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People | 23.11.2018

Leben auf Messers Schneide

Arnold Hiess aus dem beschaulichen 111-Einwohner-Dorf Voitschlag im Waldviertel ist Landwirt am Hof seiner Eltern. Nun legte der Bücherwurm und Gewinner vieler Lesewettbewerbe von damals sein erstes Werk vor: ein über 400 Seiten starkes Historiendrama, das in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Paris spielt. C’est formidable!

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Autodidakt & kreativ. Auch bei seiner Arbeit am Feld

Erinnern Sie sich noch an den französischen Räuber und Bandenchef Louis Dominique Bourguignon, besser bekannt als Cartouche? Es war jener Meisterdieb, der die Herrschenden im Frankreich des Sonnenkönigs Ludwig des XIV. in Angst und Schrecken versetzte. Mit nur 28 Jahren wurde Cartouche am 28. November 1721 zum Tod am Rad verurteilt. So beschreiben jedenfalls offizielle Quellen sein frühes Sterben. Was aber wäre, wenn Cartouche dank listiger Hilfe die grausame Hinrichtung überlebt und durch eine Maske geschützt weiter gelebt hätte? Nun, dann befinden wir uns mitten in der Geschichte von Arnold Hiess, der das Leben des Cartouche in einem aufwühlenden, wort- und bildgewaltigen Sozialepos auf 424 Seiten weitererzählt: den Kampf eines Einzelnen gegen alle Konventionen. Anders ausgedrückt: ein Plädoyer für Menschlichkeit und Liebe.

 

NIEDERÖSTERREICHERIN: Arnold, woher kam die große Lust am Schreiben?

Arnold Hiess: Ich habe schon als Kind sehr viel gelesen und wollte immer schon selbst verfassen. Meine ersten Entwürfe, die ich im Alter von 15 Jahren geschrieben habe, landeten aber allesamt im Papierkorb, weil ich mich als noch nicht gut genug erachtete. Ich kann es nicht genau erklären, aber irgendwie hat mich stets immer etwas zum Schreiben bewogen; und so habe ich mich dann Ende 2014 hingesetzt, angefangen, mich dabei auch fortdauernd verbessert und mein erstes Werk vollendet. 

Ist das Schreiben für Sie eine Art Ventil Ihrer Kreativität?

Ja, auf jeden Fall. Es ist ein bisschen wie Malen, es muss einfach zu Papier! Manchmal gibt es Nächte, in denen ich aufwache und Sätze und Ideen schwirren durch meinen Kopf. Ich schreibe ja ohnehin meistens nachts, aber auch am Tage habe ich manchmal einige Einfälle, die ich dann immer zuerst minutiös handschriftlich zu Papier bringe. Mir gefällt es auch einfach, aus weißen Blättern eine Geschichte und Charaktere zu formen. 

 

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Arnold Hiess: "Leben auf Messers Schneide", EDITION digital, ISBN: 978-3-95655-893-1

Ich kann mir vorstellen, dass die Arbeit am Hof Ihrer Familie eine sehr zeitraubende ist. Wann finden Sie Muse, zu schreiben?

Natürlich ist ein landwirtschaftlicher Betrieb eine sehr arbeitsintensive Angelegenheit. Doch wenn einem das Schreiben richtig gut gefällt, findet man immer wieder Zeit, dem nachzugehen, was einem so unglaublich viel geben kann. Die Bilder, die einem durch den Kopf schießen, während man tief im Duktus steckt, sind außergewöhnlich und ich versuche sie zu transportieren.

In Ihrem Erstlingswerk tauchen Sie gleich in ein anderes Jahrhundert, in ein anderes Land, welches Sie historisch detailgetreu beschreiben. Warum dieses Thema?

Mir gefällt die Stadt Paris und die Geschichte Frankreichs; außerdem habe ich die Messlatte für mich selbst absichtlich sehr hoch gelegt, weil ich von mir selbst sehen wollte, dass ich ein anderes Land und eine andere Stadt im 18. Jahrhundert gut zu Papier kriege.

Mit der Erzählung in Ich-Form schaffen Sie Nähe und Identifikation beim Leser. Der gefürchtete Meisterdieb beutet Reiche aus, um es den Armen zu geben. Verfolgen Sie damit eine gesellschaftspolitische Botschaft oder einfach die Sympathie für ein Robin-Hood-Syndrom?

(schmunzelt) Natürlich steckt eine Botschaft dahinter – wenn ich beispielsweise auch zu unseren heutigen modernen Zeiten sehe oder höre, wie Kinder in fernen Ländern verhungern, kaum Kleidung besitzen oder Spielzeug haben, dann blutet mein Herz. Es gibt viele Menschen, denen es wesentlich schlechter ergeht. Deshalb: Sollte ich eines Tages zum Bestsellerautor avancieren, würde ich sehr zeitnah eine eigene Stiftung einrichten, um auch denen zu geben, die es nötiger haben.

Ihr Buch liegt zurzeit bei der Frankfurter Buchmesse auf – die Fortsetzung soll bereits im März zur Leipziger Buchmesse erscheinen. Wie geht‘s weiter, bleiben Sie dem Genre Historienroman treu?

Ja, dieses Werk wird eventuell bis zu vier Teile umfassen; ich möchte es mit einer für mich  besonderen jungen Dame später fortführen und sie durch die französische Revolution begleiten. Das viktorianische London ist ebenfalls ein toller Schauplatz; Florence Nightingale wäre meine Hauptfigur. Und auch Kleopatra ist ein Buch wert. Da ich aber ein Faible für Spannungsliteratur und Thriller habe – ich wurde in letzter Zeit sogar schon als Sebastian Fitzek Österreichs bezeichnet, obwohl ich solche Vergleiche nicht besonders mag – werde ich mich zukünftig auch dem Genre Thriller widmen. Und eine sehr spannende Fantasy-Reihe spukt ebenfalls in meinem Kopf herum.  

Was sagen Ihre Eltern, wenn der Hof­erbe eine Karriere als Autor macht?

(lacht) Also, meine Mutter, die momentane Betriebsführerin, ist nicht gerade begeistert. 

Nein, natürlich unterstützen sie mich beide jeden Tag, wo sie nur können. Mein Vater war jahrelang in der Werbebranche tätig, hat sogar selbst verfasst, ohne zu veröffentlichen und weiß ganz genau, wie es ist, wenn man diese künstlerische Ader hat. Und meine Eltern wissen auch ganz genau, dass ich sie niemals im Stich lassen würde.

Glauben Sie, dass Bücher die Kraft haben, unsere Welt ein bisschen friedlicher und besser werden zu lassen?

Natürlich haben sie das! Manche Bücher sind neben Entertainment auch Stimmen, die etwas ausdrücken und bewegen wollen. Ich persönlich wurde von manchen Menschen auch oft als Träumer abgestempelt, doch es sind die Träume, die die Welt verändern und nicht die Erbsenzähler. Ich bin übrigens ein großer Fan von Christina Stürmer. Bei ihr sah man schon immer, wie sehr sie das liebt, was sie tut – man merkt es in ihrem Lächeln und in dem Glänzen in ihren Augen. Auch sie verbessert für mich mit ihrer Kunst und ihrer Art die Welt.