.2018

Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen!

Gerade noch begeisterte uns Bernhard Aichner mit seinem Theaterstück „Luzifer“ bei den Sommerspielen Melk. Am 1. Oktober erscheint sein bisher persönlichster Thriller „Bösland“. Darin verarbeitet er auch sein Überleben des Tsunami 2004 in Thailand – mit seinem kleinen Sohn um den Leib gebunden.

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(© www.fotowerk.at)

Er ist Bestsellerautor, Fotograf, verheiratet und Vater von drei Kindern. Die Erstfassung seiner Romane schreibt er mit der Hand, wodurch er die Liebe zur Handschrift entdeckt hat. Er schreibt Lyrik auf Leinwand, malt Akte, schreibt Szenen – und gilt als „Frauenversteher“. „Damit ich meine Frauenfiguren wirklich zum Leben erwecken kann, muss ich wissen, was sie bewegt, sie berührt, was ihnen Angst macht, wonach sie sich sehnen.... Je mehr ich vom anderen weiß, desto einfacher, intensiver und leidenschaftlicher wird das Zusammenleben. Liebe funktioniert längerfristig nur dann, wenn sich alle Beteiligten wirklich gut kennen“, sagt er.

Im Bösland. Sommer 1987. Auf dem Dachboden eines Bauernhauses wird ein Mädchen brutal ermordet. Ein dreizehnjähriger Junge schlägt sieben Mal mit einem Golfschläger auf seine Mitschülerin ein und richtet ein Blutbad an. Dreißig Jahre lang bleibt diese Geschichte im Verborgenen, bis sie plötzlich mit voller Wucht zurückkommt und alles mit sich reißt: Der Junge von damals mordet wieder …

Niederösterreicherin: Die Idee zu Bösland kam Ihnen im Traum. Träumen Sie oft so schlecht?
Bernhard Aichner: Ich bin vor zwei Jahren mitten in der Nacht aufgewacht. Schweißgebadet, ich hatte fürchterlich geträumt. Es war eine wahnsinnige Geschichte, in der ein kleiner Junge seine Freundin erschlägt, alles ganz plastisch, wie ein Film. Ich bin aufgestanden und habe alles aufgeschrieben, aus Angst, es zu vergessen. Obwohl ich Thriller schreibe, träume ich sehr selten schreckliche Dinge. Die einzigen Alpträume, die mich über Jahre begleitet haben, waren jene nach dem Tsunami 2004 in Thailand. Ich habe lange gebraucht, dieses „Todeserlebnis“ zu verarbeiten. Ich war damals überzeugt davon, dass jetzt die Welt untergeht, und ich mit ihr. Ich habe mich an Bibelgeschichten erinnert, an die Sintflut, die Strafe Gottes, absurde Gedanken schossen mir durch den Kopf, ich habe nichts mehr verstanden. Da war nur noch Todesangst. Ich war auf das Balkongeländer unserer Hütte geklettert, hatte meinen einjährigen Sohn an mir festgebunden und mit dem Leben abgeschlossen. Das Wasser stieg und stieg, eine reißende Flut war es, die uns am Ende aber doch verschont hat. Das einzige was blieb, waren die Träume.

Spielt deshalb ein Großteil Ihres neuen Romans in Thailand?
Ja. Thailand ist etwas sehr Persönliches für mich. Ich liebe dieses Land. Ich war schon vor mehr als 20 Jahren da, bin dann immer wieder auf die Inseln zurück, und habe mir irgendwann vorgenommen, dass eines meiner Bücher dort spielen soll. In einem Land, das so schön, und gleichzeitig in meinen Gedanken mit so viel Angst und Zerstörung verbunden ist. Das Paradies, das zum Boden für Alpträume wird ...

Sie sagen, Sie seien „dem Tod auf die Schippe gesprungen“...
Der Tod ist mir in meinem Leben in vielen angsteinflößenden, verstörenden und grauslichen Facetten begegnet. Freiwillig und unfreiwillig. Als Ministrant am Friedhof, als Fotolaborant beim Entwickeln von Bildern für den Tatortfotografen einer Boulevardzeitung, bei der schrecklichen Lawinenkatastrophe im österreichischen Galtür. Ich habe mit 14 sehr glücklich einen Autounfall überlebt, genauso wie den Tsunami. Das alles ging nicht spurlos an mir vorbei. Irgendwann habe ich für mich entschieden, dass mir eine tiefergehende Auseinandersetzung den Schrecken nehmen soll. Deshalb habe ich für die Recherche der Totenfrau-Trilogie begonnen, bei einem Bestattungsunternehmen mitzuarbeiten. Ich habe Leichen gewaschen und sie für die Bestattung vorbereitet. Eine ebenso intensive wie wertvolle Erfahrung. Es hat meinen Umgang mit dem Tod leichter gemacht, es half zu begreifen, dass wir alle irgendwann sterben müssen, dass jeder Tag ein Geschenk ist. In diesem Sinne bin ich dem Tod auch auf die Schippe gesprungen, wenn man so will. Ich habe mich entschieden Thriller zu schreiben, dem Tod auf literarische Art und Weise den Schrecken zu nehmen.

Was hat eine Liebesgeschichte in einem Thriller verloren?
Ich bin ein heilloser Romantiker. Liebesgeschichte und Thriller – das ist für mich also kein Widerspruch. Ich bin immer bemüht, dass es in meinen Büchern trotz Düsternis am Ende ein Happy End gibt. Liebe und Tod sind schon immer Grundmotive in der Literaturgeschichte gewesen, und für mich untrennbar miteinander verbunden. Keines der Bücher, die ich bisher geschrieben habe, kommt ohne Liebesgeschichte aus. „Schmusen“ ist das Wichtigste für mich im Leben. Sollte es auch für alle anderen sein (lacht).

Im Bösland wird also auch geschmust?
Bösland ist ein sehr hartes, abgründiges Buch. Aber es gibt auch Platz für die Liebe. Ich zeichne eine Dreiecksbeziehung, die bis zum Schluss spannend und erotisch bleibt. Wobei ich dazu sagen muss, dass das Schreiben von Sexszenen zum Schwierigsten überhaupt gehört. Es darf nicht billig sein, nicht ordinär, nicht zu kitschig. Es soll geheimnisvoll bleiben und bestenfalls auch Lust machen. Ich bin schon oft daran gescheitert, bin aber mittlerweile sehr nahe dran. Es ist ja auch hier so wie im wirklichen Leben: Nur wenn man viel übt, hat man irgendwann beim Sex den Dreh raus.

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BÖSLAND
ISBN: 978-3-442-75638-4
Verlag: btb
Das Hörbuch wird u.a. vom „Bergdoktor“ Hans Sigl gesprochen.