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People | 15.11.2018

Und wie gut bist Du?

Von der gutherzigen Prostituierten zum skrupellosen Kapitalisten: Lili Epply spielt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ am Landestheater und weiß, wann Pfiffe und Zurufe Gutes bedeuten.

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"Der gute Mensch von Sezuan" (© Alexi Pelakanos / Landestheater NÖ)

Adoleszente Lässigkeit. In der Pause werden Sprüche geklopft, in der Finsternis darf dann ungeniert um Shen Tes Schicksal gezittert werden. Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ – in einer vormittäglichen Schulvorstellung am Landestheater. „Kinder und Jugendliche sind erbarmungslos“, schmunzelt Lili Epply, als sie in mit Rosen umrankten Doc Martens und mit frisch geföhnten Haaren aus der Garderobe zum Interview kommt. Das ist durchaus Pflichtprogramm bei einer Herbst-Winter-Produktion, in der es auf der Bühne regnet.

Pfiffe, Zurufe, dann wieder Mucksmäuschenstille. Das junge Publikum lebte mit. „Mich freut es, wenn Theater so ein kommunikativer Raum ist“, sagt die Wienerin, die nun regelmäßig nach St. Pölten pendelt. Sie spielt in Peter Wittenbergs Inszenierung – die Musik macht Bernhard Moshammer – die Prostituierte Shen Te, deren Gutherzigkeit sie alsbald in eine tiefe Krise stürzt. Um zu retten, was noch zu retten ist, verkleidet sie sich als Mann und gibt sich als ihr skrupellos kapitalistischer Vetter aus … Kein federleichtes Frühstück eigentlich, doch Lili Epply hüpft mit erstaunlichem Geschick von einer Rolle in die andere (Abendvorstellungen bis Mitte Dezember).

Seit der Volksschule ist die Bühne Teil ihres Lebens; mit zehn Jahren beginnt sie an der Wiener Staatsoper zu tanzen. Jeden Tag nach der Schule, hinzu kommen Proben und Vorstellungen am Wochenende. „Es war so schön, wie es schwierig war“, sagt die junge Frau, die mit 15 schweren Herzens das professionelle Tanzen bleiben lässt. „Im klassischen Ballett gibt es die Perfektion, der Weg dahin ist hart. Es ist eine Erleichterung im Schauspiel, dass es viele Wege, viele Möglichkeiten gibt, sich auszuprobieren. Das nicht Perfekte kann gleichermaßen perfekt sein.“

Die plötzlich gewonnenen Freiräume füllt sie mit Theater. Sie sitzt im Publikum, sie improvisiert mit Gleichgesinnten in der „Jungen Burg“. Nach der Matura studiert sie am Mozarteum Salzburg Schauspiel; als Tochter einer Restaurantleiterin und eines Friseurs ist sie die erste in der Familie, die die Liebe zur Kunst zum Beruf macht. „Wobei Papas Geschäft für ihn manchmal auch eine Bühne ist“, lacht sie.

 

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BEZAUBERND LEIDENSCHAFTLICH. Vom Drama über Action bis hin zum Psychothriller: Lili Epply beherrscht eine große Palette an Emotionen – auf der Bühne und vor der Kamera. (© Viktória Kery-Erdélyi)

Vor der Kamera

Mit einer kleinen Rolle in Karin Mücksteins „Talea“ zelebriert sie ihr Filmdebüt, wenig später folgen Rollen in Serien wie „Cop Stories“, „Tatort“ und „Schnell ermittelt“. Ein Zuckerl in ihrer Vita, das sie beim Nachfragen zum Schmunzeln bringt: In „James Bond: Spectre“ – Regie führte Sam Mendes – gibt sie eine Snowboarderin. „Man muss aber schon sehr wachsam sein, sonst verpasst man den Moment, in dem ich zu sehen bin“, gesteht sie unkapriziert. Nicht missen möchte sie die Erfahrung, bei den Dreh­arbeiten in Tirol Hollywood-Luft geschnuppert zu haben.

Michael Ramsauers packender Psychothriller „Mein Fleisch und Blut“ katapultiert die begabte Mimin ins Rampenlicht. An der Seite von Ursula Strauss und Andreas Kiendl überzeugt sie als eine junge Frau mit zwei Gesichtern … „Meine erste große Filmrolle! Ich war schonungslos zu mir selbst, habe mich da sehr reingeschmissen – das schuldete ich dieser Chance. Wie intensiv diese Zeit war, habe ich erst nachher gemerkt.“

„Ich habe aber noch keine Rolle gespielt, die mich nicht berührt hat“, räumt sie sofort ein und schwärmt im gleichen Atemzug über die Zusammenarbeit mit Freundin und Kollegin Sarah Viktoria Frick, mit der sie Anton Tschechows „Möwe“ erarbeitete. „Die Rolle der Nina hat mich nachhaltig beeinflusst; auch dabei passiert viel Auseinandersetzung mit Klischees.“

 

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WER LÄSST WEN IM REGEN STEHEN? Lili Epply, Stefano Bernardin und Tim Breyvogel (unten rechts) in Wittenbergs Inszenierung (© Alexi Pelekanos / Landestheater Niederösterreich)

Damit spielt sie freilich an die aktuelle Brecht-Produktion in St. Pölten an, in der viele Aussagen leider stets Gültigkeit haben, wie sie anmerkt: „Wenn du einen Schnurrbart hast, geht man anders mit dir um.“ Wobei Brechts Figur durchaus kühn das „männliche Innere“ einsetzt. „Shen Te kann beides. Manchmal braucht es dafür nur andere Schuhe. Das denke ich mir beim Spielen, aber oft auch privat. Ich glaube, wir Frauen tragen ohnehin auch Vieles in uns, man muss sich nur trauen hinzugreifen, anstatt sich selbst defizitär zu sehen.“ Mit dem Frauen- und Männerbild sowie dessen Wandel will sich Lili Epply auch in ihrer Diplomarbeit auseinandersetzen.

Ausblick

Von der Kinoleinwand strahlt sie im Februar 2019 erneut – im vierten Teil des erfolgreichen mehrteiligen Jugendfilms „Ostwind“. Kommendes Jahr steht Lili Epply mit Juergen Maurer für eine TV-Produktion vor der Kamera. Zudem will sie sich in ihrer Freizeit für das Caritas-Projekt „a_way“, der einzigen Notschlafstelle für Jugendliche in Wien, engagieren. Und wie ihre Definition für einen guten Menschen aussieht? „Sie beginnt mit Nächstenliebe, aber allein der ständige Versuch gut sein zu wollen, trägt schon Gutes in sich.“